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Corona-Folgen in FrankreichDie Krisengewinnerin heisst Marine Le Pen

Unsicherheit als solide Basis: Die Chefin des rechtsradikalen RN versucht, aus den wirtschaftlichen Folgen von Corona Kapital zu schlagen, und schürt die Angst vor der «Verwilderung» der Gesellschaft.

Sieht sich durch Corona in dem bestätigt, was sie ihren Wählern schon lange predigt: Marine Le Pen.
Sieht sich durch Corona in dem bestätigt, was sie ihren Wählern schon lange predigt: Marine Le Pen.
Foto: Etienne Laurent (EPA)

Die Strandbar verkauft Gambas und Rosé, und ein paar Meter weiter verkauft Marine Le Pen finstere Visionen und einfache Lösungen. Der rechtsradikale Rassemblement National (RN) feiert am Mittelmeer das Ende der politischen Sommerpause. Bevor sie am Sonntag per Livestream ihre Anhänger auf ihren jüngsten Slogan einschwor («Franzosen, wacht auf!»), hatte Le Pen am Samstagabend die Presse an der Promenade von Fréjus versammelt. Kameras und Mikros müssen ausbleiben, und Le Pen verzichtet weitgehend darauf, zu zeigen, dass sie von Journalisten wenig hält. Dieser Abend gehört dem gezähmten RN. Der Partei, die ihre faschistischen Jahrzehnte weggewischt wissen will und deren Kernbotschaft lautet: Wir wollen und können Frankreich regieren.

Fréjus bietet die ideale Bühne. Seit 2014 regiert hier David Rachline, Fréjus war die erste 52’000-Einwohner-Gemeinde, die der RN gewann. Vor einem halben Jahr wurde Rachline im ersten Wahlgang im Amt bestätigt. Auf seinen Wahlplakaten suchte man das Flammen-Logo des RN vergeblich. Er versprach saubere Parks, mehr Polizei, Gratis-Tierarztbesuche für Haustiere. Doch hier sitzt er nicht nur als Bürgermeister vorm Sonnenuntergang, sondern auch als enger Vertrauter von Le Pen. Er leitete 2017 ihr Team für die Präsidentschaftskampagne. 2014, als er noch nicht entspannt in die Wiederwahl segelte, sondern sich als rechtsradikaler Gegenkandidat zu den politisch Etablierten präsentierte, war der Kampf gegen die lokale Moschee das Herzstück seiner Kampagne.

Der Umriss Algeriens in Frankreichs Nationalfarben

Auch wenn völlig klar ist, dass sich die Partei um und unter Le Pen anordnet, ist der RN in Mannschaftsstärke angereist. Da ist der Jungstar Jordan Bardella, der so oft in französischen Talkshows sitzt, dass es wirkt, als habe er sein eigenes Frühstücksfernsehen. Da sind Gastgeber Rachline und sein Gegenstück aus dem Norden: Steeve Briois, seit 2014 Bürgermeister in Hénin-Beaumont, nahe der belgischen Grenze.

Fasst man es sehr kurz, dann holt der Mittelmeer-RN die Wähler im Süden ab, deren Sorge nicht primär der wirtschaftliche Abstieg ist, sondern die in Frankreich die Kämpfe weiterfechten, die aus der Kolonialzeit übrig geblieben sind. Es sind diejenigen, die nicht verkraften wollen, dass Algerien den Weg in die Unabhängigkeit gewählt hat und muslimische Franzosen mit nordafrikanischen Wurzeln nun gleichberechtigt am Nebentisch im Café sitzen. Zu Rachlines ersten Amtshandlungen gehörte die Einweihung eines Gedenksteins. Darauf ist der Umriss Algeriens zu sehen, blau-weiss-rot mit Frankreichs Nationalfarben ausgemalt. Im Norden, bei Steeve Briois, sind die Prioritäten andere, dort findet der RN seine Wähler, wo früher Kohle abgebaut wurde und heute nur noch die Jobs.

«Sie kriegt die Stimmen der Verzweifelten, derjenigen, die nie bekommen haben, was ihnen versprochen wurde.»

Rechtsextremismusforscher Jean-Yves Camus

Nach Jahren der Triumphe wirkt es heute eher, als stagniere die Partei. Die Europawahl 2019 gewann sie nur sehr knapp vor Emmanuel Macrons La République en Marche, bei den Kommunalwahlen eroberte sie Perpignan, mit 120’000 Einwohnern die bislang grösste RN-Stadt, doch gleichzeitig verlor sie in den Gemeinderäten ein Drittel ihrer Sitze in der Opposition.

Doch der Platz, den Le Pen innerhalb der Parteienlandschaft besetzt, ist nicht nur krisensicher, er ist für Krisen gemacht. Der Rechtsextremismusforscher Jean-Yves Camus beschreibt Le Pens Wählerschaft so: «Sie kriegt die Stimmen der Verzweifelten, derjenigen, die mal links, mal konservativ gewählt haben und die nie bekommen haben, was ihnen versprochen wurde, und die sich jetzt für diejenige entscheiden, die alles umstürzen will.»

Aktuelle Prognosen gehen davon aus, dass infolge des achtwöchigen Lockdown bis Jahresende 800’000 Menschen ihren Job verlieren. Eine Pleitewelle bei Ladenbesitzern und Handwerksbetrieben, bei den kleinen Selbstständigen, die zu Le Pens Kernwählerschaft zählen, dürfte dem RN nutzen, erklärt Camus. Le Pen sieht sich durch Corona in dem bestätigt, was sie ihren Wählern schon lange predigt: Grenzen zu, Freihandel einschränken, den Staat stärker die Wirtschaft lenken lassen.

Corona verändert das Land: Infolge des achtwöchigen Lockdown werden laut Prognosen bis Jahresende 800’000 Menschen ihren Job verlieren.
Corona verändert das Land: Infolge des achtwöchigen Lockdown werden laut Prognosen bis Jahresende 800’000 Menschen ihren Job verlieren.
Foto: Charles Platiau (Reuters)

Anders als Donald Trump in den USA oder die deutsche AfD, ihre ideologischen Verbündeten, muss sich Le Pen nicht in Symbolkämpfe verstricken, ob ein Stück Stoff über Mund und Nase einen Eingriff in die Freiheit darstellt. Die Masken sind für sie nur insofern ein politisches Thema, als sie fordert, der Staat müsse sie gratis zur Verfügung stellen. Le Pens Versprechen ist nicht die Freiheit, sondern der Schutz. Der Schutz der weissen Mittelschicht vor all dem, was diese als Bedrohung empfindet.

Sie redet von Menschen, «die andere erstechen, weil sie einen Parkplatz wollen oder ein Sandwich».

Frankreich habe einen «mörderischen Sommer» hinter sich, ruft Le Pen vor ein paar Hundert Parteifreunden im Theater von Fréjus und vor den Tausenden, die ihr über Facebook und Twitter zuhören. Sie meint damit nicht die mehr als 30’000 Menschen, die seit März an der Pandemie gestorben sind. Nein, sie redet von Menschen, «die andere erstechen, weil sie einen Parkplatz wollen oder ein Sandwich». In Le Pens Rede ist Gewalt das zentrale Thema. Eine Gewalt, so Le Pen, die «in der multikulturellen Gesellschaft ihren Nährboden hat».

Solche Debatten muss sie mittlerweile nicht mehr selber anstossen, sie laufen auch ohne sie. Aktuell streitet Macrons Regierung darüber, ob man eine «Verwilderung» der Gesellschaft erkennen könne, ein «ensauvagement». «Schlimmer als tatsächliche Unsicherheit ist ein Gefühl von Unsicherheit», hielt Justizminister Eric Dupond-Moretti dagegen und kritisierte das Gerede von Verwilderung. Einen statistischen Anstieg der Kriminalität gibt es nicht.

«On est chez nous» – wir sind hier bei uns

In Frankreich «explodiert die Kriminalität», erklärt dagegen Le Pen. Dies sei «ein Resultat unkontrollierter Einwanderung, die den Franzosen seit Jahrzehnten aufgezwungen wird». Sobald die Themen innere Sicherheit und Migration in Frankreich dominieren, steht Le Pen auf festem Grund. Die anderen streiten dann darüber, was man sagen darf und was nicht. Und Le Pen stellt sicher, dass sie die Stimmen derjenigen bekommt, die auf diese Streitereien eine radikale Antwort wollen. «Mit der Barbarei verhandelt man nicht, man bekämpft sie», sagt Le Pen. Oder wie ihre Anhänger skandieren: «On est chez nous» – wir sind hier bei uns.

36 Kommentare
    Romy Jeker

    ... und schürt die Angst vor der «Verwilderung» der Gesellschaft... Die Gesellschaft ist längst verwildert, da muss man keine Angst mehr schüren. Fusstritte, Messerstechereien, Gewalt gegen Behörden, Polizisten, Sanitäter und der Mainstream betreibt Täter- statt Opferschutz und dies alles soll keine Verwilderung sein? Aber Hauptsache, über Marine Le Pen kann man einmal mehr als Sündenbock herziehen und deren Partei als rechtsradikal einstufen. Wie wäre es, wenn die Medien mal die Linksextremisten zur Brust nähmen und über deren obige Gräueltaten so ausführlich berichten würden. Wenn dann noch der Justizminister Eric Dupond-Moretti eine Verwilderung in Abrede stellt und einen statistischen Anstieg der Kriminalität leugnet, dann stinkt es mächtig zum Himmel.