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Wiederöffnung LiteraturhausDie Kultur schläft nicht mehr

Am Limmatquai eröffnet in einem ehemaligen Schuhgeschäft eine temporäre Abgabestelle
für Seelenmedizin: Willkommen in der Literatur-Apotheke.

Einst Schuhgeschäft, jetzt die Literatur-Apotheke: Die Räumlichkeiten an der Ecke zur Marktgasse.
Einst Schuhgeschäft, jetzt die Literatur-Apotheke: Die Räumlichkeiten an der Ecke zur Marktgasse.
Foto: Urs Jaudas

Das Zürcher Literaturhaus hat geschlafen. Es wollte nicht, aber konnte nicht anders, wie so viele andere Institutionen auch. Jetzt allerdings, wo die Angst vor dem Virus etwas kleiner und die Freiheit grösser geworden ist, regt sich auch im Haus am Limmatquai wieder Leben. An Normalbetrieb ist noch nicht zu denken, aber man will das geschriebene Wort wieder unter die krisengebeutelten Leute bringen. «Auch, weil Literatur die Welt ein bisschen gesünder machen kann», sagt Gesa Schneider.

Gemeinsam mit ihrem Team hat die Leiterin des Literaturhauses die «Literatur-Apotheke» ins Leben gerufen. Im ehemaligen Schuhgeschäft an der Ecke zur Marktgasse, das ebenfalls der Museumsgesellschaft gehört, haben sie gemeinsam mit den Szenografen von Ortreport einen gut einsehbaren Kunstraum geschaffen. Hier wird zwischen Heilung versprechenden Büchern und verspiegelten Objekten vorgelesen und diskutiert, können Menschen wieder zusammen und mit Literatur in Berührung kommen.

Das Literaturhaus erwacht: Hier soll bald wieder vorgelesen und diskutiert werden können.
Das Literaturhaus erwacht: Hier soll bald wieder vorgelesen und diskutiert werden können.
Foto: Urs Jaudas

30 Personen haben im Inneren Platz, alle anderen können sich von ausserhalb des Ladens bei ausgewählten Veranstaltungen per Livestream zuschalten und, nur durch ein paar grosse Schaufenster getrennt, am Geschehen teilhaben. Auch weil man hier vielleicht nur zufällig vorbeikommt, träumt Schneider von einem spontanen, temporären Begegnungsort, an dem endlich wieder ein physischer Austausch zwischen Menschen stattfinden kann.

Cognac und Texte auf Rezept

Am 8. Juni ist Eröffnung. Gemeinsam mit dem Theater Neumarkt und dem Cabaret Voltaire wird man die kurze Restspielzeit mit einem literarisch-performativen Spaziergang durchs Niederdorf einläuten und deutlich machen, dass länger Schlafen als nötig für jede Art von Kulturinstitution keine Option ist. Von 19 bis 23 Uhr gibt es Theater, Musik, Performances, Literatur, Kunst und Cognac. Das Publikum ist eingeladen, von Haus zu Haus zu spazieren.

In der Literatur-Apotheke schreiben am Eröffnungsabend Julia Weber, Gianna Molinari und Ulrike Ulrich vom Kollektiv «Literatur für das, was passiert» auf ihren Schreibmaschinen Texte auf Auftrag beziehungsweise auf Rezept. Danach finden bis und mit 28. Juni täglich Veranstaltungen statt. Unter der Woche über Mittag wird jeweils «Literatur hochdosiert» verabreicht. Meint: Schauspielerinnen und Schauspieler lesen Texte, die ihnen am Herzen liegen. Es kann dann immer mal wieder auch um Krankheit im engeren oder im weiteren Sinne gehen. Wir befinden uns ja schliesslich in einer Apotheke.

Eingerichtet mit der Hilfe von Szenografen: Verspiegelte Objekte im gut einsehbaren Raum.
Eingerichtet mit der Hilfe von Szenografen: Verspiegelte Objekte im gut einsehbaren Raum.
Urs Jaudas

Da vertieft sich zum Beispiel Miriam Japp in Gertrude Stein (10.6.), Thomas Sarbacher in John Cheever (18.6.), Lara Körte in Friedrich Glauser (19.6.) und Delia Mayer in Gottfried Keller (24.6.). Jeweils am Nachmittag dann
bespielt ein Zürcher Literaturverlag die Apotheke – erlaubt ist, was gefällt. Man wollte damit auch denen eine Plattform geben, sagt Schneider, die in den letzten Monaten notgedrungen wenig sichtbar waren. Abends dann finden mal eine Sofalesung, ein Konzert oder ganz reguläre Veranstaltungen aus dem noch vor dem grossen Schlaf geplanten Literaturhausprogramm statt.

Schneider selbst wird am Mittwoch, dem 24.6., mit der aktuellen Writer-in-Residence Maaza Mengiste ein Gespräch führen über Gewalt in Sprache und Fotografie. Dabei wird es aus aktuellem Anlass auch um die Lage in den USA gehen und darum, ob es für die Schriftstellerin Fluch oder Segen war, wegen des Virus nicht in ihre Heimatstadt New York zurückkehren zu dürfen.

Mo 8.6. bis So 28.6.
Eröffnungsrundgang: Mo 8.6., ab 19 Uhr
Literatur-Apotheke, Limmatquai/Marktgasse
Tickets und Reservation:
www.literaturhaus.ch

1 Kommentar
    Leo Lüscher

    Das ergänzte dann die "lyrische Hausapotheke". Es gibt ja immer wieder Neues zu finden und entdecken.