Zum Hauptinhalt springen

Kommentar zu InstagramDie letzte Plattform, die noch Freude bereitet

Digital-Redaktor Matthias Schüssler sagt: Zehn Jahre Instagram sind genug. Eine Gegenrede.

Instagram hat ausgedient? Mitnichten, sie ist die letzte Bastion der Freude unter den Social-Media-Plattformen.
Instagram hat ausgedient? Mitnichten, sie ist die letzte Bastion der Freude unter den Social-Media-Plattformen.
Foto: Keystone / Christian Beutler

Vergangene Woche hat Kollege Matthias Schüssler an dieser Stelle den grossen Abgesang auf Instagram angestimmt und konstatiert: Zehn Jahre seien genug. Die grosse Laudatio zum Jubiläum würde es von ihm nicht geben. Ich springe da gerne in die Bresche. Für mich ist Instagram die letzte Social-Media-Plattform, die mir noch Freude bereitet.

Denn, und das mag vernichtend klingen von einem (oder für einen?) Social-Media-Redaktor: Ich bin Social-Media-müde. Seit gut dreizehn Jahren beschäftigen mich Facebook und Co. beruflich, etwas länger nutze ich sie privat. Auf dem Marsch durch die Institutionen haben sich die verschiedenen Plattformen abgenutzt. Aus jugendlich-naiver Leichtigkeit wurde behäbige, kalkulierte Berechenbarkeit gepaart mit gefährlichen, demokratieschädigenden Tendenzen.

Eine Oase der Ruhe und Befindlichkeit

Facebook enttäuschte in den letzten Jahren regelmässig mit Skandalen (nur dass es an dieser Stelle auch gesagt sei: Ich bin mir bewusst, dass Instagram zum Facebook-Konzern gehört), Twitter mit seiner lang anhaltenden Weigerung, etwas gegen die grassierende Hatespeech zu unternehmen. Die früher fantastische Fotoplattform flickr ist klinisch tot, das Business-Netzwerk Linkedin für Karrieristen und somit wohl nichts für mich. Snapchat war das erste Medium, bei dem ich Schwierigkeiten hatte, zu folgen; Tiktok ist für mich, was ein Laserpointer für eine Katze ist. Es bleibt: Instagram.

Wo in meiner Bubble auf Facebook gepflegte Langeweile herrscht und sie sich auf Twitter die Köpfe einschlagen, ist Instagram eine Oase der Ruhe und Befindlichkeit. Hier darf ich sein.

Ein Blick in die App heute Morgen zeigt mir einen alten Schulfreund, der am norddeutschen Strand die Herbstsonne geniesst; meine amerikanische Gastschwester, die ich zuletzt vor 23 Jahren gesehen habe, postet Bilder von einem Familienausflug. Storys von einer Kollegin, die im Radio moderiert, von einer befreundeten Band, die im Studio ist und von meinem Bruder, der Hochzeitstag hat, halten mich auf dem Laufenden. Dazwischen: Bilder von Sehnsuchtsorten.

Instagram muss nicht mehr sein als Eskapismus

Und genau das ist das Tolle an Instagram: dass ich selbst bestimme, was ich sehe. Keine Retweets, die ich nicht lesen will, keine geteilten Facebook-Beiträge, die mich nicht interessieren. Reposts gibt es kaum, wenn in Storys Dinge geteilt werden, die für mich belanglos sind, habe ich sie mit einer Daumenbewegung fort-ignoriert.

Kollege Schüssler prangerte völlig zu Recht das ausufernde Influencertum an, das Instagram erst ermöglicht hat. Nur: Davon bekomme ich nichts mit, weil es ein Leichtes ist, diese Möchtegern-Persönlichkeiten auszublenden. Natürlich, ein bisschen Selbstdarstellung von Freundinnen und Kollegen gilt es auch hier zu ertragen, aber darum geht es schliesslich bei einer Fotoplattform, die Schnappschüsse aus dem eigenen Leben sammelt. Die Darstellung des Selbst, davor bin auch ich nicht gefeit. Ausserdem: Muss man das nicht auch über sich ergehen lassen, wenn man sich im Café trifft?

Auch das Argument, Instagram habe nichts Relevantes mehr zu erzählen, zweifle ich an. Denn: Relevanz liegt immer im Auge des Betrachters. Und selbst wenn es an Relevanz mangeln sollte, spricht nichts dagegen, dass Instagram nicht mehr sein muss als kurzweiliger Alltags-Eskapismus. Wie wohltuend das sein kann, zeigt sich grade jetzt in der Corona-Krise: Die Kolleginnen, die sich ins Ausland getraut haben, versorgen mich mit Bildern aus der vermissten Ferne, die Freunde, die ich nicht besuchen kann, gewähren mir Einblicke in ihr Leben.

Neue Einsichten dank der Insta-Freunde

Wo ich dem scheltenden Kollegen zustimmen muss: Die #BlackoutTuesday-Aktion, bei der Nutzerinnen angesichts der Tötung von George Floyd durch einen Polizisten schwarze Quadrate posteten, war pathetisch bis peinlich. Oder, je nach Betrachtungsweise, die hilflose Reaktion auf eine unbegreifliche Tat. Doch es gibt auch effektiven politischen Protest und Graswurzelaktivismus auf Instagram. Ein befreundeter Fotograf setzt sich für die Evakuierung der Geflüchteten von Lesbos ein, ein Kollege amplifiziert die Stimmen von jungen Secondos in der Schweiz, und eine Kollegin postet zu feministischen Themen. Alle drei bieten mir Zugänge zu Themen, über die ich mich vielleicht nicht aus eigenem Antrieb informieren würde, und bereichern mich so.

So ist Instagram für mich Unterhaltung, Bildung und Kontaktmedium zugleich. Deshalb sage ich: Auf die nächsten zehn Jahre! Erst recht, wenn du, lieber Matthias Schüssler, weiterhin so tolle Selfies aus dem Wald postest.

7 Kommentare
    Lisbeth

    Ganz genau so ist es. Es kommt einfach darauf an, wie man Instagram nutzt. Auch ich brauche es beruflich und folge dort vielen Leuten aus meiner Branche, sehe so deren aktuelle Arbeiten und kann mich vernetzen.