Zum Hauptinhalt springen

Eine Saison wie keine zuvorDie Liga muss sich beweisen

In einer Woche startet die Super League. Es wird eine Meisterschaft im Zeichen von Corona. Wie gehen Clubs und Spieler damit um?

Ab dem 1. Oktober dürfen die Schweizer Stadien wieder zu zwei Dritteln gefüllt werden – Ausrutscher dürfen sich Clubs, Spieler sowie die Liga nicht leisten.
Ab dem 1. Oktober dürfen die Schweizer Stadien wieder zu zwei Dritteln gefüllt werden – Ausrutscher dürfen sich Clubs, Spieler sowie die Liga nicht leisten.
Foto: Keystone

Rene Bonk arbeitet seit Tagen, Wochen, Monaten unter Stress. Er ist stellvertretender Sicherheitschef des FC Basel und mittlerweile Verantwortlicher für die Corona-Massnahmen. Jeder Club aus der Super League und der Challenge League musste einen «Corona Officer» bestimmen. Bonk und seine Kollegen erstellen die Sicherheitskonzepte ihrer Vereine, tauschen sich mit der Liga und den Kantonen aus, sensibilisieren die Spieler und Trainer. Sie sind die Wächter über eine Gefahr, die den Fussballbetrieb stoppen kann. Und werden dadurch zu Symbolfiguren einer Saison, wie es sie nie gegeben hat.

Das Coronavirus wird die neue Saison begleiten, wahrscheinlich prägen und im schlimmsten Fall frühzeitig beenden. Der Bund ist der Schweizer Fussballliga (SFL) mit den Öffnungen ab dem 1. Oktober stark entgegengekommen. Neu dürfen zwei Drittel eines Stadions gefüllt sein. Die Vorgaben gelten im Moment als weltweit einzigartig liberal und sichern mehreren Schweizer Clubs die Existenz. Doch mit der Öffnung gerät die SFL unter Beobachtung der Politik. Also unter Druck.

Die Liga will, dass die Spieler und Fans gesund bleiben, der Spielbetrieb funktioniert und der Schweizer Fussball zum Vorbild für die gesamte Eventbranche wird. Sollten Bund oder Kantone plötzlich eine neuerliche Beschränkung auf 3000 oder 1000 Leute bestimmen, gerieten die Clubs sofort in wirtschaftliche Not. Die Liga informierte die Vereine am Donnerstag in einer Telefonkonferenz abermals. Liga-CEO Claudius Schäfer sagt: «Jetzt müssen wir uns beweisen.»

13 Seiten Leitfaden und 33 Seiten Schutzkonzept

Die Liga hat eine Taskforce zusammengestellt – mit Mitgliedern aus verschiedenen Vereinen, Ligen, Sprachregionen, Arbeitsbereichen. Sie gibt den Clubs in einem Leitfaden von 13 Seiten Vorgaben für die Sicherheit im Stadion. In einem weiteren Schutzkonzept definiert sie auf 33 Seiten die Richtlinien für den Trainings- und Spielbetrieb. Sie hatte den Leitfaden und das Schutzkonzept vor dem Neustart der vergangenen Saison im Juni erstellt und in den letzten Wochen für den Start der neuen Saison überarbeitet, korrigiert, ergänzt. Jeder Club muss zusätzlich ein eigenes Sicherheitskonzept erstellen und sich darin mit unzähligen Fragen beschäftigen.

Wer darf sich im Innenbereich des Stadions wo aufhalten? Gibt es Choreografien? Wie sichert man bei der Registrierung der Zuschauer den Datenschutz? Wie werden Risikopersonen geschützt? Was ist bei den Sanitäranlagen gefordert? Und das Wichtigste: Wie sind die Abläufe, wenn Spieler positiv getestet werden? Wer informiert wen? Wer muss in die Quarantäne? Wer darf eine Spielverschiebung beantragen?

Rene Bonk vom FC Basel sagt, das Konzept der Liga sei sehr hilfreich. Aber jeder Club funktioniere anders, und es sei eine Herausforderung, immer auf dem neusten Stand zu bleiben. Was hat sich beim Kanton geändert? Was sagt die Liga? Bonk sagt: «Wir machen meistens etwas mehr, als wir müssten.»

Einige Massnahmen sind für den FCB verbindlich, zum Beispiel die Maskenpflicht im Stadion. Bei anderen haben Bonk und sein Team Spielraum. Etwa bei der Frage, welche Sektoren sie im Stadion öffnen, wie sie die Sitzplätze verteilen. Die wohl wichtigste Frage für den FCB ist derzeit, wie viele Leute er ins Stadion lassen wird. Ob er die Möglichkeiten ausreizt.

«Wenn wir von Anfang an in die Vollen gehen und sehen, dass es nicht funktioniert, haben wir ein Problem.»

Rene Bonk, Corona-Verantwortlicher des FC Basel

Der St.-Jakob-Park könnte gemäss Corona-Verordnung neu 25’000 Fans aufnehmen. Doch Bonk zweifelt, ob er die Grenzen ausreizen soll. Am 4. Oktober spielt der FCB daheim gegen den FC Luzern. Es ist das erste Heimspiel mit den neuen Bedingungen. Bonk denkt darüber nach, das Stadion zu Beginn noch nicht mit der maximal möglichen Kapazität zu füllen. Er sagt: «Wenn wir von Anfang an in die Vollen gehen und sehen, dass es nicht funktioniert, haben wir ein Problem.»

Bonk sagt, dass die Mitarbeiter beim FC Basel die Massnahmen respektierten. Und doch spüre er manchmal einen Überdruss, bei gewissen Massnahmen gar ein Unverständnis. Darum müsse er etwa die Spieler immer wieder ermahnen, sie an die Regeln erinnern. Denn jeder Spieler und jeder Club trage in der äussersten Konsequenz eine Verantwortung für den Spielbetrieb, also für einen gesamten Wirtschaftszweig.

400 statt 250 Stewards im Wankdorf-Stadion

Wanja Greuel, der CEO der Young Boys, bezeichnet die aktuelle Situation als das «neue Normal». Er wird dem Kanton am Montag das Schutzkonzept des Clubs zusenden, es hat mehr als 40 Seiten. Es beinhaltet detaillierte Richtlinien zum Ticketverkauf, zur Registrierung der Fans, zu ihrer Anreise zum Stadion, dem Einlass und Auslass, der Verpflegung, der Kommunikation.

Bei YB kümmern sich 18 Leute um das Corona-Schutzkonzept. «Sieben Tagen in der Woche, unter Dauerstrom», wie Greuel sagt. An einem normalen Meisterschaftsspiel hatte YB bis anhin rund 250 Stewards im Stadion. Neu werden es 400 sein. «Die Kosten sind hoch», sagt Greuel, «aber wenn wir das Stadion wieder schliessen müssen, fehlen uns die Einnahmen.»

Liga-CEO Claudius Schäfer ist sich bewusst: «Das wird eine Herausforderung.»
Liga-CEO Claudius Schäfer ist sich bewusst: «Das wird eine Herausforderung.»
Foto: Keystone

Die SFL wird scharf kontrollieren, wie der Betrieb funktioniert. Sie hat einige ihrer Sicherheitsverantwortlichen umgeschult. Diese kontrollieren in den Stadien neu die Einhaltung der Corona-Regeln, kommunizieren mit den Vereinen, schreiben Rapporte. Bei groben oder wiederholten Verfehlungen würde ein Verfahren eröffnet werden, würde der Einzelrichter der Liga eingreifen.

Der CEO Claudius Schäfer weiss, dass die Liga vieles beeinflussen kann. Aber nicht alles. Über die Aussenwirkung des Fussballbetriebs werden zu einem grossen Teil die Spieler bestimmen – mit ihrem Verhalten auf und neben dem Platz. Schäfer sagt: «Sie müssen jetzt Vorbilder sein.»

«Bars, Restaurants, Clubs oder Veranstaltungen liegen nicht mehr drin.»

Sandro Theler, Verteidiger des FC Sion

Sandro Theler, Verteidiger des FC Sion, erlebt gerade viel Neues. Ihm wird vor jedem Training mit einem Detektor die Körpertemperatur gemessen. Er trägt im Bus immer eine Maske, duscht allein, desinfiziert sich oft die Hände, benutzt eine persönliche Trinkflasche. Er wird auf dem Feld auf Handschläge verzichten und den Trikottausch unterlassen. Auch sein Privatleben ist beschnitten. Theler sagt: «Bars, Restaurants, Clubs oder Veranstaltungen liegen nicht mehr drin.» Theler ist im Alltag vorsichtig geworden, hat die Swiss-Covid-App installiert, hält Abstand, trifft sich nur noch mit denselben Leuten. Es sind Leute, von denen er weiss, dass sie ebenfalls zu wenig Leuten Kontakt haben.

Theler und die übrigen Spieler der Super League werden ihr Verhalten ändern müssen. Das Einlaufen ins Stadion, der Torjubel oder das Verlassen des Platzes sind streng reglementiert. Vor und nach dem Spiel ist der Körperkontakt untersagt. Die Fussballer müssen ab sofort ihre Rituale vergessen, ihre Emotionen kontrollieren. «Das wird eine Herausforderung», sagt Claudius Schäfer von der Liga. Und Sandro Theler sagt: «Wir können das.»