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Dokuserie auf NetflixDie Massenmedien vor Gericht

Die Dokuserie «Trial by Media» kritisiert den Einfluss von Fernsehen, Zeitungen und Co. auf die Justiz – ist aber nicht frei von Heuchelei.

Persönliche Geschichten sollen einen angeklagten Firmenchef menschlicher darstellen.: Szene aus «Trial By Media».
Persönliche Geschichten sollen einen angeklagten Firmenchef menschlicher darstellen.: Szene aus «Trial By Media».
Bild: zvg

1995 wird Jonathan Schmitz in die «Jenny Jones Show» eingeladen. Eine Person wolle ihm ihre Liebe gestehen, und zwar öffentlich im Fernsehen. Schmitz lässt sich darauf ein. Im Studio stellt sich heraus, dass es sich bei der Person um seinen Bekannten Scott Amedure handelt. Im Gegensatz zu diesem ist Schmitz nicht schwul, und er reagiert auf das Geständnis zutiefst verlegen. Das Publikum johlt. Wenige Tage nach der Aufzeichnung sucht Schmitz Scott Amedure in dessen Wohnmobil auf und schiesst ihm zweimal in die Brust. Amedure stirbt auf der Stelle, Schmitz stellt sich der Polizei. Die Ausgabe der «Jenny Jones Show» wird nicht ausgestrahlt.

Um diesen Fall geht es in der ersten Episode der Dokuserie «Trial by Media», die jetzt auf Netflix zugänglich ist. Jede der sechs Folgen rollt einen aufsehenerregenden Gerichtsprozess auf – und will jeweils aufzeigen, wie Rechtsprechung und Berichterstattung miteinander verzahnt sind. So wird beim Prozess gegen Schmitz diskutiert, wie viel Verantwortung Jenny Jones und die Produzenten ihrer Sendung tragen.

Nicht nur Medien am Pranger

Waren nicht sie es, die Schmitz zum Mord getrieben haben? Gehört es nicht zum Konzept dieser und anderer Talkshows, mit dem Leben von Menschen zu spielen? Am Pranger stehen aber auch die Medien, die über den Prozess berichten: Derselbe Konzern, der die «Jenny Jones Show» produziert – Time Warner –, unterhält den Kabelsender Court TV, der live beim Prozess dabei ist. Man könnte sagen: Es profitiert eben jene Firma vom Drama, die es zu verantworten hat.

Wenn «Trial by Media» diese Kritik übt, hat das allerdings auch etwas Heuchlerisches: Macht die Serie nicht erneut Geld mit dem Mord an Scott Amedure? Dazu passt, dass sich unter den ausführenden Produzenten von «Trial by Media» auch Steven Brill befindet – der Gründer von Court TV.

Vom CEO zum Heiligen

Gerichtsfälle liefern also Material für Fernsehunterhaltung, umgekehrt versuchen Angeklagte und ihre Anwälte vor Gericht, die Jurys mit guten Geschichten zu überzeugen. Sehr anschaulich kommt das in der vierten Episode rüber, «King Richard». Diese handelt von Richard Scrushy, dem CEO einer Firma für Gesundheitsvorsorge, der 2003 wegen Bilanzbetrug in Milliardenhöhe angeklagt wird. Die halbe Chefetage ist bereits verurteilt. Da entdeckte Scrushy medienwirksam die Religion für sich und schliesst sich einer Kirche an. Er wird Pastor und kauft sich Sendezeit für eine eigene Talkshow, in der er sich zum Opfer einer Verschwörung stilisiert.

Diese Geschichte spinnt sein Anwalt vor Gericht weiter: Scrushy sei von seinen Untergebenen und dem Staat hereingelegt worden. Der Anwalt erzählt den Geschworenen von angeblichen Sprüchen seiner Grossmutter («Jeder Pfannkuchen hat zwei Seiten») und arbeitet mit Cartoonzeichnungen. Die Staatsanwaltschaft hingegen versucht, der Jury die sachlichen Grundlagen des Bilanzbetrugs zu erklären. Scrushy kommt frei.

Erneut fällt auf: «Trial by Media» kritisiert, wie Medien und Anwälte aus wahren Fällen spannende Geschichten machen, funktioniert selbst aber nach demselben Prinzip. Entweder hat es da nicht zur Selbstreflexion gereicht, oder es ist zynische Berechnung. Solange man das im Hinterkopf behält, kann man aus der Serie aber einiges lernen. Und auch wenn die gezeigten Fälle allesamt sehr amerikanisch sind – die Parallelen etwa zu einem Fall «Carlos» liegen auf der Hand.