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Corona-Armut in JapanDie Menschen schämen sich, arm zu sein

Es gilt gesellschaftlich als Stigma, staatliche Unterstützung zu erhalten, und der Regierung in Tokio ist das nur recht. Doch die Pandemie bringt immer mehr Menschen in Not.

In Japan ist Armut ein Stigma: Ein Obdachloser in der Hauptstadt Tokio.
In Japan ist Armut ein Stigma: Ein Obdachloser in der Hauptstadt Tokio.
Foto: Getty Images

Die Bedürftigen sind längst da. Still und mit vorbildlichem Hygieneabstand warten sie in der Schlange, bis in der Unterführung beim Rathaus von Tokio die Non-Profit-Organisation Moyai mit der Lebensmittelausgabe beginnt. Es ist ein kalter Samstagnachmittag, zehn vor zwei. Gleich geht es los. Moyai-Geschäftsführer Ren Ohnishi ist zufrieden. Vergangene Woche störten die Sicherheitskräfte des Rathauses. Diesmal schauen sie nur zu, obwohl sich die Schlange wieder auf dem Grundstück der Präfekturverwaltung befindet. «Wir haben gewonnen», sagt Ohnishi. Er lacht.

Die Ausgabe verläuft ruhig und konzentriert. Die Ersten, die eine Plastiktüte mit Obst, Instantnudeln und Hygieneartikeln bekommen, eilen zurück ans Ende der Schlange, um vielleicht noch eine zu bekommen. Nach einer knappen Viertelstunde sind alle Plastiktüten verteilt. 200 Stück. «Seit April haben wir die Menge verdoppelt», sagt Ohnishi, «wegen der Pandemie ist der Bedarf gestiegen.»

Sozialpolitik ist ein unterbelichtetes Ressort in Japan. Aber es könnte sein, dass sich das in der Pandemie ändern muss. Lange ist die drittgrösste Volkswirtschaft der Welt ganz gut durch die Corona-Krise gekommen. Relativ niedrige Infektionsraten, relativ wenig Tote. Allerdings scheint Japans Regierung das Virus unterschätzt zu haben. Wegen zuletzt hoher Infektionszahlen funktioniert manche Wirtschaftshilfe nicht mehr. In elf Präfekturen gilt der Notstand. Die neue Welle dürfte für viele Betriebe das Aus bedeuten. Der Druck auf Japans Sozialsysteme wächst. Sollte die Pandemie auch noch die auf diesen Sommer verschobenen Olympischen Spiele verhindern, fiele eine Konjunkturspritze aus, die derzeit noch der Kern optimistischer Wirtschaftsprognosen für 2021 ist.

Fallen die Olympischen Spiele der Pandemie zum Opfer? Es wäre für Japans Wirtschaft verheerend.
Fallen die Olympischen Spiele der Pandemie zum Opfer? Es wäre für Japans Wirtschaft verheerend.
Foto: Kimimasa Mayama (Keystone) 

Der Armutsbekämpfer Ren Ohnishi (33) ist ein kultivierter Regierungskritiker. Er lehrt an der Waseda-Universität Sozialfragen, ist Mitglied einer staatlichen Aktionsplattform für Nachhaltigkeit, und Lobbyarbeit betreibt er mit japanischer Sachlichkeit. Seine Eltern haben einst in Europa gelebt. Er kennt die Kultur der Sozialdemokratie und misst daran die ultrakonservative Weltsicht des japanischen Politik-Establishments.

Diese besagt: Der Staat muss der Wirtschaft dienen und alle anderen Kosten klein halten. Arbeit ist relativ billig in Japan. Tokio hat den höchsten Mindestlohn mit umgerechnet 8.50 Franken pro Stunde, in entfernten Präfekturen wie Okinawa zahlt man umgerechnet 6.70 Franken. In allen Berufen gibt es befristete Billiglohnverträge. «Rund 40 Prozent der arbeitenden Bevölkerung haben solche», sagt Ohnishi, «bei den Frauen sind es mehr als 50 Prozent.» In Krisenzeiten verlieren sie als Erste ihre Jobs und geraten in Not. «Als die Konjunktur gut war, hat man das Problem nicht gesehen», sagt Ohnishi. Fast alle hatten Arbeit. «Aber jetzt haben wir Corona, und es wird blossgestellt.»

Sozialhilfe ist ein Stigma

Wer in Armut fällt, sucht wiederum nicht unbedingt staatliche Hilfe. Ohnishi sagt: «Sozialhilfe zu bekommen, betrachten viele Leute als eine Art Stigma.» Systembedingt, wie er findet. Jijo, Kyojo, Kojo – so lautet der Dreisatz des japanischen Solidaritätsprinzips: Wer in Not ist, muss erst mal Selbsthilfe (Jijo) leisten. Wenn die nicht reicht, muss Hilfe von Familie oder Freunden (Kyojo) kommen. Erst wenn auch die ausfällt, gibt es staatliche Hilfe (Kojo).

Premierminister Yoshihide Suga weist immer wieder ausdrücklich auf diese Leitkultur hin. In der Praxis führt sie zu einem entmutigenden Sozialsystem. Die Voraussetzungen für Sozialhilfe sind streng, die Antragsverfahren kompliziert. «Die Behörden informieren auch nicht gut darüber», sagt Ren Ohnishi.

Die Mehrheit verzichtet auf Unterstützung

Nach Daten des Arbeitsministeriums beziehen derzeit 1,6 Prozent der Menschen in Japan Sozialhilfe, davon sind 50 Prozent ältere Menschen. «70 bis 80 Prozent derer, die Anspruch hätten, verzichten darauf», sagt Ohnishi; diese Zahlen hat er vom nationalen Anwaltsverband JFBA. Die Regierung scheint daran nicht viel ändern zu wollen.

Wie lange kommt Japan damit durch? Bisher hat die Regierung die Zahl der Sozialhilfeempfänger erfolgreich klein gehalten. Und zwar mithilfe billiger Darlehen, mit denen Bürgerinnen und Bürger über sieben Monate bis zu umgerechnet 11’800 Franken bekommen können. «Bis zum 19. Dezember haben 1,4 Millionen Menschen diesen Service genutzt», sagt Ren Ohnishi, 2019 waren es nur 8000. Ausserdem zahlte die Regierung jedem Bürger, jeder Bürgerin und jedem Kind eine einmalige Corona-Hilfe von 845 Franken.

Niemand weiss, wie es weitergeht

Beides, Darlehen und Geldgeschenke, sollten die Leute durch die Pandemie bringen, ohne die Sozialkasse zu stark zu belasten. Aber die Krise will nicht enden. Was kommt als Nächstes? In der Regierungspartei LDP diskutiert man ein bedingungsloses Grundeinkommen von umgerechnet 590 Franken. Und sonst? Läuft die Sozialfrage eher am Rande. Armut gilt in Japan als ein Problem unausgeglichener Vielfaltsgesellschaften. Im geschlossenen Inselstaat-Kollektiv beklagt sich ja kaum jemand. Viele Sozialverbände halten still, weil die Regierung sie mit bezahlten Aufträgen auf ihre Seite zieht.

Ren Ohnishi vom unabhängigen Hilfeverein Moyai warnt davor, sich zu sicher zu fühlen. Im März endet das Fiskaljahr, dann dürfte es neue Pleiten geben, neue Arbeitslose. Und keiner weiss, wie es weitergeht in der Pandemie, zumal in Japan Impfskepsis verbreitet ist. Auch wenn viele das Risiko wegschieben: «Armut kann jeden treffen», sagt Ren Ohnishi, «das Problem ist alt. Aber in Japan sieht es irgendwie neu aus.»