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Männerabend in Zeiten von CoronaDie mit Abstand beste Bar der Stadt

Kommt das gut, wenn drei Männer über 45 planen, online gemeinsam zu trinken?

Jean-Marc Nia
Das Bild ist der Beweis: Die Katastrophe war perfekt.
Das Bild ist der Beweis: Die Katastrophe war perfekt.
PD

Auf eine bestimmte Zeit in einer Bar abmachen, hingehen, «Hallo!», Umarmungen, hinsetzen, Aufwärmgespräch, Bestellung aufgeben, und schon steht einem geselligen Abend nichts mehr im Wege. So wars. Jetzt nicht mehr. Wegen diesem unsichtbaren Feind, der uns zwingt, in unseren vier Wänden zu bleiben, auf Abstand zu gehen und der etwas gegen solch gesellige Abende hat.

Nun: Hier ist unser Stinkefinger, unsichtbarer Feind! Wir machen das trotzdem. Einfach ohne Umarmung. Und ohne Bar. Und ohne Bestellungen aufzugeben. Sondern jeder für sich zu Hause. Online. Mit den Getränken, die er vorher eingekauft hat. Kollege Müller hatte die Idee, und ich fand: Die ist gut, die Idee.

Es folgt die Apokalypse der Kommunikation

Um 20 Uhr sollte unser Treffen stattfinden. Natürlich musste man sich für einen Kanal entscheiden. Face Time, Skype, Zoom? Es hätte mir da schon ein Licht aufgehen sollen, denn Skype schaffte ich nicht zu installieren, auf Face Time kriegte ich nicht raus, wie man einen Gruppenchat einrichtet, und Zoom war mir bis dato völlig unbekannt. Also einigten wir uns auf eine Google-Hangout-Videokonferenz, welche uns Thomas Wyss, er sei hier verdankt, einrichtete. Aber es kam alles anders. Natürlich. Denn wenn drei Vertreter der Generation X sich in die digitale Welt der Kommunikation verirren, dann betreten sie ganz dünnes Eis!

Ich war natürlich (wie in der realen Welt) wieder mal der Erste, der auftauchte. Da funktionierte auch noch alles prima. Mein Bild gestochen scharf. Aber auf das Zuschalten von Müller und Wyss folgte die akustische und visuelle Apokalypse. Es war grauenhaft. Das Bild verhackstückelt, der Ton, als würde sich ein Techno-DJ auf Crack einen perfiden Jux mit seinen Reglern erlauben.

Es wird immer schlimmer

Um das Ganze unter Kontrolle zu bringen, verschlimmbesserte ich die Lage noch, indem ich parallel versuchte, einen der beiden telefonisch zu erreichen, um die bestehenden Probleme mit ihm zu beheben. Naturgemäss eine selten dämliche Idee. Die so verursachten Rückkopplungsgeräusche erinnerten stark an das Geschrei eines Schwarms Wellensittiche. Mit Megafon. Also Abbruch und das Ganze per Whatsapp neu versuchen. Müller meinte, da er gleichzeitig immer noch per Videokonferenz teilnahm, das sei ja völlig irre, man habe noch keinen Schluck Alkohol getrunken und sehe und höre trotzdem schon alle dreifach.

Das Gespräch kommt ins Rollen

Einen ersten Höhepunkt an schallendem Gelächter und Sirachen, wie in einer echten Bar, hatten wir also bereits hinter uns. Es folgten Gespräche darüber, um welche Uhrzeit man auf den Balkon gehen solle, um den medizinischen Fachkräften zu applaudieren, und dass dieses Online-Treffen, nach dem zugegebenermassen haarsträubenden Start, eigentlich ganz gut funktioniere. Im Verlaufe des Abends fanden wir heraus, dass sich ein Hottinger (Müller), ein Wollishofer (Wyss) und ein Schwamendinger (ich) in ihren jungen Jahren teils unwissend immer wieder über den Weg gelaufen waren und dieselben Freunde hatten, von denen man nichts wusste. Ich lernte, dass Wyss in einem Film namens «Blutgeil 2» mitspielte und sowohl Wyss als auch Müller einst bei Orell Füssli gearbeitet hatten. Was sie voneinander bis dato auch nicht wussten. Dieser Wissensschatz wäre ohne den unsichtbaren Feind nie ans Licht gehoben worden. Danke dafür!

Wenn die Zunge schwer wird

Nach etwa 90 Minuten klinkte sich Thomas Wyss frühzeitig aus, und Müller und ich blieben noch sitzen. Redeten weiter. Über Musik, Jazz, Miles Davis, Sarah Vaughn. Halt über was man redet, wenns immer später und einem die Zunge langsam schwer wird. Und dann war es auch für uns langsam Zeit, nach Hause zu gehen. Äh, sich auszuloggen.

Wir verabschiedeten uns mit einem Winken durch die Kamera und mit dem Plan im Kopf, wenn das alles vorbei und der unsichtbare Feind geschlagen ist, unser Treffen im Real Life zu wiederholen. Wir. Zu dritt. In einer echten Bar. Was wir richtig gut können.

Das Fazit

Thomas Wyss, Redaktor Tages-Anzeiger, trank drei Gin Tonics:

Positiv: Es ist phasenweise gelungen, das seltsame Setting auszublenden. Es wurde Persönliches anvertraut, und wir haben uns wirklich besser kennen gelernt.

Negativ: Die Atmosphäre fehlte. Wir konnten uns nicht umarmen.

Boris Müller, Bildredaktor Tages-Anzeiger, trank eine Flasche Kochwein:

Positiv: Wir konnten uns nicht umarmen. Zu Hause trinken schont den Geldbeutel, und man muss für das Getränk nicht an der Bar anstellen.

Negativ: Die Musik und die gemeinsame Umgebung fehlten und somit auch Inputs von aussen.

Jean-Marc Nia, Redaktor Züritipp, trank zwei Bier und vier Whiskeys:

Positiv: Wirklich kostengünstiger. Beim Rauchen muss niemand zurückbleiben, alle können mit.

Negativ: Bild und Ton treiben einen ins Irrenhaus! Es fehlten andere Menschen, ihr Raunen, die Musik und natürlich die herzliche Umarmung von Thomas Wyss.