Die moderne Fünfkämpferin

Alles ein bisschen aber nichts richtig? Richtet sich der Moderne Fünfkampf wirklich an das Mittelmass? Unsere Autorin begibt sich auf die Suche nach Antworten.

Eine Disziplin jagt die andere: Moderner Fünfkampf ist Trainings- und Ausrüstungsintensiv. (Video: Urs Jaudas und Lea Blum)

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Eine Sportart für KämpferinnenTeil 1

Die Luft im Fechtclub ist stickig, unter der weissen Weste fliesst der Schweiss, die verdammte Maske engt mein Gesichtsfeld ein. Das alles lenkt mich so ab, dass der Teenager, der mir entgegentänzelt, schon wieder einen Treffer platziert. Er grinst triumphierend. Ich bin frustriert – die erste Lektion in modernem Fünfkampf läuft nicht gut für mich. Moderner Fünfkampf? Das braucht ein paar Erklärungen.

Kaum einer kennt die Sportart, in der Schweiz gibt es nur etwa 30 aktive Athleten. Und das, obwohl Pentathlon – so die altgriechische Bezeichnung – laut Pierre de Coubertin für den «vollkommenen Athleten» geschaffen wurde. Der französische Baron modernisierte Ende des 19. Jahrhunderts nicht nur die Olympischen Spiele, sondern auch den Fünfkampf der Antike. Aus Sprung, Lauf, Diskus, Speer, Ringen machte er Laufen, Schwimmen, Reiten, Schiessen und Fechten.

Die Presse sprach 1936 vom «schwersten und männlichsten» Wettbewerb der Olympiade. Tatsächlich war Fünfkampf lange Männersache. Nicht zuletzt, weil sich die Auswahl der Sportarten am militärischen Training orientierte. Die Legende geht so: Einem Meldereiter wird in feindlichem Gelände das Pferd getötet. Er verteidigt sich zunächst mit dem Degen, nach dessen Verlust mit der Pistole, muss anschliessend durch einen breiten Fluss schwimmen und legt die restliche Strecke laufend zurück. Ich bin eine Frau und habe erst einmal im Leben geschossen – mit einer Chäpslipistole.

Seither erschrecke ich bei jedem Knall. Dass mit ungefährlichen Laserpistolen geschossen wird, kommt mir deshalb entgegen. Ich stelle mir eine Art Stuntwoman-Training vor, mit dem ich eine mutige Soldatin doubeln könnte. Jeanne d’Arc, Lara Croft, Grimmelshausens Landstörzerin Cou­rasche? Alles Fünfkämpferinnen.

«Eins nach dem anderen»

Fünfkämpfer sind Alleskönner. Das verspricht Abwechslung beim Training. Organisatorisch ist die Sportart für Neulinge eine grosse Herausforderung, merke ich beim Durchlesen der Website von Pentathlon Zürich. Eine farbige Tabelle zeigt, wie die Woche eines Fünfkämpfers aussieht: Einsteiger trainieren zweimal Schwimmen und zweimal Laufen. Später kommen dann, je nach Fortschritt, ein bis zwei Einheiten Fechten, Reiten und Schiessen dazu.

Für sportliche Jugendliche ist das machbar – aber für eine berufstätige Erwachsene? Fünfkampf heisst mindestens fünfmal Sport pro Woche. So viel Aufwand braucht Überwindung. Gut, gehe ich bereits jetzt regelmässig Laufen. Reiten ist mir dank einer kurzen, aber heftigen Phase als Pferdemädchen geläufig, und Brustschwimmen kann ich auch.

2020 bleibt ein Ziel

Dumm nur, dass ich noch nie gefochten und geschossen habe. Allerdings winkt bei Erfolg, schneller als in Disziplinen mit viel Konkurrenz, die Teilnahme an den Olympischen Spielen. Wenn ich ab sofort täglich trainiere, ja dann schaffe ich vielleicht die Qualifikation für Tokio 2020.

Der Mann, der mir beim Einstieg helfen soll, heisst Andreas Perret. Er ist deutsch-schweizerischer Doppelbürger und Spezialist für Wertpapiere im Private Banking einer Schweizer Grossbank. 1993 wurde Andreas Perret Weltmeister mit der deutschen Junioren-Mannschaft. Er ist zertifizierter Übungsleiter für modernen Fünfkampf und leitet seit einem Jahr eine Pentathlongruppe in Zürich. Der 43-Jährige möchte Jugendlichen weitergeben, was er selbst gelernt hat. Dazu gehört, dass er ihnen die Angst vor dem Scheitern nimmt. Die vielen Disziplinen könnten überwältigend sein, sagt er, aber «man muss einfach eins nach dem anderen machen».

Zögerliche Angriffsversuche

Bei unserem ersten Treffen im Fechtclub in der Zürcher Saalsporthalle führt Perret geschickt durch die erste Lektion: Vom korrekten Anlegen der weissen Weste und der Maske über die Beinarbeit bis zu den Angriffen auf meinen Gegner, Perrets 16-jährigen Sohn, der ebenfalls Fünfkämpfer ist. Dieser pariert meine zögerlichen Angriffsversuche mit dem Degen geduldig, aber irgendwann wird es ihm zu blöd. «Mach mal etwas!», ruft er mir durch das schwarze Gitter seiner Maske zu. Doch mit einer Waffe auf einen anderen Menschen loszugehen, fällt mir schwer, Schutzausrüstung hin oder her. Fehlt mir etwa die nötige Portion Kampflust, die es für den Fünfkampf braucht? Die nächste Trainingseinheit, das Schiessen, wird es zeigen.

Gut im SchussTeil 2

Moderne Fünfkämpfer trainieren jeden Tag. Sie brauchen Disziplin und Talent. In meiner ersten Fechtlektion stellte ich fest, dass mir Letzteres fehlt. Meine Beinarbeit war so miserabel wie damals, als wir mit der Mädchenriege zu «Eye of the Tiger» tanzten und sich alle synchron bewegten – alle ausser mir. Fest entschlossen, den Mangel an Talent mit fleissigem Training wettzumachen, gehe ich am nächsten Tag ins Hallenbad. Alleine, weil mein Coach im Trainingslager ist. Die Mission: herausfinden, was vom Schulschwimmunterricht übrig geblieben ist.

Leider bin ich im Kraulen noch untalentierter als im Fechten. Nach drei Längen Japsen und Wasserschlucken sehe ich es ein. Kein Auftrieb, kein Atem, keine Ahnung. «No Problem!», schreibt Andreas Perret, mein Coach, per SMS. Später wird er erklären, dass man die Koordinationsabläufe schon als Jugendlicher lernen muss, um ein richtig guter Krauler zu werden. Er selbst hat als 14-Jähriger mit Fünfkampf angefangen und ist vor einem Jahr, nach einer langen Pause, als Trainer zurückgekehrt. Er sagt: «Diese Sportart ist wie eine Sucht.»

Rubinell und ich drehen uns im Kreis

Als zweite Lektion hat Perret Reiten vorgesehen. Darauf freue ich mich, einst war ich vernarrt in Pferde. Die «Wendy»-Zeitschriften habe ich weggeschmissen, aber der Reithelm passt noch. In der brütend heissen Reithalle in Uster drehe ich mich mit dem Wallach Rubinell im Kreis und nehme Schrittwechsel vor. Das klappt ganz gut, aber von der Springlizenz, die es im Fünfkampf braucht, trennen mich noch einige Reitstunden. Immerhin. Ich schöpfe wieder Hoffnung für Tokio 2020.

Für die letzte Lektion in der Kombidisziplin Laufen/Schiessen fahren wir zur nahe gelegenen Sporthalle. An einem Fünfkampf-Wettbewerb läuft man und schiesst dazwischen vier Serien, eine Art Sommerbiathlon. Geschossen habe ich noch nie. Kein Problem, findet Perret. «Einfach zielen und feuern.»

Der Rote muss ins Schwarze

Beim Zielen, das im Schützenjargon Visieren heisst, fokussiert das rechte Auge Kimme und Korn, zwei Erhebungen auf der Waffe. Damit dieses «Scharfsehen» klappt, ist das linke Auge abgedeckt. Zu meinem Glück schiessen Fünfkämpfer nicht mit scharfen Waffen, sondern einer ungefährlichen Laserpistole. Schon bald feuere ich rote Laserstrahlen auf die Zieltafel und treffe immer öfter ins Schwarze. Cool! Ein bisschen wie Büchsenschiessen an der Chilbi – bis ich eine Runde laufen und dann auf Zeit schiessen muss.

Das Herz pumpt, die Hand zittert, ich schiesse daneben. Perret macht den ­Einflüsterer: «scharfsehen», «langsam ziehen», «nachhalten». Die Kommandos helfen bei der Konzentration auf die Technik. Diese sei beim Schiessen wichtiger als das Ergebnis, sagt Perret, «der Weg ist das Ziel». Blöderweise gilt das nicht fürs Schwimmen. Dort zählen schnelle Zeiten. Und dafür braucht es –genau: Talent und Disziplin.

Eine Handvoll DisziplinenTeil 3

Fünfkämpfer sind Alleskönner. Leider bin ich – so die Erkenntnis nach meiner Schnupperrunde durch die Disziplinen Laufen, Schwimmen, Reiten, Schiessen, Fechten – eine Wenigkönnerin. Der Olympiazug jedenfalls ist für mich abgefahren. Aber der Reihe nach, oder «eines nach dem anderen», wie mein Fünfkampf-Coach Andreas Perret gern sagt.

Gestartet bin ich mit der Vorstellung, Fünfkämpferin zu werden. Echt jetzt. Die Vielfalt, die die Sportart bietet, ist kaum zu über­treffen. Nur schon die Ausrüstung zeugt davon: Reithelm, Chaps für die Beine, Badekappe, Schwimmbrille, Degen, Fechthelm, Laserpistole, Augenklappe, Laufschuhe und die jeweils passende Kleidung. An Wettkampftagen muss ein Athlet innerhalb weniger Stunden fechten, 3,2 Kilometer laufen, aus 10 Meter Entfernung auf eine Zielscheibe mit knapp 60 Millimetern Durchmesser schiessen, 200 Meter Freistilschwimmen und durch einen 350 Meter langen Springparcours mit 12 Hindernissen ­reiten. Wer will nicht ein solcher Superheld sein?

Vor einem Berg Arbeit

Doch nun sehe ich schwarz, nicht bloss für Tokio 2020, sondern auch für eine Zukunft als Hobby-Fünfkämpferin. Dabei sind es nicht der tägliche Trainingsaufwand, das Herumschleppen der voluminösen Sporttasche, die militärischen Ursprünge oder die kleine Anzahl Wettkämpfe pro Jahr, die mich abschrecken. Sondern der Berg an Arbeit. «Von den fünf Disziplinen kann ich nur eine so richtig: Laufen», jammere ich. «Gut, dann fängst du mit dem Laufen an!», sagt Perret. Der Mann, der in einer Bank ein Team leitet und drei Kinder hat, weiss, wie man motiviert. «Du warst besser als erwartet», sagt er, «ganz ehrlich.» Bis man als Fünfkämpfer an einem Wettbewerb teilnehmen könne, müsse man mindestens ein Jahr trainieren. «Diese Langfristigkeit muss man akzeptieren.» Ich schlucke leer. Geduld und Durchhaltevermögen sind nicht meine Stärken.

Perret hilft mit Salamitaktik, portioniert das grosse Ziel «Hobby-Fünfkämpferin» in kleine Schritte. Zur miesen Trefferquote im ersten Fechtduell sagt er: «Die Ambition, nach einer Stunde den Gegner zu treffen, ist absurd.» Alleine um die Beinarbeit zu lernen, brauche man vier Intensivlektionen.

Fürs Kraulen ist es zu spät

Beim Thema Schwimmen holt Perret weiter aus. «Jugendliche Fünfkampf-Anfänger beginnen mit Kraulen», das Gefühl für den Auftrieb im Wasser und die Atemtechnik lerne man in jungen Jahren am besten. Perret sagt es zwar nicht direkt, aber ich merke schon: Um eine richtig gute Schwimmerin zu werden, ist es längst zu spät. Wieder relativiert der Coach. «Wichtig für den Trainingserfolg ist, dass man sich auf die Stärken konzentriert.» Also: Reiten kann ich bereits so gut, dass es nur einige zusätzliche Stunden braucht, bis ich es mit einem Pferd über Hindernisse schaffe.

Alleskönner, Alleswoller

Und mit etwas mehr Training werde ich eine gute Schützin. Weil die Fünfkämpfer mit geräuschlosen Laserstrahlen statt mit scharfer Munition schiessen, fällt die Knallerei weg, man kann sich also auf die Technik konzentrieren. Wie beim Biathlon liegt der Reiz beim kombinierten Laufen und Schiessen im schnellen Wechsel zwischen Bewegung und Stillstand: Mit erhöhtem Puls die Hand ruhig halten, visieren, am Abzug ziehen und – Treffer!

Beim Stichwort Treffer erinnere ich mich an die schmachvolle Niederlage gegen einen jugendlichen Fechter vor einigen Tagen. «Mach mal etwas!», hat er mir noch zugerufen. Das nehme ich mir zu Herzen. Da beim Fünfkampf-Fechten ein Treffer zum Sieg reicht, werde ich das nächste Mal einfach entschieden angreifen. So machen es vielleicht nicht die Alleskönner, aber die Alleswoller.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.08.2016, 09:26 Uhr

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