Die polnische Ponzi-Polka

Die Netflix-Komödie «The Polka King» zeigt, wie ein Künstler seine Fans mit einem Schneeballsystem um viel Geld bringt.

Maya Forbes: «The Polka King». Komödie 95 min., Netflix


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Jan Lewan träumt von einer Tellerwäscherkarriere. Der polnische Musiker wandert in den 70ern in die USA ein und will sich dort als Polkasänger einen Namen machen. Dabei gerät er auf die schiefe Bahn. Die neue Netflix-Komödie der US-Regisseurin Maya Forbes «The Polka King» zeigt, wie der Künstler seine treusten Fans mit einem Schneeballsystem um viel Geld bringt.

Im Streifen wird Polka-Bandleader Lewan vom US-Schauspieler und Musiker Jack Black gespielt. Lewan wird von ihm nicht als ein durchtriebener Gangster dargestellt, sondern als ein hart arbeitender, gottesfürchtiger und liebenswürdiger Kerl, der selber gar nicht so recht weiss, wie ihm auf dem Weg zum Kriminellen geschieht. Es geht ihm einfach darum, Musik zu machen und mit ihr die Menschen zu unterhalten – und dafür braucht er halt Geld. Denn seine spärlichen Gagen reichen meist nicht aus. Doch auch wenn Lewan harmlos scheint, gelingt es ihm, seine Fans reihenweise übers Ohr zu hauen.

Fünf Jahre im Gefängnis

Der Film basiert auf einer wahren Geschichte. Der «echte» Lewan brachte in den Neunzigerjahren Hunderte seiner Fans um mehrere Millionen Dollar. Sein Schneeballsystem – auch Ponzi-Schema genannt – basierte darauf, dass er den Anlegern 12 Prozent Zins versprach, wenn sie in seine Firma und seinen Importhandel investierten. Denn Lewan war nicht nur Musiker, er führte auch ein Geschäft, in dem er Waren aus seiner polnischen Heimat verkaufte.

Der Film zeigt gut auf, wie ein Ponzi-Schema funktioniert. Denn die Investitionen spielten keine Rendite ein. Stattdessen gab Lewan das Geld für seine Mitmusiker (der wunderbar lakonische Jason Schwartzman), Tourneen und Plattenaufnahmen aus. Die Musikkarriere verlief dabei zeitweise erfolgreich. 1995 war er immerhin für den US-Musikpreis Grammy nominiert. Doch die Einnahmen reichten immer noch nicht aus.

War das Geld aufgebraucht, sammelte er bei neuen Gönnern einfach mehr ein. Forderte ein Fan seine Investition zurück, vertröstete er ihn oder stopfte das Loch, indem er andere Fans anzapfte. Es kam, wie es kommen musste: Lewan flog auf, und das Schneeballsystem kollabierte. Dafür sass der selbst ernannte Polka-König fünf Jahre im Gefängnis. 2009 wurde er entlassen.

Der Film zeigt seinen Weg dahin und unterhält dabei bestens. So organisiert Lewan für seine wichtigsten Geldgeber einen Papstbesuch. Die Reise zu seinem polnischen Landsmann Johannes Paul II. verkommt fast zum Fiasko. Lewan schmiert sich im Film seinen Weg durch den Vatikan, um dann doch nur durch einen Zufall an eine Papstaudienz zu kommen. Statt seinen Machenschaften nun ein Ende zu setzen, sieht er das als einen Beleg dafür, dass sein Glück weiter anhält. Dies zur Freude der Zuschauer, aber zum Leid der geprellten Investoren. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.07.2018, 11:35 Uhr

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