Die Protein-Bombe

Brot, Riegel, Haferflocken: Immer mehr Lebensmittel werden mit Eiweiss angereichert. Aus medizinischer Sicht ist das überflüssig.

Eier oder Milchprodukte haben ein prächtiges Image.

Eier oder Milchprodukte haben ein prächtiges Image. Bild: Getty Images

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Mal gelten die Fette als Böse­wichte, die dick und krank machen, mal sind es die Kohlenhydrate. Eiweissreiches wie Soja, Eier oder Milchprodukte hat dagegen ein prächtiges Image. Nach einer aktuellen Verbraucherumfrage werden Protein-Bomben vor allem gekauft, um abzunehmen oder um Muskeln wachsen zu lassen. Darüber hinaus verbessere ein Plus an Proteinen allgemein die Gesundheit und verlängere das Leben, so die verbreitete Meinung. Gleichzeitig glauben viele Verbraucher, dass sie mit Eiweiss unterversorgt sind.

Das hat zur Folge, dass der Markt an Lebensmitteln, die mit Proteinen angereichert sind, wächst – um jährlich sieben Prozent weltweit. Es gibt immer mehr Protein-Riegel, Eiweiss-Shakes, Joghurts oder Porridge mit dem Zusatz «High Protein» und Protein-Brote in den Regalen der Supermärkte. Brote sowie Riegel werden etwa mit Sojaschrot, Weizeneiweiss oder verschiedenen Samen versetzt. In Protein-Shakes findet man vor allem Molkepulver. Was ist von diesem Trend zu halten?

Nach den Empfehlungen der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung (SGE) sollten mindestens 0,8 Gramm Eiweiss pro Kilogramm Körpergewicht täglich auf dem Speiseplan stehen, das sind 56 Gramm bei einem 70-Kilo-Mann und entspricht rund 15 Prozent der täglichen Energieaufnahme. Der Körper braucht Eiweiss als Bausubstanz für Zellen, Hormone oder Enzyme. «Diese Menge reicht auch für den Muskelaufbau eines Hobbysportlers, er braucht keine Extra-Proteine», sagt Helmut Heseker, Ernährungswissenschaftler an der Universität Paderborn. Nur Kraftsportler sollten 1,2 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht aufnehmen, Ausdauersportler 1,6 Gramm.

Tatsächlich nehmen die Schweizerinnen und Schweizer mit rund 100 Gramm Eiweiss pro Tag auch ohne angereicherte Lebensmittel mehr Eiweiss als empfohlen zu sich, vor allem in Form von Fleischprodukten, Getreide und Milchprodukten. «In einer üblichen abwechslungsreichen Mischkost sind selbst für einen Bodybuilder in der Aufbauphase ausreichend Proteine enthalten, um ein Maximum an Muskelaufbau zu erzielen», sagt Heseker. Proteinangereicherte Lebensmittel seien unnötig.

Ein hoher Eiweiss-Anteil hilft tatsächlich beim Abnehmen

Die deutsche Verbraucherzentrale Hessen wies neulich zudem darauf hin, dass solche Produkte oft mit Zusatzstoffen überfrachtet und teuer seien. Auch Vegetarier und Veganer bekämen genügend Eiweiss durch eine gute Mischung verschiedener Lebensmittel wie Getreide und Hülsenfrüchte, sagt Heseker.

Vorteile hat ein hoher Eiweiss-Anteil in der Nahrung aber tatsächlich für Menschen, die abnehmen wollen. Eiweisse haben nämlich eine sättigende Wirkung. Ein weiterer Vorteil: «Beim Abbau von Proteinen entsteht mehr Wärme als bei anderen Nährstoffen, sodass die Betroffenen weniger frieren und sich auch weniger unwohl fühlen», sagt Heseker. Darum ist eine proteinreiche Diät für viele Übergewichtige besser durchzuhalten.

Eine Gewichtsabnahme setzt aber immer eine negative Energiebilanz voraus. «Es hilft nichts, einfach gleich viele Kalorien wie vorher zu essen, nur eben mehr Proteine und dafür weniger Fette oder Kohlenhydrate», so Heseker. Ein handelsübliches Protein-Brot hat oft sogar mehr Kalorien als ein normales Roggenbrot. «Zum Abnehmen kann man auf ganz normale eiweissreiche Lebensmittel wie Quark oder Tofu zurückgreifen», sagt auch Andreas Pfeiffer, Mediziner am Deutschen Institut für Ernährungsforschung.

Studien mit entsprechenden kalorienreduzierten Diäten bei Diabetikern belegen, dass das Abnehmen auf diese Weise funktioniert. Weitere Vorteile hat eine Protein-Diät jedoch nicht. Weder der Blutdruck noch die Blutfettwerte sinken. Nicht empfehlenswert sind eiweissreiche Diäten allerdings für Menschen mit eingeschränkter Nierenfunktion. Diese sollten die empfohlene Menge von 0,8 Gramm Eiweiss pro Kilogramm Körpergewicht und Tag keinesfalls überschreiten. Beim Abbau von Protein entsteht nämlich Harnstoff, der bei einer milden Niereninsuffizienz zu einer Verschlechterung des Zustands führt.

Auch für Gesunde könnte eine stark eiweisshaltige Ernährung auf Dauer ungesund sein. Wenn mehr als 20 Prozent der täglichen Kalorienaufnahme aus Proteinen kommen, können sich nämlich das Krebsrisiko und ebenso die Sterblichkeitsrate erhöhen. Das zeigte etwa die grosse US-Studie NHANES III bereits im Jahr 2014, bei der knapp 7000 Probanden über einen Zeitraum von 18 Jahren beobachtet wurden. Auch für Typ-2-Diabetes gibt es Hinweise, dass sich ein hoher Eiweissanteil der Nahrung negativ auswirkt.

Senioren sollten auf ein Plus an Protein achten

Dass eine echte Ursache-Wirkung-Beziehung besteht, muss allerdings erst in Interventionsstudien überprüft werden. Denn Menschen, die mit ihrer Nahrung viel Eiweiss zu sich nehmen, essen meistens viel Fleisch. Eine solche Ernährung ist zwar eindeutig ein Risikofaktor etwa für Darmkrebs und Diabetes. Doch ob das mit dem hohen Eiweissgehalt zu tun hat oder mit anderen Substanzen wie Häm-Eisen, Fetten oder Salzen, ist unklar.

All dies gilt aber nicht für Menschen, die älter als 65 sind. Seniorinnen und Senioren sollten auf ein Plus an Eiweiss achten, und das kann ruhig auch vom Tier kommen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass man Muskeln abbaut und gebrechlich wird.

Die SGE empfielt älteren Menschen ausdrücklich, auf eine «ausreichende Zufuhr von Proteinen zu achten», den sie durch «täglichen Verzehr von proteinreichen Lebensmitteln wie beispielsweise Hülsenfrüchten, Milchprodukten, Tofu, Fleisch, Fisch oder Eier» decken sollten. Auch hierfür braucht es aber keine Spezialprodukte. Ein Mix von verschiedenen eiweissreichen Lebensmitteln reicht vollkommen aus.

Erstellt: 21.10.2018, 15:23 Uhr

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