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Vor 100 Jahren wurde Paul Celan geborenDie reine Kraft der Sprache

Erinnerungen an einen der grössten Dichter deutscher Sprache: 55 Texte über Paul Celan versammelt der Germanist Petro Rychlo in seinem Buch – berühmte Schriftsteller kommen zu Wort, aber auch Kinder aus der Nachbarschaft.

«Man horcht auf, eine Stimme hat zu sprechen begonnen»: der Dichter Paul Celan wurde heute vor hundert Jahren in Czernowitz (heute Ukraine) geboren.
«Man horcht auf, eine Stimme hat zu sprechen begonnen»: der Dichter Paul Celan wurde heute vor hundert Jahren in Czernowitz (heute Ukraine) geboren.
Ullstein Bild via Getty Images

Moshe Barash, geboren 1920 in Czernowitz, Gründer des ersten Lehrstuhls für Kunstgeschichte in Israel, erinnert sich, wie er mit seinem Kindheitsfreund Paul auf einem kleinen steinernen Zaun am Spielplatz sitzt. «Dieser Steinzaun, auf dem wir uns zu treffen pflegten, war gelegen genau an der Grenze zwischen dem streng orthodoxen chassidischen Wohnviertel und einer anderen Stadtgegend, wo die mehr europäisierten Juden wohnten. Gerade an der Grenze trafen wir uns dann..»

Der Steinzaun findet sich zu Beginn des Buches, in dem Petro Rychlo, Essayist, Übersetzer und Germanist an der Universität Czernowitz, Erinnerungen von Zeitgenossen an Paul Celan (23.11.1920 – 20.4.1970) versammelt. Bis auf einen sind alle 55 Texte nach dem Tod Celans entstanden, Interviews und Briefe, Auszüge aus Büchern über Celan, Übersetzungen aus dem Russischen und Rumänischen, Schwedischen und Französischen, dazu Erstpublikationen.

Der Vornamen Paul klang fremd, er klang christlich

Der Steinzaun, an den sich Moshe Barash erinnerte, ist von einer Vielzahl Lebens- und Todesgeschichten umgeben. Sie handeln vom Elternhaus und der Familie Edith Silbermanns, vom jiddischen Theater, in dem Ruth Kraft mitspielte, erzählen Parallelgeschichten zur Deportation der Eltern Celans im Sommer 1942, geben Rückblicke auf die Vielfalt der Sprachen in den Herkunftswelt, auf das Rumänische, Russische und Französische, auf die surrealistische Literatur, die Celan mitbrachte, als er nach einem Semester Medizinstudium in Tours 1938/39 nach Czernowitz zurückkehrte.

«Als Paul noch nicht Celan war» könnte das Czernowitz-Kapitel heissen. Ein lebendigeres Porträt seiner Herkunftswelt lässt sich kaum finden. Der junge Paul Antschel, rumänisch Ancel, hat das Anagramm Celan noch nicht zu seinem Nachnamen gemacht. Zu seinem Vornamen sagt Moshe Barash: «Ich ärgerte mich über seinen Namen. Über den Namen Paul. Ich hiess damals Moses, also heute Moshe, was natürlich die hebräische Urform von Moses ist. Paul, das war etwas, was fremd klang.» Spricht hier das erinnerte Kind oder der rückblickende Gelehrte in Israel? In jedem Fall tritt das Christliche am Namen Paul hervor, die Urfigur des bekehrten Juden.

Der Chor der Stimmen spricht von der Literatur, den leidenschaftlichen Lektüren, etwa Hölderlins oder Rilkes, von ersten Übersetzungen, vom deutschsprachigen Elternhaus, in dem die Mutter als Vermittlerin der deutschen Literatur auftritt. Aber er spricht nicht nur von der Literatur. Er spricht von Liebschaften und Zerwürfnissen, vom Erwachsenwerden in Zeiten von Krieg und Verfolgung.

Von der faschistischen Regierung, die 1937/38 in Rumänien an die Macht kam, von der kommunistischen Jugendbewegung, von der Desillusionierung über die Sowjetunion noch vor dem Einmarsch der Russen in Czernowitz im Juni 1940, von der Judenverfolgung nach dem Eintritt Rumäniens in den Krieg an der Seite des Deutschen Reiches. Vom Zufall begünstigt, entging Paul Celan der Deportation und kam in ein Arbeitslager in der Moldau. Vom Tod seiner Eltern – der Vater war 1942 an Typhus gestorben, die Mutter im selben Jahr von einem SS-Mann erschossen worden – erfuhr er erst 1944.

Seine Stimme war hoch, wie bei einem Mädchen

Schon im Czernowitz-Kapitel tritt ein Element hervor, das alle Lebensphasen und Lebensschauplätze durchzieht, die Stimme Celans. Sie kennt den Überschwang, viele Gedichte und Dramentexte auswendig, rezitiert gern Frauenrollen wie Shakespeares Ophelia oder Julia , parodiert und imitiert, singt zeitweilig revolutionäre Lieder, flüstert eigene Gedichte. «Seine Stimme war hoch … wie bei einem Mädchen. Er war auch ironisch, konnte lachen, Witze reissen. Er konnte zum Beispiel ‘seine Ohren bewegen’», erinnert sich Malzia Fischmann-Kahwe.

Bukarest, wohin er im Frühjahr 1945 für etwa zweieinhalb Jahre ging, und Wien, wo er ab Mitte Dezember 1947 für ein halbes Jahr war, blieben Zwischenstationen im Leben Celans, aber hier wie dort fanden Weichenstellungen seiner literarischen Karriere statt. In Bukarest erschien 1947 die «Todesfuge» zum ersten Mal, auf Rumänisch, unter dem Titel «Todestango», übertragen von Petre Solomon. Er porträtiert die deutschsprachigen rumänischen Dichterzirkel, Celan als Lektor des Verlags «Cartea Rusă» und die sprachspielerische Seite seines Freundes, dessen Lust an Paradoxen. Ein «Frage-Antwort-Spiel» Celans beginnt so: «Was ist die Einsamkeit des Dichters? - eine Zirkusnummer, die nicht im Programm steht.»

Das Wien-Kapitel enthält die Erstpublikation seiner Gedichte im deutschsprachigen Raum und die Erstbegegnung mit Ingeborg Bachmann. Otto Basil, der Gedichte Celans in der Zeitschrift «Plan» brachte, berichtet über das von ihm und Celan herausgegebene Buch über den surrealistischen Maler Edgar Jené, Milo Dor über das Umfeld des ersten Gedichtbandes von Celan, «Der Sand aus den Urnen».

Die Verleumdung Celans als Plagiator

In Paris lebte Paul Celan die längste Zeit seines Lebens, von 1948 bis zum Tod in der Seine Ende April 1970. Im Kapitel Paris steckt das grosse Nachkriegstrauma, die Verleumdung Celans als Plagiator von Iwan Goll durch dessen Witwe Claire Goll und das Grossthema «Celan und Deutschland» mit dem Auftritt Celans bei der Gruppe 47 in Niendorf 1952, mit dem Büchnerpreis und dem Besuch bei Martin Heidegger 1967.

Auch hier bewährt sich das chorische Prinzip, dessen soziologisches Profil sich auffächert. An die Seite der Schriftsteller, darunter Marie Luise Kaschnitz, Günter Grass, Friedrich Dürrenmatt, Yves Bonnefoy, Karl Krolow und Peter Härtling treten die Literaturwissenschaftler, darunter Gerhart Baumann, Albrecht Schöne, Gisela Dischner, Gerhard Neumann und vor allem der Komparatist Peter Szondi, der in vielen Erinnerungen auftaucht, ohne selber einen Erinnerungstext verfasst zu haben.

Erstmals auf Deutsch ist hier Jacques Derridas Erinnerung an seinen schweigsamen Kollegen Paul Celan zu lesen, den Lektor für Deutsch an der École Normale Superieur. Erzählungen von abgebrochenen Gesprächen und Freundschaften, von nicht zu bändigendem Misstrauen, Spuren der schweren psychischen Erkrankung Celans ziehen sich wie seine Affären durch das Paris-Kapitel. Die Erinnerungen an das Ehepaar Paul Celan und Gisèle Lestrange, etwa der Übersetzerin Edith Aron, gelten zugleich der Malerin Lestrange, vor allem bei dem deutschen Kurator Wieland Schmied.

Am Ende des Buches hat die Stimme Paul Celans, in den Erinnerungen an seine Lesungen beim Besuch in Israel 1969 einen letzten, bewegenden Auftritt. Bei der Lesung vor der Gruppe 47 in Niendorf hatten sich manche Zuhörer über sie mokiert, einige fühlten sich an den «Tonfall von Goebbels», andere an den Singsang eines Rabbis oder Kantors in der Synagoge erinnert. Die Vorkriegstradition der Rezitatoren hatten sie nicht im Ohr.

Bei Ilana Shmueli, die Celan aus der Kindheit in Czernowitz kannte und ihn im Oktober 1969 in Jerusalem und Tel Aviv wiedertraf, wo sich «die Czernowitzer Landsmannschaft» der Stadt bei seiner Lesung versammelte, war das anders. Israel Chalfen schrieb im November 1969 in dem einzigen zu Lebzeiten Celans erschienenen Text dieser Anthologie: «Man horcht auf. Eine Stimme hat zu sprechen begonnen, die ist ganz anders als die gewohnten. Die Musikalität des Klanges, die Reinheit der Diktion, die Schlichtheit, bei aller Sicherheit und Kraft des Ausdrucks; das ergreift den Hörer unwiderstehlich und lässt ihn dieser Stimme sich ganz hingeben.»

Petro Rychlo (Hrsg.): Mit den Augen von Zeitgenossen. Erinnerungen an Paul Celan. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 470 Seiten, 28 Euro.