Die Revolution des Gangster-Gärtners

In Los Angeles lehnen sich die Bürger auf. Statt auf politischen Protest setzen sie auf Samen. Ein Besuch bei ihrem Anführer.

«Ich werde für das kleinere der beiden Übel stimmen. Gebärmutter statt Penis»: Ron Finleys Kommentar zu den US-Präsidentschaftswahlen. (Bild: Julie Connan)

«Ich werde für das kleinere der beiden Übel stimmen. Gebärmutter statt Penis»: Ron Finleys Kommentar zu den US-Präsidentschaftswahlen. (Bild: Julie Connan)

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Im Schatten einiger durstiger Palmen liegt eine seltsame grüne Oase im Herzen von South Central, Los Angeles. Eine Bananenstaude, Granatapfelbäume und Kakteen entlang des Bürgersteigs bilden einen interessanten Gegensatz zu den Fast-Food-Restaurants, Spirituosen-Läden, Lagerhallen und Reifenhändlern des Viertels.

Bei sich zu Hause – dem Epizentrum des Projekts «Gangsta Gardener» – bietet Ron Finley einen scharlachroten Granatapfel und nicht etwa eine Limo aus der Dose an. Seit 2010 kämpft der ehemalige Designer gegen das, was er als «Nahrungs-Wüsten» bezeichnet, die es in Los Angeles an fast jeder Strassenecke gibt: Supermärkte voller Produkte, «die töten».

Deswegen macht sich der Gärtner dafür stark, den urbanen Raum – Gehwege, Strassenränder, verlassene Grundstücke – zurückzuerobern, damit die Menschen ihr Obst und Gemüse anbauen können. «Sie müssen verstehen, wo ihre Lebensmittel herkommen. Davon sind wir hier weit entfernt», erklärt er vor seinem mit Graffiti besprühten Pool, der in ein riesiges Gemüsebeet umgewandelt wurde. Für Finley ist diese Philosophie auch ein Mittel gegen sämtliche Übel (Armut, Gesundheitsprobleme, Gewalt, Banden), mit denen das Viertel – Schauplatz der Unruhen im Jahr 1992 – nach wie vor kämpft.

Ron Finleys Pool wurde in ein Gemüsebeet umgewandelt. (Bild: Julie Connan)

Einst eine lokale Initiative hat das Projekt mittlerweile die Grenzen von L.A. überschritten. Seither hat sich sein Leben verändert. Vergangene Woche ins Weisse Haus eingeladen, zuvor in der Toskana, lebt er heute von seinen Aktionen und musste seine Modelinie aus Zeitmangel verkaufen. «Ich versuche, den jungen Menschen klar machen, dass das hier das neue cool ist. Gangster zu sein, hat nichts mit Drogen noch Alkohol zu tun. Es bedeutet vielmehr, seine eigene Nahrung anzubauen und zu essen.»

In seinen Augen ist dieser grüne Aktivismus viel mehr wert, als jedes politische Engagement. Beim Thema Präsidentschaftswahlen spricht sein Gesichtsausdruck Bände. «Ich werde für das kleinere der beiden Übel stimmen. Gebärmutter statt Penis», erklärt er auf etwas ungewöhnliche Weise, ohne die Namen der Kandidaten für die Nachfolge von Obama zu nennen. Ihm zufolge hat der erste schwarze Präsident der Vereinigten Staaten ein grosses Umdenken bewirkt, aber die ethnischen Spannungen haben während seiner beiden Amtsperioden zugenommen. «Es steckt ein gewisser Rassismus in der Gesellschaft. Schauen Sie sich an, wie viele Schwarze von der Polizei getötet werden! »“

Wie in vielen Städten der Vereinigten Staaten findet auch in South Central gerade ein Strukturwandel statt. Die steigenden Immobilienpreise drängen die weniger begüterten Menschen an den Stadtrand. «Die Hautfarbe der Bewohner ändert sich, und auch ihre Gewohnheiten: Cafés, Bio-Läden, Yoga-Kurse. Das ist in Ordnung, aber die Bevölkerung in diesem Viertel muss ihre Lebensweise selbst, aus eigenen Stücken ändern und nicht, weil hier neue Leute einziehen.»

Erstellt: 14.10.2016, 16:03 Uhr

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