Die Schande von Rio

Drei Jahre nach den Sommerspielen ist klar: Rio war von Korruption verseucht. Viele Schlüsselfiguren sind in Haft.

Mit Schmiergeldern gebaut, jetzt marode: Viele der Olympia-Stadien sind heute defekt. Foto: Reuters

Mit Schmiergeldern gebaut, jetzt marode: Viele der Olympia-Stadien sind heute defekt. Foto: Reuters

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Carlos Nuzman frohlockt in dieser lauen Augustnacht von Rio: «Ich bin der glücklichste Mensch auf Erden.» Gerade hat der OK-Chef der Sommerspiele 2016 seine Schlussrede im Maracana gehalten. 14 Monate später verhaftet ihn die Polizei. Ihr Vorwurf: Geldwäsche, Zugehörigkeit zu einer kriminellen Vereinigung und Stimmenkauf für die Vergabe dieser Spiele in Rio.

Im August 2016 aber ist der damals 74-jährige Multifunktionär auf seinem beruflichen Höhepunkt. Am Tag nach den Spielen erhält er von IOK-Präsident Thomas Bach den höchsten Orden der Olympier. Bach lobt: «Rio offenbarte der Welt das Beste der Einwohner von Rio und ganz Brasilien.» Und an die Adresse von Nuzman und seinen Helfern sagt er: «Mein Herz ist voller Dankbarkeit und Bewunderung für alle von Ihnen.»

Dabei wüsste Bach besser als alle anderen: Wie nachhaltig Spiele sind, lässt sich erst mit Distanz sagen. Im Fall von Rio reichen drei Jahre für das Urteil, weil die brasilianische Justiz eine beispiellose Aufräumaktion startete, um die endemische Korruption im Land einzudämmen. Ein gewichtiger Nebenstrang handelt von Rio 2016.

Nuzman ist darum nur der prominenteste von vielen angeklagten bis eingesperrten Funktionären und Politikern, die sich an den Spielen bereichern wollten. Eine Rekonstruktion.

Operation unfaires Spiel

Brasiliens Staatspräsident Lula umarmt am 2. Oktober 2009 den damaligen IOK-Präsidenten Jacques Rogge, nachdem dieser verkündet hat, Rio erhalte die Sommerspiele für 2016. Was Lula gemäss Insidern damals schon weiss: Brasiliens Olympiamannen mit Carlos Nuzman an der Spitze kauften sich für zwei Millionen Dollar die entscheidenden Stimmen. Nuzman bestreitet jede Mitwirkung.

Bloss hat die Staatsanwaltschaft auf knapp 160 Seiten so viele Beweise vorgestellt, dass Nuzman kaum davonkommen kann, darunter E-Mails zuhanden seiner Sekretärin vom Stimmenbeschaffer. Das entsprechende Dossier heisst «Operation unfaires Spiel» und offenbart, wie sich der frühere Volleyballer Nuzman zu einem der führenden Sportfunktionäre im Land entwickelte und dabei immer reicher wurde.

Als man Nuzman an jenem Morgen im Oktober 2017 verhaftet, findet die Polizei unter anderem: rund 140'000 Franken in verschiedenen Währungen und Belege für 16 Goldbarren im Wert von rund 670'000 Franken, die er im Genfer Zollfreilager einlagern lässt.

Er lagerte kiloweise Gold in einem Genfer Zollfreilager: Der brasilianische OK-Chef Carlos Nuzman. Foto: Getty Images

Die Fahnder erfahren schnell, warum Nuzman derart viel Cash im Haus deponiert hat: Er zahlt alles in bar, weil er damit gut verschleiern kann, wie hoch seine Einnahmen und Ausgaben tatsächlich sind. Sie spekulieren auch, warum Nuzman einen russischen Pass besitzt. Die Fahnder interpretieren ihn als Dankeschön dafür, dass er für die Russen vor deren Fussball-WM 2018 seine Kontakte gewinnbringend eingebracht hat.

Nuzman muss seine Pässe abgeben. Da er alt und schwach sei, darf er statt im Gefängnis daheim auf seinen Prozess warten. Dieser stockt. Die Bewunderung von Thomas Bach und seinem IOK unmittelbar nach Rio hat sich mittlerweile gedreht. Es suspendierte Nuzman als IOK-Ehrenmitglied sowie als Mitglied der Koordinierungskommission für die Sommerspiele 2020.

198 Jahre ins Gefängnis

Neben Nuzman sind weitere Schlüsselfiguren von Rio 2016 gefallen, darunter mit Sergio Cabral der damalige Gouverneur des Bundeslandes Rio. Wegen diverser Korruptions- und Betrugsdelikte weit über die Spiele hinaus wird er zu einer Gefängnisstrafe von 198 Jahren verurteilt. Es ist Cabral, der Nuzman zuletzt als Mittelsmann im Stimmenkauf für Rio 2016 weiter schwer belastet hat.

Nuzman und sein Team haben auch eine Spur der Verwüstung hinterlassen: Denn das OK von Rio, dem er vorstand, kann viele Rechnungen nach Abschluss der Spiele nicht bezahlen. Gemäss brasilianischen Medien warten Dutzende Unternehmer auf Zahlungen im Wert von gegen 110 Millionen Franken. Weil die Firma, die hinter Rio 2016 stand, in Konkurs ging, handelt es sich bei ihr bloss noch um eine Hülle. An Geld kommen die betrogenen Olympiazulieferer kaum mehr.

Jeden Freitag wurde mit dem Bauprüfer Tennis gespielt, dann kamen Prostituierte.

Das wiederum stört das IOK. Immerhin nahm es mehrere Milliarden Franken dank Rio ein, wovon es dem OK 1,5 Milliarden ans Veranstalterbudget bezahlt hat. Doch seine Versuche, mit den politischen Verantwortlichen ins Gespräch zu kommen und allenfalls aushelfen zu können, scheitern gemäss IOK.

Es fühle sich auf der Gegenseite niemand verantwortlich, sagt es. Die Gegenseite widerspricht. Das IOK habe sich nie gemeldet. Dass sowohl die Stadt, das Bundesland wie auch der Staat mittlerweile neue Politiker an die Spitze gewählt haben und diese mit eigenen Teams agieren, erschwert die Situation.

Alles auf Schmiergeld gebaut

Zum Haupterbe von Rio zählt die neue oder renovierte Infrastruktur wie Stadien, Bus- oder Tramlinien. Inzwischen weiss man: Die Baufirmen haben Millionen für die Aufträge an korrupte Beamte bezahlt. Die einst grösste Baufirma Odebrecht unterhielt gar eine eigene Schmiergeld-Abteilung.

Einen Insider der brasilianischen Baubranche konnte diese Zeitung treffen. Er arbeitete an einem grossen Olympiaprojekt – sowohl für die öffentliche Hand wie für eine Baufirma.

Ein letztes Feuerwerk erlebte Rio mit der Schlussfeier, seither herrscht vor allem Olympiakater. Foto: Buda Mendes (Getty)

Der flächendeckende Betrug in seinem Projekt setzt mit der Ausschreibung ein. Sie sei derart minutiös ausformuliert gewesen – bis auf die spezifische Verwendung der Geräte –, dass bloss sein Unternehmen den Zuschlag habe erhalten können. Als es die Baustelle eröffnet, lässt es umgehend Sportplätze erstellen.

Offiziell dienen sie den Angestellten. Alle Involvierten aber wissen: Der zuständige Bauprüfer der Stadt treibt nun einmal gerne Ballsport und besitzt massiven Einfluss auf den Projektverlauf. Der Abgabetermin steht, die Zeit drängt.

Eine Schlüsselfigur bleibt unbehelligt

Jeden Freitag wird der Bauprüfer zum Spiel getroffen, es folgen Grilladen und Prostituierte, so der Informant. Ein nettes Auto kommt hinzu, der Umgarnte muss ja an die Baustelle gelangen.

Und wenn er nachfragt, ob man nicht einmal seinen Kühlschrank in seiner Wohnung kontrollieren könne, weiss die Baufirma: Es ist Zeit, dessen Wohnung total zu sanieren. Der Informant sagt: «Wie alle Bauprojekte in Rio waren auch diejenigen der Spiele von Korruption durchsetzt.»

Es zeigt sich an Alexandre Pinto, der zu fast 23 Gefängnisjahren verurteilt wurde. Pinto war der städtische Chef von Rios Infrastrukturen rund um die Olympiajahre. Pinto bekam Schmiergelder in der Höhe von 7,5 Millionen Franken überwiesen, die zahlenden Baufirmen erhielten den Zuschlag für die olympischen Buslinien sowie Wassersäuberungsarbeiten. Neben Pinto wurden weitere städtische Angestellte inhaftiert. Sie hatten mehrere Millionen kassiert.

Auch Rios damaligen Bürgermeister Eduardo Paes verhaftete die Justiz. Doch obschon ihn Zeugen beschuldigen, er habe mehrere Millionen an sogenannten Kickbacks zugesteckt bekommen, ist Paes eine der wenigen involvierten Schlüsselfiguren der Spiele 2016, die unbehelligt blieben. Er führt inzwischen den südamerikanischen Ableger einer chinesischen Autofirma.

Kampf gegen den Zerfall

Zum Erbe, das Olympia-Veranstalter ihren Mitbürgern vermachen, zählen natürlich auch die Anlagen. Doch das Erbe von Rio ist eher trist. Weil den Verwaltern – primär die Stadt und der Staat – das Geld fehlt, verfallen viele Stadien. Der Chef der Parkverwaltung rechnete im vergangenen Jahr vor, dass 1508 Reparaturen notwendig seien, und zwar keineswegs nur Kleinigkeiten.

Sinnbild dafür ist das Schwimmstadion. Als temporäre Anlage aufgestellt, sollte es längst abgebaut sein. Weil die Mittel fehlen, rostet es vor sich hin. Die Olympiaparkverwaltung führt darum einen tapferen, aber fast aussichtslosen Kampf gegen den Zerfall und postet auf ihren sozialen Kanälen immer wieder Bilder und Videos von Wettkämpfen in den früheren Olympiastadien.

Gemäss Insidern aber sind es viel zu wenige, als dass sich viele Einwohner der Metropole dafür interessierten. Hinzu kommt: Der Park befindet sich an der Peripherie der Stadt und ist nur nach relativ langer Anfahrt erreichbar. Er wirkt die meiste Zeit darum leblos.

Das Projekt des Milliardärs bezahlte der Staat

Der Regierungswechsel nach den Spielen – auf allen Ebenen – hat zudem zu einem Vakuum geführt. Viele Projekte der Vorgängercrews sind sistiert worden. Auch die Verwalter des Olympiaparks wissen nicht, wie lange sie noch wirken können.

Dazu passt die Situation des olympischen Dorfes. Ein Multimilliardär, dem Teile der Fläche gehörten, konnte es bauen. Von den rund 3600 Appartements im gehobenen Stil aber sind nur ganz wenige verkauft. Der Stadtteil Barra, auch dank der Spiele als Boomregion betrachtet, hat an Anziehungskraft verloren.

Dem Baulöwen ist damit allerdings kein Nachteil erwachsen: Die staatliche brasilianische Bank CEF finanzierte das Grossprojekt. Es passt in diese Olympiageschichte von Rio.

Erstellt: 29.07.2019, 21:00 Uhr

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