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Gastkommentar zum Unterricht via PCDie Schule braucht keine Digitalisierung um jeden Preis

Bei den Investitionen den Präsenzunterricht zu vernachlässigen, wäre fatal. Die Schule braucht beides: Computer und hervorragende Lehrkräfte.

Blick auf den Bildschirm oder Blick auf den Lehrer? Guter Schulunterricht braucht beides.
Blick auf den Bildschirm oder Blick auf den Lehrer? Guter Schulunterricht braucht beides.
Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Unsere Staatskasse wird zurzeit mit der Rettung ganzer Wirtschaftszweige arg strapaziert. Das wird auch die Bildung zu spüren bekommen, wenn die nächsten Investitionen anstehen. Werden wir dann die finanziellen Mittel primär für teure Digitalisierungsprojekte einsetzen, oder wären nicht gezielte Anstrengungen zur Verbesserung des Präsenzunterrichts lohnenswerter?

Die wesentlichen Studien zum Thema und die gemischten Erfahrungen mit dem Fernunterricht geben dem gemeinsamen Klassenunterricht eine klar bessere Note. Dessen Bilanz, übers Ganze gesehen, ist effizienter und schafft eine soziale Geborgenheit, die über digitale Verbindungen nicht zu erreichen ist.

Die meisten Lernprogramme der digitalen Bildungsindustrie sind weit davon entfernt, den Schülern anspruchsvolles Neuland so zu erschliessen, dass dieses auch von Schwächeren selbstständig betreten werden kann. Zuerst einmal müsste beim digitalen Angebot die Spreu vom Weizen geschieden werden.

Gegen eine Grundausstattung der Schulen mit moderner Präsentationstechnik und dem Einsatz altersgemässer Lernsoftware ist nichts einzuwenden. Digitale Hilfsmittel können zur Vertiefung grundsätzlich verstandener Kompetenzen viel beitragen und mit qualitativ überzeugendem Bild- und Tonmaterial den Präsenzunterricht bereichern. Ein stures Nein hiesse, die Chancen moderner digitaler Möglichkeiten zu verkennen und didaktische Pioniere vor den Kopf zu stossen.

Eine radikale Umstellung der Schule auf einen hohen Anteil an digitalem Unterricht wäre unverantwortlich.

Eine radikale Umstellung der Schule auf einen hohen Anteil an digitalem Unterricht wäre hingegen unverantwortlich. Neuerungen müssen von der Lehrerschaft mit Überzeugung mitgetragen werden und einen pädagogischen Mehrwert bringen, wenn sie gelingen sollen. Ganz heikel sind Eingriffe in die Methodenfreiheit, die bei einer dominanten Digitalisierung mit vorgegebenen Programmen einschneidend wären. Der Gestaltungsspielraum für die Lehrpersonen würde unattraktiv klein.

Oberstes Ziel bleibt eine gute Schulqualität. Wer eine starke Schule will, muss alles daransetzen, dass die Lehrerinnen und Lehrer der Vorbereitung eines lebendigen Präsenzunterrichts erste Priorität einräumen können. Nicht das schulische Rundherum ist die Hauptsache, sondern ein attraktiver Unterricht, der inhaltlich überzeugt. Dabei kommt der Fachdidaktik und der schulinternen Weiterbildung grosse Bedeutung zu.

Konkret könnte dies heissen, dass im Bereich Natur und Technik Lehrerteams Zeit erhalten, technische und naturkundliche Versuchsreihen gemeinsam bereitzustellen. Solche Vorbereitungsarbeiten wirken sich direkt auf die Qualität der Lektionen aus und schaffen eine echte Aufbruchsstimmung.

Erfreuliche Resultate stellen sich ebenso ein, wenn sich Lehrpersonen auf mindestens eine Lektion pro Schulmorgen gründlich vorbereiten. Ist es nicht ein ermutigendes Gefühl, wenn Kinder in der Erwartung zur Schule gehen, dass ihnen ihre Lehrerin neben dem soliden Unterricht jeden Morgen etwas Besonderes bietet? Solche Topstunden strahlen auf den ganzen Unterricht aus und lassen das sonst eher routinierte Lernen besser in Kauf nehmen.

Digitales Lernen stösst bei tieferen Bildungsprozessen an Grenzen und kann gute Lehrerinnen und Lehrer in keiner Weise ersetzen.

Viele Jugendliche bestätigen später, dass manche spannende Geschichts- oder Geografiestunde genau diese anregende Wirkung gehabt und sich in ihrer Erinnerung eingeprägt habe. Digitalisiertes Lernen verspricht mehr selbstständiges Lernen. Aber es ist weit entfernt von einem Lernverhalten, welches erst im gemeinsamen Entdecken grosser Zusammenhänge entwickelt wird. Das gilt ganz besonders für die kulturbildenden Fächer.

Die kommenden Jahre werden zeigen, wie hoch der Stellenwert eines kulturschaffenden Bildungsprogramms gegenüber einem einseitig auf Nützlichkeit ausgerichteten Konzept gehandelt wird. Digitales Lernen stösst bei tieferen Bildungsprozessen an Grenzen und kann gute Lehrerinnen und Lehrer in keiner Weise ersetzen. Ob Lehrpersonen primär als Coachs bei Computerprogrammen mitwirken oder gestaltend als aktive Personen eine Klassengemeinschaft lenken, ist die entscheidende Frage.

12 Kommentare
    Markus Graf Colombo

    In diesem Gastkommentar wird behauptet, dass bei einer "dominanten Digitalisierung mit vorgegebenen Programmen...die Eingriffe in die Methodenfreiheit einschneidend wäre". Wer als Lehrperson die Funktionen digitaler Werkzeuge durchdrungen und nicht bloss "IT-Kenntnisse" hat, entdeckt laufend neue Möglichkeiten zur Ausweitung der Methodenvielfalt im Unterricht.

    Primär müssen wir Lehrpersonen jedoch ein klares didaktisches Konzept anwenden. Die Lernenden (und nicht die Lehrpersonen) müssen dabei im Zentrum stehen. Heutzutage müssen wir Lehrpersonen die Lernenden auf ihr lebenslanges Lernen vorbereiten. Das didaktische Konzept des selbstorganisierten Lernens (SOL) eignet sich dafür bestens. Dabei müssen wir Lehrpersonen die digitalen Werkzeuge zu unseren "Untertanen" machen. Sie sollen die Lernenden und uns Lehrpersonen unterstützen. Gute digitale Werkzeuge gibt es! Aber die Lehrpersonen müssen sie eben, wie gesagt, durchdrungen haben.

    Im Gastkommentar wird befürchtet, dass in Zukunft die finanziellen Mittel primär für teure Digitalisierungsprojekte eingesetzt würden. Diese braucht es aber nur beschränkt. Formale Schulungen in digitalen Werkzeugen für Lehrpersonen haben für sie noch nicht den notwendigen Lerneffekt. Digitale Werkzeuge beherrschen Lehrpersonen erst, wenn sie selber die Applikationen für die Lernenden lernorientiert und konsequent einsetzen.