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Spielfilm über #MeToo-ThemaDie Sklavin vom Dienst

Psychoterror beim Filmboss: «The Assistant» erzählt von einer gedemütigten Büroangestellten – ohne dass man den Täter sieht. Eine Anspielung auf Harvey Weinstein?

Allzeit abrufbereit: Die Büroangestellte Jane (Julia Garner) im Spielfilm «The Assistant».
Allzeit abrufbereit: Die Büroangestellte Jane (Julia Garner) im Spielfilm «The Assistant».
Foto: Ty Johnson, Bleecker Street

Tageslicht? Existiert nicht für Jane. Frühmorgens wird die junge Frau (Julia Garner) vom Firmenwagen abgeholt, spätnachts beisst sie im Diner noch knapp von einem Muffin ab, während sie ihren Vater anruft, dessen Geburtstag sie vor lauter Arbeit vergessen hat. Dazwischen liegen gefühlte 18 Stunden perfidester Erniedrigung im Büro.

In ihrem Spielfilmdebüt «The Assistant» erzählt die Australierin Kitty Green von einer modernen Sklavin, die sich in einer Filmproduktionsfirma nach oben arbeiten möchte. Natürlich denkt man da als Erstes an #MeToo und Harvey Weinstein. Aber das Gute am Film ist, dass er diese Erwartungshaltung auf clevere Art unterläuft.

Es tritt also kein polternder Filmproduzent auf, es gibt nicht mal ein klar erkennbares Feindbild, sondern bloss schlechte Scherze der Bürokollegen und ein deprimierendes Arbeitsklima. Den Finanzmenschen, die in Sitzungszimmern wie zufällig ein und aus gehen, werden von der Kamera (Michael Latham) die Köpfe abgeschnitten, ihre Gespräche beschränken sich auf ein Raunen und Murmeln.

Mausgraues Gegenstück zum Film «Bombshell»

Das ist insofern brillant umgesetzt, als die vom Dokumentarfilm kommende Regisseurin alles Wichtige aus der unterwürfigen Sicht ihrer Hauptfigur erzählt. Man hört zum Beispiel, wie Jane die Gattin des Bosses und andere unangenehme Leute per Telefon beschwichtigt. Man sieht, wie sie einen Ohrring vom Boden aufsammelt. Man registriert, wie sie das fleckige Sofa putzt, wie sie Potenzmittelspritzen arrangiert und auf Anweisung Hotelzimmerbelege ignoriert. Ausserdem muss Jane Drehbücher zusammenheften (die niemand liest ausser sie selbst), sie hat Tagespläne zu verteilen, Abfälle zu entsorgen und für andere Nebensächlichkeiten allzeit abrufbereit zu sein.

So gesehen, ist «The Assistant» ein mausgraues Gegenstück zu «Bombshell» von Jay Roach, jenem auf Hochglanz polierten Drama über den Fall des einstigen Fox-News-Chefs Roger Ailes. Dass der Film von Kitty Green ungleich besser funktioniert – liegt es daran, dass ihn eine Frau geschrieben und inszeniert hat? Nun, vor allem liegt es daran, dass die streng komponierte Bürotragödie kaum Handlung benötigt und fast ausschliesslich über das Gesicht von Julia Garner («Ozark») erzählt wird.

Die Kamera sieht dabei konsequent auf die Protagonistin herab und auf das, was der systematische Terror in ihr anrichtet. Aufzuschauen getraut sich diese kaum. Und nur einmal – ein einziges Mal – geht sie bei Tageslicht über die Strasse, um im angrenzenden Haus bei Personalchef Wilcock (Matthew Macfadyen, «Succession») vorzusprechen.

Zynischer Zeitgenosse: Der Personalchef (Matthew Macfadyen) im Film «The Assistant».
Zynischer Zeitgenosse: Der Personalchef (Matthew Macfadyen) im Film «The Assistant».
Foto: Ty Johnson, Bleecker Street

Diesen Mann weist Jane darauf hin, dass eine jüngere und offensichtlich unkundige Assistentin den Boss ins Hotel begleiten durfte. Es beginnt ein Eiertanz zwischen Anklage und Scham, in dessen Verlauf der zynische Personalchef den offensichtlichen Täter flugs zum Wohltäter umdeutet und das Gespräch mit der Bemerkung beendet: «Sie sind eh nicht sein Typ.»

Da begreift Jane, dass sie gegen diese toxische Firmenkultur nichts ausrichten kann, da sie sonst in Nullkommanichts von einer jüngeren Bewerberin ersetzt würde. Das Einzige, was dann noch geschieht, ist, dass sich die Lippen der grossartig aufspielenden Julia Garner vor Abscheu krümmen. Es ist das grösstmögliche Zeichen des Entsetzens über die eigene existenzielle Ausweglosigkeit.

«The Assistant» läuft auf Amazon Prime und iTunes.