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«Armageddon» im Big AppleDas Virus hat New York zum Schweigen gebracht wie kein Terror, kein Hurrikan

Covid-19 versetzte die Stadt der Städte kurz in Panik und dann in eine lange Totenstille. Jetzt legen sie ihre Opfer vorübergehend in ein Massengrab auf Hart Island.

Die Leichenhäuser sind überfüllt: Tote werden vorübergehend auf dem Armenfriedhof auf der Insel Hart Island vor dem Stadtviertel Bronx begraben.
Video: AP

Das Virus sitzt überall in dieser Geisterstadt. Es ist in die Hochsicherheitsgefängnisse vorgedrungen und in die Viertel der orthodoxen Juden. Es hat die Ärzte an der Front infiziert und die Reichen in den Vorortvillen. Es hat alte Dramatiker am Broadway getötet und mittelalte Polizisten und dynamische Priester und Marathonläufer und preisgekrönte Schauspieler und eine junge Schulleiterin in Brooklyn.

Es hat diese Stadt aller Städte kurz in Panik versetzt und dann in eine lange Totenstille. Es hat New York zum Schweigen gebracht wie kein Terroranschlag, keine Finanzkrise, kein Hurrikan. Und es wird ihr Rekorde bescheren, die sie nicht will: die Stadt mit den meisten Infizierten der Welt, mehr als Wuhan. Die Stadt mit den meisten Toten, mehr als Bergamo.

New York City ist das Epizentrum der Pandemie, 12000 Kilometer entfernt vom eigentlichen Epizentrum.

Bomberjacken sind das Accessoire von US-Politikern für die Zeit der Kriege und Katastrophen

Der Mann, der die Coronakrise bewältigen soll, marschiert durch ein Konferenzzentrum, aus dem innerhalb weniger Tage ein Feldlazarett geworden ist, das Javits Center an der Westseite von Manhattan. Er hält, wie zurzeit alle Menschen, 1,80 Meter Abstand zu anderen Anwesenden, die Schritte vorsichtig abschätzend. Vorausplanend wie in einer Schachpartie.

Der Mann heisst Andrew Cuomo, ist 62 Jahre alt und Gouverneur von New York. Er trägt ein eng anliegendes weisses Poloshirt und eine Bomberjacke mit dem Wappen seines Bundesstaates. Bomberjacken sind das Accessoire von US-Politikern für die Zeit der Kriege und Katastrophen.

«Unser Land wird eine andere Persönlichkeit haben. Ängstlicher, weniger vertrauensvoll. Aber vielleicht gibt es ein grösseres Bedürfnis nach Intimität», so Andrew Cuomo, Gouverneur von New York.
«Unser Land wird eine andere Persönlichkeit haben. Ängstlicher, weniger vertrauensvoll. Aber vielleicht gibt es ein grösseres Bedürfnis nach Intimität», so Andrew Cuomo, Gouverneur von New York.
UPI/laif

Für Cuomo kommt im Fall der Corona-Epidemie beides zusammen – Krieg und Katastrophe. «Wir werden ein anderes Land sein», sagt er. «Unser Land wird eine andere Persönlichkeit haben. Ängstlicher, weniger vertrauensvoll. Aber vielleicht gibt es ein grösseres Bedürfnis nach Intimität.» Der Gouverneur führt einen Wettlauf gegen die Zeit: Mehr als hunderttausend Infizierte im Staat New York. Bald zehntausend Tote. Allein die Stadt New York City hat bereits mehr Corona-Tote als die ganze Schweiz. Cuomo organisiert Beatmungsgeräte aus aller Welt, er schafft hunderttausend Krankenhausbetten in Unis, Kreuzfahrtterminals, auf Pferderennbahnen und dem Tennisgelände der US Open.

«New York ist jetzt der Kanarienvogel in der Kohlemine.»

Andrew Cuomo, Gouverneur von New York

«Es hat uns erwischt, weil New Yorker so offen sind und Besucher aus aller Welt empfangen und weil wir so eng aufeinander leben», erklärt er den Menschen. Er will sagen: Es hat uns erwischt, weil wir so gut sind, so offen. New York eben.

Es gab eine Zeit, als Cuomo den Beinamen «menschlicher Bulldozer» erhielt, weil er alle umrannte, die sich ihm in den Weg stellten. Sein ehemaliger Berater erklärte: «Der Gouverneur denkt, er sei ein Hammer und jeder andere ein Nagel.»

Aber Cuomo ist ein Mann wie gemacht für Krisen. Er redet klar und schwafelt nicht – ganz anders als der Präsident. Er präsentiert Fakten und Wahrheiten, auch wenn sie unangenehm sind – «New York ist jetzt der Kanarienvogel in der Kohlemine». Er kämpft um jedes Leben, je häufiger der Präsident von der wirtschaftlichen Wiederöffnung des Landes spricht. Während Trump weiterhin seine Gegner beleidigt – selbst in Zeiten der nationalen Krise –, zeigt Cuomo Empathie: «Wir werden es schaffen, denn wir sind New York. Wir sind New York tough. Diese Stadt macht dich tough. Im guten Sinn. Ich liebe New York, weil New York dich liebt. Weil New York alle liebt. Schwarz und Weiss und Braun, Klein und Gross, Homos und Heteros. Und am Ende des Tages, meine Freunde, wird die Liebe gewinnen. Auch gegen das Virus.»

Man denkt: So müsste der Präsident der Vereinigten Staaten reden. Man denkt auch: Es ist lebenswichtig, in solchen Zeiten keinen Reality-TV-Star an der Spitze zu haben.

Es läuft die Schlacht um New York

Die Stadt erwacht in diesen Tagen so, wie sie auch einschläft, wie sie sich durch den Tag schleppt: in verstörender Stille, heruntergefahren auf Minimalbetrieb. Man hört jetzt Vogelstimmen, die sonst schon im Morgengrauen vom Rauschen des Verkehrs geschluckt werden.

Der einzige Sound, der noch geblieben ist aus alten Zeiten, ist das morgendliche Knattern der Trucks, die die Supermärkte noch beliefern, herbeigesehnt von den Bürgern. Und dieses Heulen. Das Heulen der Sirenen. Immer wieder und immer mehr. Rauf und runter rasen die Krankenwagen auf der 7th Avenue, ein konstanter Soundtrack der Pandemie – und gleichzeitig ein so ungewohntes Bild: Auf den leeren Avenues fahren jetzt mehr weiss-rote Krankenwagen als gelbe Taxis, die eigentlichen Wahrzeichen der Stadt.

Schilder, die zur sozialen Distanzierung auffordern, sind am Mittwoch, 8. April 2020, im Prospect Park im New Yorker Stadtteil Brooklyn zu sehen.
Schilder, die zur sozialen Distanzierung auffordern, sind am Mittwoch, 8. April 2020, im Prospect Park im New Yorker Stadtteil Brooklyn zu sehen.
Foto: Wong Maye-E/Keystone 

Die Notrufnummer 911 ist völlig überlastet. Die Rekorde nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wurden innerhalb von einer Woche dreimal gebrochen – 7000 Anrufe pro Tag statt 4000. Die Sanitäter sagen, dass sie – anders als jemals zuvor – vor Ort entscheiden müssen, wen sie im Krankenwagen mitnehmen und wer keine Chance mehr hat. Und sie setzen sich – anders als jemals zuvor – selber grossen Gefahren aus. «Ich weiss ehrlich nicht, ob ich das überlebe», sagt der Sanitäter Phil Suarez, der als Soldat den Irakkrieg überlebt hat. «Ich weiss nicht, was ich schon nach Hause gebracht habe.»

Ein Krieg gegen einen unsichtbaren Feind

Die grosse Stadt New York hat für diese Pandemie nicht genug Krankenwagen und Betten und Beatmungsgeräte und Schutzausrüstung in den Krankenhäusern Bellevue und Jacobi, Elmhurst und Kings County. – Das sind die Namen, die New York jetzt repräsentieren: Nicht Freedom Tower oder Statue of Liberty oder Empire State Building. Sondern: Jacobi, Bellevue, Elmhurst. Die Namen der Schlachten im Krieg gegen das Virus. Ein Krieg? Wirklich?

Präsident Trump sagt: Ja. Ein Krieg gegen einen unsichtbaren Feind. Gouverneur Andrew Cuomo sagt: Ja, das ist Krieg. Bürgermeister Bill de Blasio sagt: Wir sind im Krieg. Es läuft die Schlacht um New York.

Die Waffen? Keine F-16-Bomber, keine M16, nichts Martialisches. Sondern: Zu Hause bleiben. Stille. Menschenleere. Isolation. Die Stadt, die von ihrer Energie lebt, von den Massen, von der Enge, von Ellbogen, braucht für ihre grösste Schlacht: das Nichts.

Wenn es für Cuomo und Trump ein Epizentrum der Krise gibt, dann liegt es im Stadtteil Elmhurst, von dem der Präsident sagt: «Elmhurst ist das Epizentrum im Epizentrum. Ich habe nie etwas Vergleichbares gesehen. Und ich kenne es so gut. Ich bin da aufgewachsen.»

Elmhurst liegt mitten in Queens, Menschen aus 112 Nationen leben hier, zwei Drittel wurden ausserhalb der USA geboren. Es ist das ethnisch vielfältigste Viertel der ganzen Welt und liegt zehn Kilometer von Trumps Geburtsort entfernt, ebenso zehn Kilometer von Cuomos. Die Notärztin Colleen Smith hat ein Video über die Zustände im Elmhurst Hospital Center gedreht und sie so beschrieben: «Die Patienten haben alle Covid-19. Es wird immer schlimmer. Das Frustrierende ist zu wissen: Wir leisten zu wenig zu spät. Wir wussten, dass es kommt. Heute brauchten wir einen Kühllaster, um die Leichen zu lagern.»

Vor dem Krankenhaus warten Michaela und Juan Ramos auf das Testergebnis ihres Sohnes Jimmy. Er bekam plötzlich hohes Fieber und starken Husten. Die Lunge schmerzte beim Atmen, «wie Feuer». Jimmy ist noch jung, erst 28. Aber nun sterben auch junge Menschen.

«Das ist die erste Welle des Tsunamis.»

Rikki Lane, Ärztin

Wie so viele Bewohner aus Elmhurst konnten sie in den letzten Tagen nicht zu Hause in Quarantäne bleiben. Sie müssen arbeiten – als Lieferboten, Pfleger, Bauarbeiter, Köche –, Jobs, die vor allem Einwanderer machen. Sie sind das Rückgrat der Service- und Bauindustrie Amerikas. Sie setzen sich damit grossen Risiken aus, sind aber aufs Geld angewiesen. Sie erhalten keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Sie sind Tagelöhner.

Es ist ein sonniger Tag in New York und doch einer der dunkelsten in der Stadtgeschichte. Mehr als hundert Menschen sind wieder an Covid-19 gestorben, davon mehr als ein Dutzend in Elmhurst. «Das ist die erste Welle des Tsunamis», sagt die Ärztin Rikki Lane, die seit zwanzig Jahren hier arbeitet. Für die Toten steht vor dem Spital einer von 85 Kühllastwagen, die die Stadt bestellt hat. Ins Elmhurst-Krankenhaus kommen viele Einwanderer, die keine Krankenversicherung haben, aber jetzt das Virus.

So wie Jimmy, der seit fünf Stunden fiebrig in der Kälte ansteht. «Wir haben keine Versicherung», sagt sein Vater Juan, 51, auf Spanisch. «Und jetzt auch keine Jobs», sagt seine Frau Michaela, 52.

Von vier Jobs auf einen halben

Juan arbeitet seit Jahren auf dem Bau und in einem Restaurant, und diese Jobs wurden jetzt auf fünfzig Prozent reduziert. Michaela hat ihren Job als Putzfrau schon verloren. Sie erzählt: «Das sind die ersten Anrufe, die man jetzt bekommt: Tut mir leid, Putzen geht bei uns zu Hause nicht mehr, aber wenn die Krise vorbei ist, melde ich mich wieder.»

Auch ihr Sohn Jimmy hatte im Restaurant gejobbt ebenso wie die 21-jährige Tochter, doch das ist vorbei, die Bestellungen sind um siebzig Prozent eingebrochen. So sind sie in der Familie Ramos von vier Jobs auf einen halben gefallen, von etwa 7000 Dollar im Monat auf 1000. Finanzhilfen stehen ihnen als nicht dokumentierten Einwanderern nicht zu.

«Es ist wie ein Tornado», sagt Juan. «Er braust über uns hinüber und hat alles vernichtet.» Sie leben eng aufeinander und könnten alle vier das Virus haben und damit auch noch den letzten halben Job verlieren. So warten die drei Einwanderer aus Mexiko geduldig aufs Ergebnis, mit Gesichtsmasken und Handschuhen, eingeschüchtert von den Patientenschlangen vor dem überfüllten Krankenhaus.

Christliche Rechte arbeitet mit den liberalen Juden zusammen

Im Herzen Manhattans, im Central Park, entsteht ein Feldlazarett wie an der syrisch-türkischen Grenze. Missionare der christlichen Organisation Samaritan’s Purse, die dem benachbarten jüdischen Mount Sinai Hospital aushelfen, errichten acht weisse Zelte. An ihren Trucks sind grosse Kreuze zu sehen. Die Freiwilligen arbeiten hingebungsvoll und lächeln stets freundlich und sagen, sie seien froh, die Arbeit Gottes zu machen. Sie sind Anhänger Franklin Grahams, eines Alliierten von Donald Trump, der sich gegen die Homoehe ausspricht und gegen so ziemlich alles, wofür New York steht. Die christliche Rechte arbeitet mit den liberalen Juden zusammen. New York in den Zeiten von Corona.

Samaritan's Purse, eine christliche Organisation, richtet im Central Park ein Feldkrankenhaus mit 68 Betten ein, um den Überfluss an Patienten zu bewältigen, die vom Mount Sinai Medical Center auf der anderen Straßenseite erwartet werden.
Samaritan's Purse, eine christliche Organisation, richtet im Central Park ein Feldkrankenhaus mit 68 Betten ein, um den Überfluss an Patienten zu bewältigen, die vom Mount Sinai Medical Center auf der anderen Straßenseite erwartet werden.
Foto: Timothy Fadek

Hier in den Zelten nehmen die christlichen Ärzte den Krankenhäusern die Covid-19-Patienten ab. Das Mount Sinai Medical Center ist überlastet. Dabei ist es das Vorzeigespital der Stadt und gilt als eines der besten der USA.

Hier verlor der Krankenpfleger Kious Kelly am 24. März den Kampf gegen das Virus, er wurde 48 Jahre alt. Vierzehn Tage zuvor hatte er noch einer Kollegin dabei geholfen, die Schutzkleidung auszuziehen, nachdem sie einen Patienten betreut hatte, der positiv auf das Coronavirus getestet worden war. Zu dieser Zeit überschwemmten die Corona-Patienten schon die Krankenstationen von New York City. Das Krankenhaus hatte den Pflegern nur einen Plastik-schutzkittel pro Schicht zur Verfügung gestellt. Dabei sieht das Protokoll vor, dass dieser nach jeder Interaktion mit einem infizierten Patienten gewechselt werden muss. Kurz darauf wurde Kious Kelly krank und schrieb seiner Schwester eine letzte Nachricht: «Ich bin okay. Sag Mama und Papa nichts. Sie machen sich nur Sorgen.» Sechs Tage später starb er.

«Wir werden zur Schlachtbank geführt.»

Thomas Riley, Pfleger

Jetzt sind sie wütend auf Station 10 B. Schwester Joanna ist überzeugt, dass Kious nicht hätte sterben müssen: «Viele Leben werden geopfert durch das schlechte Management in dieser Krise. Das muss aufhören. Leben über Profit. Menschlichkeit über Parteipolitik.» Thomas Riley, ein anderer Pfleger, sagt: «Wir werden zur Schlachtbank geführt.»

Eine wütende Kollegin von Kious postete ein Foto auf Facebook. Es zeigt die Schwestern mit Bandanas vor dem Mund – ihr kläglicher Versuch, sich zu schützen. Eine andere lud ein Foto hoch von Krankenhausangestellten, die sich Plastikmüllsäcke über ihre OP-Schutzkittel gestülpt haben. «Es gibt keine Kittel mehr im ganzen Krankenhaus», steht unter diesen Fotos. Und: «Keine Masken mehr. Wiederverwendung der Einmalmasken.»

Krankenschwestern des medizinischen Zentrums von Montefiore halten vor dem Krankenhaus eine «Dringlichkeits-Sprechstunde» und eine Pressekonferenz ab und fordern N95 und andere kritische PSA zur Bewältigung des COVID-19-Ausbruchs.
Krankenschwestern des medizinischen Zentrums von Montefiore halten vor dem Krankenhaus eine «Dringlichkeits-Sprechstunde» und eine Pressekonferenz ab und fordern N95 und andere kritische PSA zur Bewältigung des COVID-19-Ausbruchs.
Foto: Bebeto Matthews/Keystone

Nur zwei Wochen zuvor hatte ich im Mount Sinai einige Stockwerke höher den Wissenschaftler Florian Krammer interviewt, einen der angesehensten Immunologen der USA. Er arbeitet mit Kollegen an einem Impfstoff gegen das Coronavirus. Er prognostizierte, dass Hunderttausende Menschen auf der Welt sterben werden, mehr als hunderttausend allein in den USA, so wie es später auch das Weisse Haus berechnen würde. Er sagte auch, dass sie Hunderte Millionen Dollar Unterstützung für ihre Forschungen erhalten.

Im 16. Stock arbeiten sie an einem Impfstoff gegen das Virus, während im selben Gebäude, ein paar Etagen tiefer, die Pfleger an dem Virus sterben.

Die grösste Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg

New York City ist die am dichtesten besiedelte Stadt der USA, weit vor San Francisco. Allein in den Sozialwohnungen der Stadt leben vierhunderttausend Menschen. Jeden Tag benutzen fünf Millionen Menschen die U-Bahn, so viele wie in Los Angeles in einem halben Monat. Vierzig Millionen Menschen besuchen jedes Jahr den Times Square.

Jetzt ist der Times Square leer. Der Bryant Park daneben – leer. Grand Central Station– leer wie ein Mausoleum. Ebenso das Hauptgebäude der Vereinten Nationen am East River.

Generalsekretär António Guterres verkündete dort gerade, es handele sich um die grösste Herausforderung der Menschheit seit dem Zweiten Weltkrieg.

In der Wall Street in Lower Manhattan sind noch ein paar wenige Börsenmakler unterwegs. Noch funktioniert das Finanzzentrum, anders als in den Tagen nach dem 11. September, aber es sind Zeiten, in denen es keine Black Mondays gibt oder Black Fridays, sondern Black Everydays. Abstürze von acht Prozent, Gewinne von fünf, Verluste von sieben Prozent, die Rekorde der Jahrzehnte purzeln in wenigen Tagen, als bräche jeden Tag ein neuer Krieg aus.

«Die Corona-Pandemie ist ein Desaster für das ganze Land.»

Ronnie Lowenstein, Finanzdirektor von New York

Die Folgen werden gravierender sein als nach 9/11 und nach der Finanzkrise, warnt Ronnie Lowenstein, der Finanzdirektor der Stadt. In beiden Fällen sprang der Bund ein, argumentiert er, aber diesmal sei die ganze Nation betroffen. «Wenn eine Stadt angegriffen wird wie am 11. September, ist das eine Sache. Aber die Corona-Pandemie ist ein Desaster für das ganze Land.»

Von hier sind es nur ein paar Meter zum Mahnmal für die Opfer der Terroranschläge. Einsam weht dort eine amerikanische Fahne. Ein einziger Guard hält Wache.

Hier an Ground Zero starben am 11. September 3000 Menschen. Schon jetzt, nach vier Wochen Pandemie, sind mehr New Yorker gestorben. Und draussen im Land werden mehr Amerikaner sterben als im Korea- und Vietnamkrieg zusammen.

Asiaten wurden bespuckt, angeschrien, physisch angegriffen

Der Rundgang durch Lower Manhattan führt weiter nach Chinatown, wo nur noch wenige Lebensmittelgeschäfte und Take-out-Restaurants geöffnet sind. Chinesen bedienen hier Chinesen, alle anderen blieben weg, je sturer Trump vom «Chinese virus» sprach und Aussenminister Michael Pompeo vom «Wuhan-Virus». Es gab, so hat die «New York Times» recherchiert, eine Reihe von Attacken gegen Asiaten. Sie wurden bespuckt, angeschrien, physisch angegriffen, bis mindestens drei Organisationen begannen, die Vorfälle zu untersuchen.

Die Ladenbesitzer hier in Chinatown wollen nicht darüber sprechen. Nur einer, der Sohn des Besitzers eines Gemüseladens, sagt: «Es sind keine guten Zeiten für uns Chinesen.» Es rufe Erinnerungen wach an dunkle Kapitel amerikanischer Geschichte, an die «Gelbe Gefahr», an die Internierung von Japanern während des Zweiten Weltkriegs und an den Chinese Exclusion Act von 1882, der es chinesischen Arbeitern verbot, amerikanische Staatsbürger zu werden.

Am meisten los ist am Washington Square, einem Treffpunkt der Skater und Jonglierer, der Poeten und Studenten, für viele das eigentliche Herz Manhattans, ein Ort der Counterculture. Aber auch dieser Platz ist leerer als sonst. Jene, die jetzt auf den Bänken sitzen und noch küssen, müssen sich vorwurfsvolle Blicke gefallen lassen. Und für alle, die die neue Realität noch immer nicht wahrhaben wollen, wurde in Kreide auf den Boden ein Kreis gemalt mit dem Hinweis: #SD6FT. Social distance 6 feet – 1,80 Meter.

Das steht jetzt überall: #SD6FT. Als Zeichen einer neuen Zeit, wie früher mal «Peace» oder «Anarchy».

Bis vor vier Wochen landeten in New York 3000 Flüge pro Tag. Sechzig Millionen Touristen besuchten die Stadt jährlich. 25000 Restaurants lebten von ihnen, 120000 Hotelbetten wurden belegt, der Stadt ging es prächtig nach zehn Jahren ununterbrochenen Wachstums. Jetzt werden nach Berechnungen des Center for New York City Affairs 500000 Menschen in der Tourismusindustrie ihren Job verlieren, mehr, als die Stadt Zürich Einwohner hat. Und das allein im Tourismussektor.

Die Stadt verkauft sich gern als robust und hart. Aber es ist auch die Stadt, die anfällig ist wie keine andere – gegen Finanzkrisen und steigende Meeresspiegel, gegen Terroranschläge und Pandemien.

«Das ist Armageddon. Endzeit.»

Zwei Missionarinnen am Union Square

Jetzt kommen keine Menschen mehr rein, nicht über die Flughäfen, nicht über die Bahnhöfe, nicht über die Brooklyn Bridge oder den Lincoln Tunnel. Die einzigen Neuankömmlinge sind die Haftentlassenen aus dem berüchtigten Gefängnis Rikers Island, die nach einer Reihe von Coronafällen drinnen eine grössere Gefahr darstellten als draussen. Bürgermeister Bill de Blasio warnt, dass sich die Hälfte der 8,6 Millionen New Yorker infizieren werde.

Die letzten Konstanten im Stadtbild sind die Missionare und Obdachlosen. Zwei Missionarinnen stehen trotz aller Gefahren am Eingang der U-Bahn-Station am Union Square. Aber sie sagen jetzt nicht mehr: «Jesus can save your life», sondern: «Das ist Armageddon. Endzeit. In dieser Krise können Leute nicht mehr fremdgehen, nicht mehr Ehebetrug begehen, nicht mehr wilde Partys veranstalten, nicht mehr auf satanische Konzerte gehen, nicht mehr auf Tinder nach Sexpartnern suchen, nicht mehr herumhuren. Es ist die Zeit der Säuberung.»

Und nicht mehr in den Gottesdienst gehen?, lautet die Gegenfrage. «Online schon», sagen sie lächelnd.

Sie riskieren ihr Leben für ein Land, dessen Präsident sie nicht will

Die Obdachlosen der Stadt, die sich nicht in ihr Homeoffice zurückziehen können, bewohnen jetzt die leeren Waggons der U-Bahn, fahren von Endstation zu Endstation, strecken sich aus auf den Bänken, die sie nur noch mit den «essenziellen» Arbeitern teilen müssen, den Krankenschwestern und Ärzten, den Polizisten und Reportern, den letzten noch autorisierten Passagieren.

In einem Land, das immer Helden braucht, in einer Stadt, die Polizisten zu Helden machte, Feuerwehrleute und Nationalgardisten, gilt die Bewunderung jetzt den Schwestern und Pflegern – den «Kämpfern an der Front», wie sie zu Recht genannt werden. Sie sitzen erschöpft in den U-Bahnen, in ihren hellblauen oder türkisfarbenen Uniformen, die Masken verrutscht, die meisten Einwanderer, aus Afrika, Haiti, El Salvador. Sie machen ihre Jobs und riskieren ihr Leben für ein Land, dessen Präsident sie nicht will.

Die meisten Schwestern und Pflegern sind Einwanderer, aus Afrika, Haiti, El Salvador.
Die meisten Schwestern und Pflegern sind Einwanderer, aus Afrika, Haiti, El Salvador.
Foto: Kathy Willen/Keystone 

Die Klassenstruktur der Stadt ist durcheinandergewirbelt. Jetzt also sind Krankenschwestern und Altenpfleger die Helden, Kassiererinnen und Essenslieferanten. Sie sind es, die die Extraschichten in den Krankenhäusern absolvieren, die das Essen in den 18. Stock bringen, die unter Lebensgefahr in Bioläden arbeiten, die sich in Pflegeheimen anstecken, die plötzlich einen Satz hören, der in Amerika bisher nur Soldaten galt: «Thank you for your service.»

New Yorker sind nicht willkommen

Wer aus New York fliehen konnte, der floh. Vor allem die Reichen machten das – Manhattan ist leerer als die Bronx oder Queens. Sie flohen hinaus in die Hamptons auf Long Island oder in die Berge der Catskills oder ins warme Florida in ihre Zweit- und Drittresidenzen. Aber sie sind nicht willkommen. Europäer und Asiaten wurden frühzeitig aus Amerika ausgesperrt, nun wollen Texaner auch New Yorker aussperren und New Yorker aus Long Island New Yorker aus New York City. In Maine hat eine bewaffnete Bürgerwehr einen Baumstamm vor eine Ausfahrt gelegt und verhindert, dass eine Gruppe aus New York das Haus verlässt. In Florida wird jedem angereisten New Yorker angedroht, die Polizei werde ihre Quarantäne per Hausbesuch überwachen.

Auch der New Yorker Donald Trump darf nicht mehr nach Florida, in seine Golfresidenz Mar-a-Lago. Dies ist der letzte Beweis der Machtlosigkeit der Supermacht. Nichts hat Trump vom Golfen abgehalten, kein Krieg in Syrien, keine Mordanschläge von Rassisten, keine Naturkatastrophe, kein Impeachment. Bis das Virus kam.

2020 fällt aus

Besonders dramatisch ist New York am späten Abend. Die Broadway-Lichter sind noch an, fast trotzig im Nebel. Die Leuchtreklame am Times Square strahlt in knalligen Farben, auch wenn die grossen Marken ihre Botschaft von «Have fun» zu «Stay safe» geändert haben. Es hängen noch die Plakate für Grossevents, aber die Tony Awards sind abgesagt, die Vorwahlen, die Basketballspiele im Madison Square Garden. Auch der Auftakt der Baseballteams Yankees und Mets ist abgesagt – jener Teams, die die Seele der gebeutelten Stadt nach jedem Trauma immer irgendwie aufrichten konnten. Alles abgesagt: 2020 fällt aus.

Die Stadt ist nicht gemacht für Leere, Stille, für den Tod. Die Stadt, die die Fremden aufsuchen und wo man selber das Fremde sucht. Die Stadt, in der dich die Energie der Masse belebt. New York ist weg.

Vielleicht ist es der Moment, um sich ungeahnte Träume zu erfüllen. Wann kann man schon allein mitten auf der 5th Avenue gehen? Und wenn andere Menschen auftauchen, so gehen sie in grossem Abstand aneinander vorbei wie in einer Choreografie, ein kurzer Akt symmetrischer Schönheit, bis irgendwann ein einzelner weisser Kühllaster vorbeifährt und ersehnte Frischware transportiert.

Oder Leichen.