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Neue Essays von Lukas Bärfuss Die Story ist wichtiger als die Fakten

Die Rechten regieren, die Linken sind orientierungslos: Lukas Bärfuss sieht in seinen neuen Essays die Demokratie in Gefahr.

Dramaturg, Essayist und Romanicer: Der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss beherrscht die literarischen Genres.
Dramaturg, Essayist und Romanicer: Der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss beherrscht die literarischen Genres.
Foto: Dominique Meienberg 

An einer Stelle seiner Essay-Sammlung «Die Krone der Schöpfung» kommt Lukas Bärfuss auf Barack Obamas Rede 2009 in Kairo zu sprechen. Der amerikanische Präsident hatte schon als Senator immer wieder dazu aufgerufen, jedem Menschen unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht oder Religionszugehörigkeit als frei und gleich gegenüberzutreten, und der Erfolg der Rede schien ihn darin zu bestätigen; in Israel wurde sie genauso bejubelt wie in Ägypten und Europa.

Später berichtete Obamas aussenpolitischer Berater Ben Rhodes allerdings in seinen Erinnerungen, dass die Rede vor allem deswegen so viel Anklang gefunden hatte, weil sie von einem Präsidenten schwarzer Hautfarbe gehalten wurde. Die bittere Pointe war: Der Erfolg der Rede hatte den Präsidenten widerlegt. Letztlich kam es doch auf die Hautfarbe an.

Dieses Grundgefühl rückwirkender Ernüchterung durchzieht sämtliche Texte des neuen Bandes von Lukas Bärfuss: Die Rechten regieren, die Demokraten sind träge und orientierungslos, die Öffentlichkeit ist fragmentiert, und während die Theoretiker noch an ihren Reden feilen, haben Geschlecht und Hautfarbe die Diskussion längst entschieden. Dem Kulturkritiker bleibt nur das Konstatieren, er verhandelt nicht mehr; er beschreibt nur noch, verzeichnet und beweint die Verluste.

Es geht stets ums Ganze

Gut möglich, dass der Grad der Enttäuschung unmittelbar mit dem Niveau des Engagements zusammenhängt. Dem Büchnerpreisträger Lukas Bärfuss geht es in jeder Zeile ums Ganze, um die Republik und ihre Infrastruktur, um den Gebrauch der Vernunft, Kritik und Aufklärung. Aber wenn man seine jüngsten Essays mit dem liberalen Optimismus der Obama-Ära vergleicht, begegnet einem vor allem Gegenwartsverdruss. Das ist nicht ganz untypisch: Wer sich heute liberal nennt, sieht den idealen Gesellschaftszustand tendenziell in der Vergangenheit, der Politologe Lukas Haffert hat das Phänomen einst die «progressive Nostalgie» genannt.

Den Liberalen geht es derzeit weniger darum, die technologischen, wirtschaftlichen, soziologischen Bedingungen für eine Zukunft in ihrem Sinne nutzbar zu machen, als vielmehr zu einem verlorenen Naturzustand zurückkehren. Bei den Nationalisten verhält es sich genau andersrum: Sie treten rückwärtsgewandt auf – «Make America great again» -, drängen de facto aber ungeduldig in die Zukunft.

Verlust des Kanons

Wie sich diese Verhältnisse in den vergangenen vier Jahren verschoben haben, zeigt etwa Bärfuss' Essay über eine Schweizer Schulreform, im Zuge derer die Schulen eine verbindliche Leseliste abgeschafft haben. Jeder Lehrer kann jetzt selbst entscheiden, welche Bücher er mit seinen Schülern liest, einen Leitfaden gibt es nicht mehr. Der Autor erkennt darin ein Symptom der gesellschaftlichen Atomisierung: «Soziale Gruppen berufen sich auf gemeinsame Erfahrungen, je mehr es sind, umso enger die Bindung. Mit der Zahl der Erzählungen nimmt die Bindung ab, doch damit eine Gesellschaft funktionieren kann, braucht es einen gemeinsamen Bestand. Die bürgerliche Kultur nannte diesen Bestand gemeinsamer Geschichten Kanon.» Der Teufel steckt hier im Präteritum: Die bürgerliche Kultur ist schon Vergangenheit, und verkörpert wurde sie ausgerechnet vom Kanon.

Wenn sich Essayisten an den Kanon klammern, steht es um ihre Ideen selten gut. Gerade ist die Abschaffung des Kanons noch ein progressives Projekt gewesen, weil er als Instrument weisser, männlicher, heteronormativer Hegemonialmacht die Selbstformulierung der marginalisierten Gruppen verhinderte. Seitdem die Welt erlebt hat, welche Macht die Verbindung aus Desinformation und Big-Data-Targeting entfesseln kann, werden mit einem abendländischen Seufzer die Ledereinbände wieder aus den Regalen gezogen.

Geschichten sind mächtig, weil man sie nicht mehr aus der Welt bekommt.

Die kraftvollsten Gesellschaftsbeschreibungen entstehen in diesen Essays ironischerweise immer dann, wenn sie niemanden wachrütteln wollen, sondern sich stattdessen mit erzähltheoretischen Detailfragen beschäftigen. Aus Anlass der gefälschten Reportagen des «Spiegel»-Journalisten Claas Relotius setzt Bärfuss sich mit den technischen Aspekten des Storytellings auseinander und entwickelt dabei die schlagende Beobachtung, dass sich der Journalismus auf der Jagd nach Reichweite heute häufig derselben Erzähltechniken bedient wie das Marketing. Und wenn der Journalismus aus Geldnot weniger Tatsachen berichte, dafür aber mehr «Geschichten erzähle», die wiederum selbst zu sozialen Tatsachen würden, dann verschiebe sich etwas grundsätzlich.

Die Diskussion um Wahrheit oder Lüge ist allgegenwärtig: Demonstration gegen die staatlichen Corona-Massnahmen in London.
Die Diskussion um Wahrheit oder Lüge ist allgegenwärtig: Demonstration gegen die staatlichen Corona-Massnahmen in London.
Foto: Getty Images

Die Debatte um Fake News, so Bärfuss, stelle deshalb die falsche Frage: Es gehe weniger um Wahrheit oder Lüge, als vielmehr um «Anschaulichkeit und Grad affektiver Beteiligung». Geschichten seien mächtig, weil man sie nicht mehr aus der Welt bekomme, sobald sie einmal im Bewusstsein verankert seien, gerade deshalb habe man «ihnen bestimme Räume zugewiesen, im Theater, im Roman, im Kino». Gerade weil die Macht der Geschichten letztlich nicht zu kontrollieren sei, habe man sie institutionell gebändigt.

Diese Räume haben ausserdem den Vorteil, dass die Kritik dort strenger, genauer, ungerechter sein darf als in der richtigen Welt: In einem Text beschimpft Bärfuss am Beispiel einer Kurzgeschichte, die er nicht einmal nennt, das identifikatorische Erzählen an sich: Da niemand wissen könne, wie es im Bewusstsein eines anderen aussehe, handle es sich bei jeder Art psychologisierendem Erzählen letzten Endes um Fantastik. Weil diese Art der Literatur sich aber realistisch gebe, ihren fantastischen Charakter also nicht eingestehe, komme hier eine ideologische Dimension zum Vorschein: Psychologisierende Literatur sei ein Fetisch. In diesen Momenten schöner kritischer Intelligenz tritt der Binnenwiderspruch hervor, der auch dieser Sammlung zugrunde liegt: Die bürgerliche Kulturtechnik «Kritik», deren Verlust an einer Stelle dramatisch betrauert wird, zeigt sich an anderer in bester Verfassung.

Lukas Bärfuss: Die Krone der Schöpfung. Wallstein Verlag, Göttingen 2020. 174 Seiten, ca. 28 Fr. Das Buch erscheint am 30. November.

2 Kommentare
    Roman Günter

    Da gibt es nichts zu beweinen. Die Demokratie ist in der Realität angekommen und die ist einfach etwas komplexer als gedacht.