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Krimi der WocheDie Täter geniessen Schutz von höchsten Stellen

Polizistin Livia Lone jagt sadistische Serienvergewaltiger – mit unkonventionellen Methoden. Das bringt sie in Gefahr in «Alle Teufel dieser Hölle» von Barry Eisler.

Die Romanheldin Livia Lone ist Polizistin in Seattle und ermittelt gegen Männer, die eine Jugendliche entführt haben.
Die Romanheldin Livia Lone ist Polizistin in Seattle und ermittelt gegen Männer, die eine Jugendliche entführt haben.
Foto: Getty Images/iStockphoto

Der erste Satz

Boomer hielt hinter der verfallenen Mauer an und schaltete die Scheinwerfer aus.

Das Buch

Wer realistische Gegenwartsliteratur mag, die sich kritisch mit der Welt auseinandersetzt, wird in der Kriminalliteratur fündig. Gute Krimis werfen nicht nur einen genauen Blick auf die Gesellschaft, sondern kommentieren oft auch scharfsinnig das Zeitgeschehen. Nicht alle schaffen dies. Immer wieder werden politische oder soziale Themen lediglich als Vehikel für eine Geschichte missbraucht. Allzu oft entsteht Sozialkitsch, weil der analytische Blick fehlt. Oder der Stoff wird vor lauter Engagement zum Pamphlet statt zu Literatur.

Sicher auf diesem schmalen Grat bewegt sich der amerikanische Autor Barry Eisler. Der frühere CIA-Agent, der als Autor mit einer Romanserie über einen japanisch-amerikanischen Profikiller berühmt wurde, mag nicht der grösste Künstler sein, aber er ist ein hervorragender Handwerker. Und er hat eine Haltung zu den Themen der Zeit.

Seit Jahren bloggt er über Folter, Bürgerrechte und Rechtsstaatlichkeit. Diese Themen fliessen auch in seine Politthriller ein. In seiner aktuellen Romanserie mit Livia Lone, Spezialistin für Kindesmissbrauch und Gewalt gegen Frauen bei der Polizei von Seattle, sind Menschenhandel und Missbrauch die zentralen Themen.

«Alle Teufel dieser Hölle» ist der vierte Titel mit Livia Lone. Ein Agent der Homeland Security, der sie bei der Suche nach den Mördern ihrer Schwester unterstützte, bittet sie um Hilfe, nachdem er eine Spur zu den Entführern seiner Teenagertochter gefunden hat. Obwohl sie in Seattle unter Druck steht, macht sie mit. Und findet bald heraus, dass zwei sadistische Serientäter hinter dem Verschwinden des Mädchens stehen. Und dass die immer noch oder wieder aktiv sind.

Gerechtigkeit für die Opfer ist ihr wichtiger als das Recht.

Mit ihren unkonventionellen Methoden, die nicht immer rechtsstaatlichen Ansprüchen genügenGerechtigkeit für die Opfer ist ihr wichtiger als das Recht–, beginnt Livia, die Täter zu jagen. Doch die geniessen Schutz von höchsten Stellen. Und die Jägerin wird plötzlich selbst zur Gejagten.

Eisler erzählt wie gewohnt eine harte, spannende und actionreiche Story. Dabei geht es nicht nur um Sexualverbrechen, sondern auch um Politik. Und Eisler schneidet beiläufig, immer in die Geschichte eingebettet, eine ganze Reihe von Themen an, zu denen er im Anhang weiterführende Links auflistet. Etwa zu Methoden in Polizeiverhören, zu neuen Techniken wie Verschlüsselungs-Apps und Minidrohnen, zu Menschenhandel, zu Möglichkeiten der Handyüberwachung, aber auch zu «rassistischen Ungleichgewichten in der medialen Berichterstattung und bei der polizeilichen Untersuchung von Kindesentführungen».

Die Wertung

  • Originalität: ★★★★☆
  • Spannung: ★★★☆☆
  • Realismus: ★★★★☆
  • Humor: ★★★★☆
  • Gesamtwertung: ★★★★☆

Der Autor

Foto: PD/barryeisler.com

Barry Eisler, geboren 1964 in New Jersey, arbeitete nach dem Studium als verdeckter Agent bei der CIA. Danach war er im Silicon Valley und in Japan als Fachanwalt für Technologie und als Manager für Unternehmungsgründungen tätig.

Ab 2002 wurde er mit seiner Thrillerreihe um den amerikanisch-japanischen Auftragskiller John Rain («Tokio Killer») bekannt. Die deutschen Übersetzungen erschienen ursprünglich bei Scherz und als Fischer Taschenbücher. Inzwischen hat sie der Autor selbst bei einem Amazon-Imprint mit neuen Titeln aufgelegt. Auch seine jüngeren Romane erscheinen nicht mehr in traditionellen Verlagen: Im Original verlegt er seine Bücher beim Amazon-Imprint Thomas & Mercer.

Nach ein paar Politthrillern schuf er 2016 die neue Heldin Livia Lone, eine Polizistin in Seattle, die aus Thailand stammt und als Kind missbraucht wurde («Livia Lone»; Deutsch: «Der Schrei des toten Vogels», 2017). Ihren dritten Auftritt hatte sie im Roman «Das Killer-Kollektiv» (2019) an der Seite von John Rain und anderen Figuren aus früheren Eisler-Romanen. «Alle Teufel dieser Hölle» («All the Devils») ist der vierte Roman mit Livia Lone. Insgesamt hat Eisler bisher mehr 20 Bücher veröffentlicht. Er lebt in der Bay Area von San Francisco.

Barry Eisler: «Alle Teufel dieser Hölle» (Original: «All the Devils», Thomas & Mercer, Seattle 2019). Aus dem Englischen von Peter Friedrich. Edition M/Amazon Media, Luxemburg 2019, 400 S., ca. 13 Fr.