Die Ufer der Ufenau

Vor der Zürichseeinsel sind ungebetene Gäste in Form fremder Muscheln aufgetaucht. Andere Neuzuzüger sind aber hochwillkommen.

Die Muscheltaucher vom Zürichsee. Video: Reto Oeschger und Lea Koch

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Pascal Stucki kämpft sich durch den Dschungel und knüpft eine Leine an einen im Wasser liegenden Baumstrunk. Schauplatz Amazonas? Oder Karibikinsel? Das Seil führt zu einem kleinen Schiff, das etwa 100 Meter entfernt im glasklaren Wasser schaukelt – vor der Ufenau. Auf dem Schiff sitzt Heinrich Vicentini, der seinem Kollegen hilft, eine Leine am Seegrund auszulegen, entlang der sie an diesem Tag tauchen wollen. Die beiden untersuchen, wie sich die 2006 vorgenommene Regeneration des Südufers der Insel auswirkt. Die Sicht ist ausgezeichnet, tiefer als eineinhalb Meter ist es in dieser Zone nirgends, die Wassertemperatur ist mit 25 Grad angenehm. Nur wer – wie Stucki – stundenlang im Wasser liegt, braucht einen «Tröckeler», einen Taucheranzug, in dem man kaum nass wird und weniger auskühlt.

Zuerst die schlechte Kunde: Die Asiatische Körbchenmuschel wurde in den Zürichsee eingeschleppt. 2007 wurde sie im Hochrhein bei Waldshut festgestellt, jetzt ist sie also vor der Ufenau angekommen. «Hunderte pro Quadratmeter», sagt Vicentini. Zwei im Abstand von wenigen Millimetern sichtbare kleine Löcher im Schlamm verraten ihre Anwesenheit. In der Bodenprobe, die er entnimmt, zeigt sie ihre Gestalt: Daumennagelgross, bräunliche gerippte Schale. Von einer «Explosion» des Bestandes spricht der Muschelexperte.

Abtauchen vor der Ufenau: Pascal Stucki dokumentiert, welche Pflanzen und Tiere im von Wellenbrechern geschützten Uferbereich der Ufenau vorkommen.

Bei der letzten Erhebung vor vier Jahren ging ihm keine einzige ins Netz. Ob dieser Neuzuzüger Schaden anrichten wird, ist nicht klar. «Vielleicht finden sich mit der Zeit natürliche Fressfeinde ein», sagt Pascal Stucki. Im Auftrag des Vereins «Freunde der Insel Ufnau» tauchen Stucki und Vicentini alle paar Jahre vor der Insel, um festzuhalten, wie sich die Wellenbrecher im Süden der Insel auf Pflanzen und Tiere auswirken. Dieses Monitoring wird von Fachleuten mit Spannung verfolgt. Denn vielerorts werden Uferregenerationen durchgeführt, kaum je aber ist Geld und Wille vorhanden, die Veränderungen zu dokumentieren. Was sich hier abspielt, hat daher Modellcharakter.

Bei der Ende August durchgeführten dritten Untersuchung zeichnete sich nun deutlich ab, dass sich nicht alles so entwickelt wie erhofft. Hinter den Wellenbrechern hat sich ein sauerstoffarmes Schlammbecken gebildet, was sich auf Flora und Fauna eher negativ auswirkt. Insbesondere dem Röhricht geht es schlecht. Die beiden Biologen werden dieses Phänomen weiter beobachten und Vorschläge machen, wie der Zustand verbessert werden kann.

Die Bodenprobe zeigt: Die Asiatische Körbchenmuschel wurde eingeschleppt.

Pascal Stucki streift die Flossen über und rückt die Taucherbrille zurecht. Dann taucht er ab. Entlang der zuvor gelegten Leine arbeitet er sich vom Ufer weg, schaut links und rechts und verzeichnet auf einer Unterwasser-Schreibtafel seine Beobachtungen. Kaum hat er die Pfostenreihe der als Wellenbrecher angelegten Lahnungen durchschwommen, taucht er auf und ruft Kollege Vicentini zu: «Eine Malermuschel!» Damit sind wir bei der guten Kunde: Die seltene und im Bestand gefährdete Muschel scheint sich auf dem sandigen Seegrund weiter aussen wohlzufühlen.

Rechtliches Kuriosum

Auch andere Trouvaillen können die beiden Biologen vermelden. 2011 verfingen sich in ihren über Nacht gesetzten Lichtfallen zwei äusserst seltene Insektenarten: Die Eintagsfliege Ephemera glaucops wurde in der Schweiz in den letzten fünfzig Jahren erst viermal nachgewiesen, bei der Köcherfliege Ceraclea senilis war es der zweite Fund seit 1900. Beides sind Neufunde für den Zürichsee. Eine vom Büro Oeplan zwischen 2009 und 2012 zu Lande durchgeführte Erfolgskontrolle ergab ausserdem eine erstaunliche Vielfalt bei den Heuschrecken. Vor der Seeuferregeneration 2005 waren lediglich fünf Heuschreckenarten beobachtet worden, 2012 konnten zwölf nachgewiesen werden. Vier davon sind gemäss Roter Liste gefährdet.

Erfreulicher Fund: Etwas weiter draussen kommt die seltene Malermuschel vor.

«Da dürfen Sie nicht rein», ruft ein «Böötler», als die beiden Taucher mit ihrem Katamaran über die gelben Bojen ausfahren, die das Schutzgebiet vor der Insel abgrenzen. Sie dürfen – mit amtlicher Bewilligung, die eigentlich nicht vom Staat, sondern vom Kloster Einsiedeln erteilt werden müsste. Denn beim Seegrund zwischen Pfäffikon und der Ufenau handelt es sich um ein «rechtliches Kuriosum», wie bereits 1935 ein Bundesgerichtsurteil feststellte. «Obschon Teil des Zürichsees, ist der Seegrund doch kein öffentliches Gewässer», heisst es dort. «Sein Eigentümer ist nicht der Staat, wie bei den öffentlichen Gewässern, sondern das Stift Einsiedeln.» Denn im Jahr 965 schenkte Kaiser Otto der Grosse dem Stift diesen Teil des Sees, der damals noch eine grosse Halbinsel war. Diese liegt mittlerweile unter Wasser, weil der Seespiegel gestiegen ist – nur die Ufenau und Lützelau blieben als Inseln übrig. Und das Recht des Klosters auf das untergetauchte Land.

Erstellt: 06.09.2016, 11:52 Uhr

Pascal Stucki ist Fachmann für Wasserschnecken und betreibt in Neuenburg das Büro Aquabug, das sich vorwiegend mit Wasserökologie beschäftigt. Zusammen mit dem auf Grossmuscheln und Köcherfliegen spezialisierten Zoologen Heinrich Vicentini beobachtet er, wie sich die Uferregion der Ufenau entwickelt, seit sie 2006 regeneriert wurde. Dreimal haben sie seither diese Flachwasserzone vor der Insel untersucht, um die aquatische Flora und Fauna zu dokumentieren. Das Projekt wird voraussichtlich in etwa vier Jahren abgeschlossen sein. Stucki und Vicentini haben unterdessen die meisten Schweizer Seen und viele Fliessgewässer betaucht, um herauszufinden, wie es dort um die Artenvielfall steht. Allzu oft lautet ihr Fazit: Schlecht.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Blogs

Sweet Home Einmal flachlegen, bitte

Mamablog «Spiel mir das Lied vom Trotz»

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Willkommen in Ufnau, Texas

Die Ufenau ist nicht nur eine Insel im Zürichsee, sondern auch ein Weiler in den USA. Mehr...

Die Ufer der Ufenau

Serie Vor der Zürichseeinsel sind ungebetene Gäste in Form fremder Muscheln aufgetaucht. Mehr...

Himmelreich und Höllenschlund

Serie Auf der Insel Ufenau leben fast so viele Teufel wie Engel. Und auch ein paar törichte und kluge Jungfrauen. Mehr...