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Abschieds-KolumneDie unwichtigste Hauptsache der Welt

Seit 2009 schrieb Martin Born in seiner «Tages-Anzeiger»-Kolumne, wie ihn der Sport bewegte, begeisterte und ärgerte. Bei seiner Derniere bleibt der Exil-Berner seiner lebenslangen Leidenschaft treu.

Den Bergpreis im Blick, den Radsport im Herzen: Martin Born (l.) mit Kollege, aber ohne Helm auf dem berüchtigten Regensberger.
Den Bergpreis im Blick, den Radsport im Herzen: Martin Born (l.) mit Kollege, aber ohne Helm auf dem berüchtigten Regensberger.

Marco Wölfli hütete das Tor, wer denn sonst? Der Trainer hiess Vladimir Petkovic. Mit Doumbia, Doubai, Bienvenu und Yapi, den uns die Basler wenig später auf hinterhältige Art wegschnappten, waren die Afrikaner eine wichtige, aber noch kleine Minderheit. Vom Berner Adel – von Ballmoos, von Bergen, von Afrika – war noch wenig zu spüren. Die Spieler waren leicht auszusprechen, hiessen Affolter, Frey, Sutter, Liechti, Schneuwly, Degen, Hochstrasser, Regazzoni, Raimondi und Lustrinelli. Es war Anfang Oktober im Jahr 2009. Nach zehn Siegen in zwölf Spielen lagen wir in der Tabelle uneinholbar in Führung. Die Frage lautete nicht, ob wir nach 24 Jahren Warten endlich wieder Meister würden, sondern wie viel vor Ende der Meisterschaft gefeiert werden konnte.

Es war ein guter Moment für einen Berner, der für das Zürcher Blatt seit zehn Jahren über Ski- und Radsport berichtete, als Kolumnist ein neues Feld zu beackern. Ich benutzte die Gelegenheit, um mich im Zürcher Exil zu outen – als YB-Fan, der zu den 64’000 Zuschauern gehörte, die 1959 den 1:0-Sieg im Meistercup-Halbfinal gegen Stade de Reims mit- und überlebten, die sich über den Penalty ärgerten, den Schiedsrichter Van Nuffel nicht gegeben hatte. Die YB-Hymne stammte von der Zürcherin Lotte Berlinger, drum sangen wir nicht wirklich mit: «Ä rächte Bärner Giu, dä isch für YB, u we s dr Schnee fürbrönnt, är blybt für YB. For ever u für geng u für toujours.»

Ä rächte Bärner Giu kann wieder stolz sein

Elf Jahre sind seither vergangen, über zweihundert Kolumnen sind in dieser Zeit die Aare hinuntergeschwommen. Und auch wenn der Schnee damals im Frühling verbrannte und es lange dauerte: Was wir vor elf Jahren verpassten, wurde doch noch wahr. Ä rächte Bärner Giu kann wieder stolz sein – nicht nur auf YB, den Schon-fast-Serienmeister, und den SCB, den Fast-Dauermeister, sondern auch auf unseren letzten Trumpf: Marc Hirschi.

Ich habe mich auch später bemüht, der Berner Diaspora in Zürich eine Stimme zu geben, eine etwas andere Sicht in die Zürcher Zeitung zu bringen. Was auch für andere Gebiete galt. Da sprang ich manchmal in die Aare und versuchte vom Marzili zum Schönauerli zu schwimmen. Auch wenn mir klar war, dass ich keine Chance hatte und in den Strudeln des Schwellenmätteli auftauchen würde.

Zielsicher auf jeder Unterlage: Der Journalist als Curler mit Stein und Besen.
Zielsicher auf jeder Unterlage: Der Journalist als Curler mit Stein und Besen.

Ich rede vom Radsport, der seit meiner ersten Kolumne in den grossen Schweizer Medien zur Randsportart verkümmerte und auf ein paar wenige Ereignisse reduziert wurde: Tour de Suisse, Tour de France, die Monumente wie Paris–Roubaix und Flandern-Rundfahrt, WM. Bis zu seinem Rücktritt hielt Fabian Cancellara den Topf heilsarmeemässig noch einigermassen am Kochen, doch danach wurde es finster. Weil im Medien-Sport neben Eishockey und Fussball nur noch Schweizer Erfolge etwas wert sind – dank Federer wurde Tennis zur Hauptsportart –, versank der Radsport mangels Gelegenheiten zum Bejubeln in der Finsternis. Es brauchte schon zehn Jahre zurückliegende Dopingfälle, damit es etwas Zusätzliches zur schönsten Sportart der Welt zu lesen gab.

Gelb vor Ärger: Nur zehn Zeilen für den Europameister

Zusammen mit meinen Velokollegen ärgerte ich mich blau und grün und auch noch gelb. Das tue ich auch heute noch, wenn Stefan Küng Europameister wird und im Tagi zehn Zeilen Platz erhält. Oder wenn er Dritter einer World-Tour-Rundfahrt in Belgien wird und nur die Resultate in der Zeitung stehen.

Um dem Radsport weiterhin eine Stimme zu geben, forcierte ich nach Cancellaras Rücktritt die Velo-Themen. Ich kämpfte gegen das pauschale «Im Radsport dopen sowieso alle» oder «Ohne Doping ist es gar nicht möglich, eine Tour de France auf den vorderen Plätzen zu beenden», verwies auf die anerkannte Vorreiterrolle des Radsports in der Dopingbekämpfung (Blutpass, gezielte Kontrollen), wagte zu behaupten, «dass sich etwas verändert hat», belächelte die bescheidenen Bemühungen in andern Sportarten (Fussball, Tennis). Ich hätte auch auf die dutzendfach überführten Marathonläufer aus dem kenianischen EPO-Paradies verweisen können.

Bewirkt habe ich nichts, wie alle Kollegen, die glauben, mit Zeitungsartikeln die Welt verbessern zu können. Ich brauchte Unterstützung und fand sie in Ittigen. Als Marc Hirschi U-23-Weltmeister wurde, interessierte das nur für einen Tag. In meiner Zeitung tauchte er erst wieder richtig auf, als er in der zweiten Tour-de-France-Etappe auf Julian Alaphilippes Attacke reagieren konnte und Zweiter wurde. Seither hat er gezeigt, dass er bei schweren Eintagesrennen wie den Classiques in den Ardennen zu den Besten der Welt gehört. Hirschi vereinigt alles, was die Grossen im (Rad-)Sport definiert: Talent, Instinkt, Technik, Leidensbereitschaft. Nur eine Frage ist noch offen: Ist er auch gemacht für die grossen Rundfahrten? Es wäre wohl zu viel des Guten. Aber warum nicht? Merckx konnte auch alles. Hirschi, unterstützt von den beiden Stefans, Küng und Bissegger, steht für das Comeback des Radsports. Danke.

Schwungvoll auf WM-Kurs: Martin Born probierte gern selber aus, worüber er schrieb – hier an der Weltmeisterschaft 1987 in Crans-Montana.
Schwungvoll auf WM-Kurs: Martin Born probierte gern selber aus, worüber er schrieb – hier an der Weltmeisterschaft 1987 in Crans-Montana.

Ein bisschen missioniert habe ich auch beim Fernsehen. Logisch: Als Sportjunkie, der in die Jahre kommt, erlebe ich den Sport immer mehr nur am Fernsehen. Weil ich die deutsche Sprache mag, muss ich dabei auch leiden. Bei ausgeleierten und meist auch unpassenden, gedankenlos verwendeten Sprachbildern (oder Klischees, wie wir sie schon vor vierzig Jahren bekämpften und auf einen Index setzten) kriege ich Hühnerhaut (nicht Gänsehaut, wie sie heute auch im Dialekt genannt wird), der teutonische Modeslang, den sie wohl flapsig-flockig finden, lässt mich aufheulen. Sie sind «so was von locker», sind «im Spiel angekommen», haben «den Arbeitstag beendet», setzen «Ausrufezeichen», sind «mit dem Gegner auf Augenhöhe», haben aber auch «Luft nach oben», es gibt «Übungsleiter», auf dem Platz steht «Personal» und getreten wird ein «Arbeitsgerät». Und dann gelingen ihnen auch noch Hackentricks, Beinschüsse und Doppelpacks.

Absolut überflüssig und absolut verbreitet

Ich zucke auch zusammen, wenn einer 20 Jahre jung, 1,67 Meter klein und 65 Kilo leicht ist. So geht Deutsch nicht, hiesse das im Slang. Zuoberst auf der Hitparade: das absolut Überflüssige und trotzdem absolut am meisten Verwendete. Von allen, nicht nur im Sport und auch abseits der Medien im Alltag. Kein Superlativ ist absolut genug, um nicht mit absolut absoluter gemacht zu werden. Achten Sie sich. Und liebe Frau Wappler: Stellen Sie eine Bussenkasse auf, in der jede und jeder für jedes «absolut» einen Fünfliber stecken muss. Dann werden Sie so reich, dass Sie «Sport aktuell» von der Liste der Streichungen streichen können (wer ist so nett und leitet diese letzte Kolumne an die SRF-Direktorin weiter?).

Ein anderer Fall von Hühnerhaut: die Pauseninterviews bei Eishockey- und Fussballspielen. Das atemlose «wir haben zu wenig ..., wenn wir..., dann kommt es gut» oder «wir haben ..., jetzt dürfen wir nicht ..., dann kommt es gut», je nachdem, wer vorn liegt.

Die Hoffnung, Corona würde dem Unfug ein Ende setzen, hat sich nicht bewahrheitet. Die Verschwitzten reden noch immer. Erfolgreicher war für mich Corona im Fernsehstudio. Oder vermisst jemand die Claqueure im aktuellen Sportstudio, die mir immer so sehr auf die Nerven gingen?

Posieren fürs Feierabend-Foto: Der Autor im Dress der legendären Zürcher Dental Flyers.
Posieren fürs Feierabend-Foto: Der Autor im Dress der legendären Zürcher Dental Flyers.

Zu meiner Entlastung darf ich feststellen, dass ich nicht nur missioniert habe. Ich versuchte auch, etwas andere, meist nicht taufrische Geschichten zu erzählen. Die meisten davon konnte ich von meiner Festplatte im Kopf abrufen (das tut man ja sonst nur mit der Leistung oder dem Potenzial). Sie ist überladen mit Altem und Unwichtigem, auf ihr hat es keinen Platz für aktuelle Ereignisse wie Shaqiris so positiven Negativtest.

Gespeichert sind: Mannschaftsaufstellungen aus den Fünfzigerjahren, mein erster Besuch eines Fussballspiels (Freundschaftsspiel YB - FC Bern 4:2), mein entscheidendes Tor im Final der Schulhausmeisterschaft 1959, der durch einen Treffer in der letzten Minute besiegelte Abstieg des FC Tages-Anzeiger aus der obersten Firmenliga, ein vergebener Matchball im fünften Satz in Laax, die Gavia-Etappe im Giro, Messis Tor gegen wen auch immer, Steven Bradburys Shorttrack-Goldmedaille 2002 in Salt Lake City (er siegte, weil in jeder Runde alle Schnelleren weit vor ihm stürzten), unzählige weitere Ereignisse von Olympischen Spielen, die für mich immer wie Weihnachten waren: Wer ausser mir und einigen anderen Privilegierten in diesem Land hat schon das Dream Team spielen sehen, war auf einem Abstecher bei Usain Bolts Rekordläufen, sah Finalspiele im Hand- und Volleyball, verfolgte mit einer Hofberichterstatterin eine Segelregatta, in der eine königliche Hoheit um eine Medaille kämpfte, sass um zwei Uhr früh in einem Restaurant in Athens Altstadt, ass Elch beim schönsten Anlass meiner Sportgeschichte, den Olympischen Spielen von Lillehammer.

Immer Haltung bewahren: Auch vor Vierbeinern zeigte Born keinerlei Scheu.
Immer Haltung bewahren: Auch vor Vierbeinern zeigte Born keinerlei Scheu.

Es lebe der Sport. Er ist gesund und macht uns hort. Den Worten Rainhard Fendrichs bleibt anzufügen: Er ist die unwichtigste Hauptsache der Welt. Für mich weiterhin unverzichtbar. Und das absolut.

5 Kommentare
    Dieter Herzmann

    Lieber Martin, lieber Menschenfreund

    Mit Deinem «Heimkommen» nach Sarajevo hast Du Geschichte geschrieben und hast viele Herzen berührt! Danke für Deine Geschichten, Deine Bescheidenheit und Deinen Humor!