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Doku «Undercover in Nordkorea»Die Waffen eines Kochs

Mit einem Schauspieler als angeblichem Investor zeigt eine Dokumentation, wozu Nordkorea bereit wäre – eine unglaubliche Recherche dreier Dänen. Heute kann man den Film sehen.

Ulrich Larsen war ein arbeitsloser Koch in Kopenhagen. Dann sah er einen Film über das Regime in Nordkorea.
Ulrich Larsen war ein arbeitsloser Koch in Kopenhagen. Dann sah er einen Film über das Regime in Nordkorea.
Foto: ZDF und Piraya Film I and Wingma

Vorneweg: Wenn Sie in diesem Jahr nur einen Dokumentarfilm ansehen, dann lassen Sie es diesen hier sein, der von Dienstag an im ZDF läuft: Der Maulwurf - Undercover in Nordkorea. Ein Film so irre, dass einer der beiden Protagonisten, Jim Latrache-Qvortrup, ehemaliger Kokaindealer des Kopenhagener Jetsets, beim Treffen mit dieser Zeitung im vergangenen Herbst sagte, er verstehe jeden, der sage: Kann gar nicht wahr sein. Niemals. Weil: «Wie um alles in der Welt soll man diesen Film jemandem erklären, der ihn noch nie gesehen hat? Wie denn?» (Lesen Sie zum Film: Grotesker als ein Hollywood-Film – Eine irre Reise durch Nordkorea)

Drei Dänen mischen Nordkorea auf. Ein arbeitsloser Koch (Ulrich Larsen) und ein ehemaliger Kokaindealer und Fremdenlegionär (Jim Latrache-Qvortrup) verschaffen im Verein mit Regisseur Mads Brügger der Welt Bilder, die zuvor noch nie einer auf Film gebannt hat: Sie zeigen, wie Nordkoreas Waffenhändler offenbar bereit sind, Drogen und schwere Waffen an jeden zu liefern, der dafür bezahlt. Also schwere Verstösse gegen die von den Vereinten Nationen verhängten Sanktionen zu begehen. Das wäre die Kurzfassung für Politologen.

Zehn Jahre lang spielt er den treuen Sozialisten und Influencer – dann wird er eingeladen

Die Kurzfassung für die Fans von märchenhaften Plots, die das Leben schreibt, muss beginnen mit Ulrich Larsen: Metallica- und Märklin-Modelleisenbahnfan, von Beruf Koch. Mit Frau und Kindern lebt Ulrich Larsen in einem unscheinbaren Vorort von Kopenhagen ein unscheinbares Leben, bis ihn eine schwere Diabetes in die Arbeitsunfähigkeit zwingt. Er lebt von Sozialhilfe, liegt viel im Bett, bemitleidet und langweilt sich, als er im Fernsehen einen Film über das Regime in Nordkorea sieht.

Es packt ihn. Er recherchiert. Er hat jetzt ein Projekt. Und einen Plan. Der Familienvater geht undercover in die Welt der Freunde Nordkoreas in Europa. Zehn Jahre lang spielt er dort als Maulwurf den treuen Sozialisten, gibt auf Youtube den antiimperialistischen Influencer, filmt also von Anfang an – und stösst so immer weiter vor in den inneren Zirkel der Hierarchie, wird bald nach Nordkorea eingeladen.

Zehn Jahre also, während derer Ulrich Larsen meist lose in Kontakt steht mit dem anfangs skeptischen Filmemacher Mads Brügger. Keiner von ihnen ahnte, was daraus am Ende werden würde: eine hochkarätige und hochgefährliche Investigativrecherche, über die der ehemalige Chef des norwegischen E14-Geheimdienstes sagen wird, es sei «eine der besten Geheimdienstoperationen, die ich je gesehen habe». Ohne dass auf Seiten der Dänen je Geheimdienste involviert gewesen wären. Nur ein arbeitsloser Koch und ein Ex-Kokaindealer, der 2016 vom Regisseur als Schauspieler angeheuert wurde, um den Nordkoreanern den grosskotzigen Ölmilliardär und Investor «Mr. James» vorzuspielen.

Die ehemalige MI5-Geheimdienstmitarbeiterin Annie Machon trifft sich mit dem «Maulwurf» Larsen (l.) und dem Investor «Mr. James», der in Wahrheit der Schauspieler Jim Latrache-Qvortrup ist.
Die ehemalige MI5-Geheimdienstmitarbeiterin Annie Machon trifft sich mit dem «Maulwurf» Larsen (l.) und dem Investor «Mr. James», der in Wahrheit der Schauspieler Jim Latrache-Qvortrup ist.
Foto: ZDF und Piraya Film I and Wingma

Viele geheime Treffen später feiern die Dänen gemeinsam mit nordkoreanischen Waffenfabrikanten in einem Kellerlokal am Rande von Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang die Unterzeichnung eines besonderen Deals: Die Nordkoreaner wollen den beiden eine unterirdische Fabrik für Methamphetamin und Waffen in Uganda bauen – auf einer Insel im Viktoriasee, eine tief in die Erde gegrabene Anlage direkt unter einem Luxusresort. Codename: «The Tourism Project». Und Ulrich Larsens Kamera läuft immer mit. «Sieht aus wie im Film», sagt am Ende der nordkoreanische Diplomat, der ihm in der Stockholmer Botschaft seines Landes die Baupläne für die unterirdische Waffenfabrik übergibt.

Sieht aus wie im Film. Ist aber alles passiert. Über die Authentizität von Dokumentationen wurde zuletzt wegen der gefakten NDR-Doku «Lovemobil» debattiert. «Der Maulwurf» legt seine Inszenierung offen, mit der er die Nordkoreaner in die Kamerafalle lockt: Es ist der Investor «Mr. James», gespielt von Jim Latrache-Qvortrup. Die skandinavischen öffentlich-rechtlichen Sender DR, NRK, SVT und die BBC betrieben vor der Erstausstrahlung im vergangenen Oktober nach eigener Auskunft mehr als ein Jahr lang Fact-Checking. Dass all die Dinge, die man im Film sieht, wirklich geschehen sind, bestritten auch die Skeptiker nicht. Ihr Einwand ist ein anderer: Vielleicht, sagen sie, hätten ja auch die Nordkoreaner nie vorgehabt, wirklich Waffen zu liefern, und wollten ihrerseits einfach nur die vermeintlichen Investoren abzocken. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Mitarbeiter der UN traten jedenfalls an die Filmemacher heran und werten das Material nun aus.

Als Spielfilm wärs der aberwitzigste Plot des Jahres. Als Dokumentation des mehrfach preisgekrönten Regisseurs Mads Brügger ist es eine atemberaubende Achterbahnfahrt, bei man den Mund vor Staunen gar nicht mehr zuklappen möchte.

«Der Maulwurf – Undercover in Nordkorea», ZDF Info, zwei Teile, 20.15 Uhr und 21.15 Uhr.

12 Kommentare
    Heinz Ryffel

    Erstaunlich, dass es bei den Kommentaren nur darum geht, ob man das Filmli jetzt anschauen kann oder nicht. Wenn hingegen die "bewegten Bildli" in den USA entstanden wären, würde es hier von CIA -Kommentaren wimmeln.