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Schutz vor RaubtierenDiese Hunde sollen Bauer Buchlis Wolf-Problem lösen

Herdenschutzhunde gelten als Lösung im Konflikt mit dem Raubtier. Ist das wirklich so? Zu Besuch bei einem Schafbauern im Safiental.

Bauer Simon Buchli mit Bobby und Oraz.  Die beiden Herdenschutzhunde  beschützen Schafe vor Wölfen.
Bauer Simon Buchli mit Bobby und Oraz. Die beiden Herdenschutzhunde beschützen Schafe vor Wölfen.
Foto: Nicola Pitaro

«Wir sind umzingelt. Von Wölfen», sagt Simon Buchli. Er blickt seine Kaffeetasse an, während drüben seine Kinder zu hören sind.

Der Schafbauer lässt den Satz in der engen Küche seines Bauernhofs ganz hinten im Safiental in der Luft hängen. Er hat weder seine Stimme erhoben noch seine Faust auf den dicken Ahorntisch niedersausen lassen. Buchli sagt einfach, was ist. Das ist in diesen Tagen vor der Abstimmung zum Jagdgesetz nicht wenig (die Vorlage in der Übersicht). Geht es um das Thema Wolf, weint schon mal ein Hirte, droht ein Bauer mit Bürgerwehr, warnt ein Tierschützer vor der drohenden Wolf-Ausrottung. Simon Buchli dagegen bleibt, während er in seiner Küche sitzt, nüchtern und zeigt dabei in drei Richtungen. Hier, dort und da. Der Wolf hat sich auf der nahen Alp da Signina wie auch drüben beim Piz Beverin niedergelassen. Für diesen Bündner Bauern ist das Raubtier keine Abstraktion. Es ist konkret. Und ganz nah.

Das urtümliche Safiental mit seinen 1000 Einwohnern liegt mitten in der Surselva. Diese Bündner Region gehört mit rund 40 Tieren zu den am dichtesten bevölkerten Wolfsgebieten Europas. 2019 kamen in Graubünden 17 Jungwölfe zur Welt. Aus Einzelwölfen sind mittlerweile Rudel geworden. Jenes beim Piz Beverin lebt in unmittelbarer Nachbarschaft zu Buchlis Alp. Erwischt hat es jedoch noch keines seiner 100 Spiegelschafe. Während seine Bündner Kollegen diesen Sommer beinahe im Wochentakt von neuen Rissen berichteten, hat Simon Buchli bisher Glück gehabt dank Riffle, Fleury und Kiana.

So heissen seine drei Herdenschützer. Die drei blonden Pyrenäenberghunde sorgen auf der Alp Scalutta/Bruschg für Sicherheit, halten die Wölfe auf Abstand. Jeden dritten Tag geht jemand vom Älplerteam hinauf, zwei Stunden Fussmarsch, und schaut nach dem Rechten. Den Rest erledigen die Hunde während der knapp vier Monaten auf der Alp autonom.

Der Hund als No-go

Laut Pro Natura, Wortführerin im Kampf gegen das neue Jagdgesetz, hat sich der Herdenschutzhund bewährt und bietet eine «hohe Erfolgsquote». Die Umweltschutzorganisation zahlt gar einzelne Unterstützungsbeiträge an Bauern, die sich solche Hunde zulegen wollen. Die Rechnung von Pro Natura: Stärkt man den Schutz, erhöht dies die Akzeptanz gegenüber dem Wolf.

Dieser Hund mit dem jahrtausendealten Beschützerinstinkt ist darum zum bewährten Argument des Pro-Wolf-Lagers gewordenund damit für einen Teil der Gegenseite zum No-go. Es gibt Bauern, die sich gegen die Anschaffung eines Herdenschutzhundes sträuben, weil sie so den Wolf stärken könnten. Für Simon Buchli aber, den studierten ETH-Agronomen, der erst mit 33 Jahren zurück zu seinen Wurzeln im Safiental fand, war schon früh klar: Der Wolf wird bleiben. Und er, der auf eine alte Pro-Spezie-Rara-Rasse setzt, muss sich wappnen. Auf seiner weitläufigen, felsigen Alp sind Schutzzäune nur bedingt einsetzbar. Bleibt also nur noch der Herdenschutzhund.

Bereits 2012 entschied sich Buchli zusammen mit seiner Frau Anita dafür. Er hat es bis heute nicht bereut. «Aber ein Selbstläufer, wie viele glauben, ist der Hund nicht», sagt er.

Im Kampf ums Nutztier haben die Angreifer aufgerüstet. Sie sind zahlreicher und geschickter geworden. Bauern wie Simon Buchli müssen sich anpassen. Längst reichen nicht mehr nur ein, zwei Hunde, um den intelligenten, anpassungsfähigen Wölfen entgegenzutreten. Dazu braucht es ebenfalls ein Rudel. Für den Halter bedeutet das einen noch grösseren Aufwand. Das zeigte sich diesen Winter in drastischer Weise. Sein Rudel musste vergrössert werden. Doch die Integration der neuen Hunde verlief nicht ohne Probleme, es kam zu Rangeleien unter den Hunden, Blut floss.

Im Frühjahr musste Hund Anton schliesslich den Hof verlassen. «Es passte einfach nicht mit uns. Es gab ja schon zuvor auf der Alp Zwischenfälle mit ihm», erzählt Simon Buchli.

Der Schwachpunkt des Schutzkonzepts

Hund mit Hund. Mit Schaf. Mit Mensch. Die Ausbreitung des Wolfs führt auf Betrieben wie jenem von Simon Buchli zu einem komplexen Schutzkonzept, das einen Schwachpunkt hat: die soziale Interaktion. Alle müssen mit allen auskommen. Das bedeutet tatsächlich viel Aufwand, sagt Felix Hahn von Agridea. Die Beratungsanstalt ist so etwas wie die operative Schaltstelle für das nationale Herdenschutzhundeprogramm. Und Hahn ist dessen Koordinator. 350 Hunde schützen aktuell im Rahmen des Bundesprogramms Herden. «Neun von zehn Gesuchen können wir abdecken», sagt er.

Wer also einen Herdenschutzhund braucht, bekommt in der Regel auch einen. Dass es zu wenig Zuchttiere habe, wie oftmals zu hören ist, kann er nicht bestätigen. Aber ein Tier zu platzieren, dauert eben, gibt Hahn zu. Denn auf Vorrat können diese Tiere nicht gezüchtet werden. «Wir müssen stets die Balance zwischen Angebot und Nachfrage finden», sagt er.

Das geringe Mitspracherechtund der Papierkram. Es sind diese zwei Dinge, die Simon Buchli am meisten nerven. «Und dann dauert alles viel zu lange», sagt er und stellt dabei seine Kaffeetasse etwas zu abrupt auf den Tisch zurück. Während die Wolfspopulation schnell wächst in den letzten drei Jahren hat sie sich beinahe verdoppeltwird ein Herdenschutzhund erst nach zahlreichen Abklärungen freigegeben. Das kann über ein Jahr dauern. Dafür ist dem Bauern finanzielle Unterstützung für die Haltung von vom Bund anerkannten Herdenschutzhunden gewiss. Jährlich erhält er vom Bund pro Hund 1200 Franken. Futter und Tierarztkosten sind so gedeckt. Auch die Kosten für die Züchtung, etwa 5000 Franken, übernimmt die Allgemeinheit.

Touristen müssen umdenken

Die Schweiz lässt sich die Präsenz des Wolfes viel kosten. Und mit jedem Raubtier wird es noch mehr werden. Denn auch die Anzahl der Herdenschutzhunde wird ansteigen. Und damit ihr Aktionsradius, der fremde Eindringlinge als Gefahr für die Herde sieht. Knapp 20 Zwischenfälle gibts im Schnitt pro Jahr. Meist sind es Wanderer, die sich einen «Schnapper», einen Biss eines Herdenschutzhundes, einfangen. Meist kein grosses Drama, aber doch schmerzhaft.

Auf der felsigen Alp sind Schutzzäune nur bedingt einsetzbar. Bleibt also nur noch der Herdenschutzhund.
Auf der felsigen Alp sind Schutzzäune nur bedingt einsetzbar. Bleibt also nur noch der Herdenschutzhund.
Foto: Nicola Pitaro

Es brauche ein Umdenken der Touristen und der Wanderer, sagen Bauern, Tierschützer und Experten für einmal einhellig. Die Ansprüche der Besucher an diesen Naturraum müssen angepasst werden. Felix Hahn von der Agridea wird grundsätzlich. «Dass einige Alpen und Wegabschnitte für eine gewisse Zeit nicht passierbar sind, muss in Zukunft toleriert werden. Dafür braucht es natürlich Verständnis für die ganze Thematik.»

«Wegabschnitte und Alpen werden für ein gewisse Zeit in Zukunft nicht mehr passierbar sein.»

Felix Hahn, Fachstelle Herdenschutzhunde

Von Verständnis spricht auch Simon Buchli; vom Verständnis für die Natur in den Bergen. Der Bauer steht im steilen Tobel neben dem Dorf Safien-Platz. Hier unten, ganz nah bei der gurgelnden Rabiusa, hat er noch ein paar Schafe: die Schwachen oder zu Alten für die Alp. Oder diejenigen, die zur Schlachtung bereit sind. Die Unterländer verlangen nach Bio-Lammfleisch. Bobby und Oraz, zwei Junghunde in Ausbildung, passen auf die kleine Herde auf. Für die beiden Hunde ist das ein Training für den Ernstfall im hochalpinen Terrain. Sie werden dort auf Gegner treffen, die die Schafherde, ihre Laufwege, ihre Gewohnheiten ein Jahr lang studieren konnten.

Bauer Buchli weiss noch nicht, wie dieser Kampf ausgehen wird. Aber der Schafhalter, der in drei Stunden Gespräch kein einziges böses Wort über den Wolf verloren hat, sagt nun: «Städter müssen verstehen, dass diese Natur hier keine Wildnis ist. Sie ist reguliert. Sie ist bewirtschaftet. Darum verstehe ich nicht, warum der Wolf in diesem System der Einzige sein soll, der nicht reguliert werden soll.» Simon Buchli tätschelt dabei Bobbys Kopf, der lieb hechelt. Eigentlich ist Simon Buchli ein Katzenfreund. Er musste sich anpassen. Wegen des Wolfs.