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Diese Warnung am Piz Cengalo wurde nicht beachtet

Hier hat die Natur gewütet: Blick ins Val Bondasca. (25. August, 2017)

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Sie standen an mehreren Orten im Dorf und warnten. Mit grossen, rosafarbenen Plakattafeln in vier Sprachen wurden Bergsteiger und Wanderer in Bondo auf die Gefahr hingewiesen: «Bergsturzgefahr am Pizzo Cengalo und im Val Bondasca!» Und unter dem Warnsymbol für Steinschlag hiess es weiter: «In absehbarer Zukunft wird sich ein weiterer Bergsturz ereignen!». Am Eingang des Tales und am Wanderweg wurden ebenfalls Warnungen angebracht.

Vergeblich. Trotzdem machten sich Alpinisten in die Gefahrenregion auf, wo sich am Mittwoch 4 Millionen Kubikmeter Fels gelöst haben und ins Tal gedonnert sind. Selbst in der Nacht auf heute begaben sich noch zwei Berggänger ins Gefahrengebiet. Sie kamen aus einem anderen Tal und zelteten bei der Capanna di Sciora, die am Fusse der Sciora-Gruppe liegt, zu der auch der Pizzo Cengalo gehört. Inzwischen mussten sie ausgeflogen werden.

Aus der Warn-Broschüre der Gemeinde Bregaglia.

Mühe mit Wahrscheinlichkeiten

Sind die Leute lebensmüde? Oder dumm? Keineswegs, findet der deutsche Psychologe Manfred Ruoss, der ein Buch über die Psychologie des Bergsteigens geschrieben hat. «Man ist ja auf markierten Wanderwegen unterwegs. Das gibt einem ein Gefühl von subjektiver Sicherheit.» Warnungen und Verbote würden von Berggängern immer wieder in den Wind geschlagen. «Jeder, der oft in den Bergen ist, hat das wohl schon einmal gemacht.»

Warum das so ist, kann die psychologische Forschung erklären. «Menschen sind nicht gut darin, Risiken von seltenen Ereignissen einzuschätzen. Und so ein massiver Bergsturz kommt so selten vor, dass er als sehr unwahrscheinlich eingeschätzt wird», sagt Rainer Greifeneder, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Basel. Das bestätigt der renommierte Verhaltensökonom Bruno S. Frey: «Wir haben Mühe, mit Risiken umzugehen. Es ist sehr schwer, sich vorzustellen, was eine Wahrscheinlichkeit wirklich bedeutet.» Hinzu kommt für ihn ein anderes Phänomen. «Menschen sind überoptimistisch. Sie tendieren dazu, anzunehmen, dass das Schlimme immer anderen passiert.»

Schwierige Wanderung als Trophäe

Psychologieprofessor Greifeneder sieht einen weiteren Punkt, der dazu führen kann, dass sich Wanderer in Gefahr begeben. «Vielleicht haben sie ihre Tour schon lange geplant und erst vor Ort vom Risiko erfahren. Für Leute ist es oftmals schwierig, von einem Plan abzurücken», sagt er. Das hat auch Thomas Widmer, Wanderkolumnist des «Tages-Anzeigers», beobachtet: «Die Leute haben vielleicht freigenommen, sie haben sich eine Traumroute herausgesucht – da ist es nicht einfach, einfach umzudrehen», sagt er.

Bildstrecke: Zwei Tage nach dem Bergsturz

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Mit dem Fahrrad im verschütteten Dorf: Einige der Dorfbewohner erhielten eine Entwarnung, andere Teile des Dorfes sind noch nicht sicher. (25. August 2017)
Jederzeit wieder möglich: Felsabsturz am Pizzo Cengalo. (23. August 2017)
Mitten im Geröll: Die Kantonspolizei stieg nahe an die Felsabbruchstelle. (25. August 2017)

Widmer weist auf einen weiteren Aspekt hin. «Wanderungen, gerade abenteuerliche in schroffen Gebieten wie dem Bergell, sind Trophäen. Man will doch am Montagmorgen etwas vorzuweisen haben, im Gespräch mit Kollegen oder auch auf Facebook, man hat eine krasse Route gemeistert. Das Überhängende oder auch das überstandene Megagewitter betonen die eigene Heldenhaftigkeit.»

Hätte es also ein Verbot gebraucht? Greifeneder glaubt, dass dies etwas gebracht hätte. Anders sieht es Ökonom Frey: «Auch Verbote nutzen nichts, wenn ihr Bruch keine Konsequenzen hat.»

Video: Und plötzlich kracht der Berg weg