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In «American Spy», dem Debüt der Afroamerikanerin Lauren Wilkinson, wird eine schwarze US-Agentin
auf einen Revolutionär in Burkina Faso angesetzt.

FBI-Agentin Marie Mitchell soll einen wichtigen Mann aufspüren. Das kommt ihr gelegen, denn ihr Bürojob langweilt sie.
FBI-Agentin Marie Mitchell soll einen wichtigen Mann aufspüren. Das kommt ihr gelegen, denn ihr Bürojob langweilt sie.
Foto: Getty Images/iStockphoto

Der erste Satz

Ich öffnete den Safe unter meinem Schreibtisch, schnappte mir meine alte Dienstwaffe und schlich lautlos und elegant zur Schlafzimmertür – bis ich auf einen Legostein trat und den Rest des Weges humpeln musste.

Das Buch

Ihre Vergangenheit holte sie mitten in der Nacht ein. Marie Mitchell konnte nicht einschlafen und lag wach im Bett, als sie die Diele knarren hörte. Das gab ihr etwas Vorsprung. Am Ende war der Killer tot, der gekommen war, um sie umzubringen. Mit diesem dramatischen Vorfall 1992 in Connecticut beginnt «American Spy», das Debüt der afroamerikanischen Autorin Lauren Wilkinson.

Marie flüchtet mit ihren fünfjährigen Zwillingen zu ihrer Mutter nach Martinique. Dort schreibt sie auf, wie es so weit kommen konnte, um ihren Buben «ehrliche Antworten auf die Fragen zu geben, die ihr euch wahrscheinlich im Laufe eures Lebens stellen werdet». Sie erzählt, wie sie in New York mit ihrer Schwester Helene aufwuchs und die beiden Mädchen von Agentengeschichten fasziniert waren. Sie wollten Spioninnen werden.

Tatsächlich wurde Marie FBI-Agentin. Doch die Büroarbeiten langweilten sie. In diesem Männerclub traute kaum jemand einer schwarzen Frau etwas zu. Und frustriert stellte sie fest: «Allgemeinwissen wurde beim FBI nicht unbedingt gewürdigt, wir waren ja keine Quizshow. Fleiss, Ehrgeiz und Vetternwirtschaft brachten einen hier viel mehr voran.»

Es ist vor allem dieser Blickwinkel einer schwarzen Frau auf den Kalten Krieg, der den Thriller speziell und interessant macht.

Doch dann, es war Mitte der 1980er-Jahre, setzten Agenten, die offenbar zur CIA gehörten, die talentierte und schöne junge Frau auf Thomas Sankara an. Der charismatische Präsident von Burkina Faso war damals so etwas wie der Che Guevara Afrikas. Es war immer noch die Zeit des Kalten Krieges, und die USA kämpften auch in Afrika gegen den Einfluss der Sowjetunion, eben auch in Burkina Faso.

Es ist vor allem dieser Blickwinkel einer schwarzen Frau auf den Kalten Krieg, der den Thriller speziell und interessant macht. Dabei greift Wilkinson aber auch immer wieder in die Klischeeschublade. Etwa wenn die Frau, die sich zu Hause «eher als Schwarze sah denn als Amerikanerin», überrascht feststellt, dass die Afrikaner sie in erster Linie als Amerikanerin sehen. Zudem neigt sie dazu, etwas viel erklären zu wollen. Dass die Sprache recht uninspiriert wirkt, kann auch an der Übersetzung liegen, an der vier Übersetzerinnen werkelten.

Zu den stärksten Momenten des Romans zählen die Szenen aus Maries Jugend in New York. Mit besonders eifrigem Lernen suchte sie die Nachteile auszugleichen, die sie wegen ihrer Hautfarbe hatte. «Ich kleidete mich brav, drückte mich gewählt aus, strengte mich in der Schule an, akzeptierte, dass ich doppelt so aufrecht sein musste, damit Weisse mich als nur halb so tugendhaft wahrnahmen.»

Die Wertung

  • Originalität: ★★★★☆
  • Spannung: ★★☆☆☆
  • Realismus: ★★★☆☆
  • Humor: ★☆☆
  • Gesamtwertung: ★★★☆☆

Die Autorin

Schaffte es mit ihrem Krimidebüt auf die Bestenliste der «New York Times»: Lauren Wilkinson.
Schaffte es mit ihrem Krimidebüt auf die Bestenliste der «New York Times»: Lauren Wilkinson.
 Foto: Niqui Carter

Lauren Wilkinson, geboren 1984, ist in New York aufgewachsen. Sie studierte an der Columbia University, wo sie in Literatur und literarischer Übersetzung abschloss. Später lehrte sie selber Schreiben an der Columbia sowie am Fashion Institute of Technology. Sie wurde von verschiedenen renommierten Institutionen, darunter dem Djerassi Resident Artists Program und dem Center for Fiction, gefördert und veröffentlichte Kurzgeschichten und Essays in Magazinen und Zeitungen wie «Granta», «The Believer», «New York Magazine» und «New York Times».

«American Spy» ist ihr erster Roman. In den USA fand er viel Beachtung, wurde für mehrere Preise nominiert, von Ex-Präsident Barack Obama empfohlen und von der «New York Times» in die Liste der «100 Notable Books of 2019» aufgenommen.

Lauren Wilkinson lebt in New York und in Los Angeles, wo sie als TV-Autorin tätig ist.

Lauren Wilkinson: «American Spy» (Original: «American Spy», Random House, New York 2019). Aus dem Englischen von Jenny Merling, Antje Althans, Anne Emmert, Katrin Harlass. Tropen/Klett-Cotta, Stuttgart 2020. 366 S., ca. 24 Fr.