Zum Hauptinhalt springen

Kommentar zur Ausbootung Dieser Entscheid ist scheinheilig

Martina Hingis ist eine wichtige Figur im Schweizer Sport. Wer ihre Karriere auf ihren Dopingfall reduziert, tut ihr grosses Unrecht.

Martina Hingis ist nicht nominiert für «die Besten aus 70 Jahren».
Martina Hingis ist nicht nominiert für «die Besten aus 70 Jahren».
Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Wenn in zehn Tagen die grössten Schweizer Sportlerinnen und Sportler geehrt werden, ist Martina Hingis nicht dabei. Wegen eines neuen Ethikzusatzes im Reglement der Sports Awards wurde sie wegen ihrer einstigen Dopingsperre übergangen.

Ja, es ist gerade im rauen Umfeld des Profisports wichtig, auf die Einhaltung ethischer Standards zu pochen. Das zeigten zuletzt die Magglingen-Protokolle, in denen ehemalige Spitzenturnerinnen über jahrelange Demütigungen berichteten. Die Diskussion darüber, was im Umgang mit den Athleten und auch in deren Verhalten untereinander erlaubt ist, wie sehr Sportler an die emotionalen und körperlichen Grenzen oder darüber hinaus gepusht werden dürfen, ist in vollem Gange. Und natürlich ist auch kein positiver Dopingtest zu entschuldigen. Aber nun an Hingis nach so vielen Jahren ein Exempel zu statuieren, ist scheinheilig.

Martina Hingis möchte sich zu den Diskussionen nicht äussern. Hier ist sie mit ihrem Ehemann Harald Leemann zu sehen.
Martina Hingis möchte sich zu den Diskussionen nicht äussern. Hier ist sie mit ihrem Ehemann Harald Leemann zu sehen.
Foto: Imago 

Hingis beging in ihrer zweiten Karriere eine Leichtsinnigkeit, wurde mit einer sehr geringen Dosis an Kokain positiv getestet. Nachdem sie ihre Sperre abgesessen hatte, wurde sie auf der Tennistour sowie von Swiss Olympic wieder mit offenen Armen begrüsst. Wieso sollte sie, die in den letzten Jahren ihrer Aktivzeit stets nominiert wurde für die Sports Awards, nun übergangen werden, wenn es um die Würdigung der Karrieren der grössten Schweizer Sportlerinnen geht? Es ist, um eine Analogie zum Sport zu nehmen, als ob in der Halbzeit einer Partie die Spielregeln geändert würden.

Wenn sie mit ihrer positiven Dopingprobe im Sommer 2007 ein schlechtes Vorbild war, so war sie daneben auch in vielerlei Hinsicht ein gutes: mit ihrer nie erlöschenden Freude für den Sport, ihrem Spielwitz, ihrer erfrischenden Art in einem Profizirkus, wo viele gleichgeschaltet sind. Sie hat, indem sie ihren eigenen Weg ging, viele Schweizer Athletinnen inspiriert – wie Belinda Bencic. Wer ihre Karriere nun auf ihren Dopingfall reduziert, tut ihr grosses Unrecht. Zudem wird diesen Sportlerwahlen durch ihre Ausbootung die Glaubwürdigkeit genommen.

16 Kommentare
    Gunnar Jauch

    Das Übergehen von Martina Hingis ist ein Witz, eine Heuchelei.

    Würde man in Japan oder in Indien nach der (einzigen) Schweizer Sportlerin fragen, so wüsste wohl jeder Tennisfan ihren Namen, namentlich nach ihrem Sieg im US-Open-Mixed Leander Paes. Auch ihre vielen Doppel-Siege mit der Inderin Mirza!

    Dazu: In der gleichen Zeit von ihrer Sperrung wurde der Franzose Gasquet beim Turnier in Monte Carlo positiv auf Kokain getestet. Seiner Ausrede, er hätte am Vorabend in einer Disco eine Frau geküsst, welche vermutlich konsumiert hatte, wurde Glauben geschenkt...