Die Bitcoin-Buchhalter

Kann jemand erklären, wie die digitale Währung entsteht und funktioniert? Ein Besuch bei Martin Ammann und Roger Widmer in Brugg, die Bitcoins mit ihren Computern schürfen.

Zwei von einigen tausend Bitcoin Schürfern: Martin Ammann und Roger Widmer (v. l.) im Hotel Gotthard in Brugg, wo man mit Bitcoin zahlen kann.

Zwei von einigen tausend Bitcoin Schürfern: Martin Ammann und Roger Widmer (v. l.) im Hotel Gotthard in Brugg, wo man mit Bitcoin zahlen kann. Bild: Dieter Seeger

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In diesen Computern entsteht also Geld? Martin Ammann und Roger Widmer nicken. Die beiden Mittvierziger, die an der Bar des Hotel-Restaurants Gotthard in Brugg sitzen, sehen auf den ersten Blick nicht wie Abenteurer aus. Roger hinter dem Tresen ist gelernter Koch und Chef des Familienbetriebs. Martin ist Maschinenmechaniker und Stammkunde.

Die beiden Freunde sind Teil des weltweiten Hypes um die digitale Währung Bitcoin, Geld, das nur aus einer Reihe von Buchstaben und Zahlen im Netz besteht, einer digitalen Signatur. Das Revolutionäre an Bitcoin: Das Geld wird dezentral auf unzähligen Computern weltweit geschaffen. Keine zentrale Stelle wie eine Nationalbank zeichnet es und reguliert seine Menge. Dafür gibt es Leute wie Martin Ammann und Roger Widmer. Sie sind Bitcoin-Miner, «Schürfer» auf Deutsch, zwei von Tausenden weltweit. Sie alle zusammen halten den dezentralen Organismus am Laufen und fungieren als Buchhalter des Bitcoin, der ja nicht nur eine digitale Währung ist. Bitcoin ist auch ein Bezahlsystem via Handy-App. Zudem eine riesige Datenbank. Und in allem steckt ein Quäntchen Ideologie.

Vor wenigen Wochen hat der Bitcoin die 1000-Dollar-Grenze überschritten. Als sich Martin Ammann vor zweieinhalb Jahren bei Bitcoin anmeldete, ein wenig aus Neugier und Zufall, kostete ein Bitcoin ein paar Cent. Alan Greenspan, Ex-Chef der US-Notenbank, nennt die rasante Wertsteigerung einen «irrationalen Überschwang». Andere sprechen von der grössten Blase seit der Tulpenhysterie im 17. Jahrhundert, als eine Tulpenzwiebel in Holland mehr kostete, als ein Gärtner im Jahr verdiente.

Ein guter Deal

Martin Ammann und Roger Widmer haben sich beim Pokern kennen gelernt, sie wurden Freunde, dann Geschäftspartner. Weil sie rechtschaffene Schweizer sind «und nichts Illegales tun wollen», haben sie für ihre Bitcoin-Aktivitäten eine Firma gegründet. Es geht plötzlich um ziemlich viel Geld. Die Arbeit in ihrer Martrog GmbH ist klar aufgeteilt: Martin hätschelt die Computer, und Roger hätschelt Martin ein wenig mit gutem Essen und Wein. Ein guter Deal, finden beide.

Bitcoin ist nicht die erste digitale Währung. Da gab es schon Dutzende. Mit ihnen wird vor allem online gezockt. Doch noch nie war Onlinegeld so beliebt wie nun der Bitcoin. Das liegt daran, dass man mit Bitcoin erstmals Sachen kaufen kann wie ein Schnitzel im Restaurant Gotthard. Roger Widmer führt es zusammen mit seiner Frau. Sie wohnen mit ihren drei Kindern im ersten Stock. Im zweiten, gleich unterhalb der Computer, sind die Hotelzimmer.

Die Onlinewährungen vor Bitcoin schafften den Sprung von der virtuellen in die reale Welt nicht, weil sie alle den gleichen Makel hatten: Es gab keinen Mechanismus, der verhinderte, dass dasselbe Geld für mehrere Dinge gleichzeitig ausgegeben wurde. Die Lösung präsentierte Satoshi Nakamoto, der Name ist ein Pseudonym. Dahinter muss sich ein Programmierer verbergen, der sich auskennt mit kryptografischen Codes, auf denen die Bitcoin-Software basiert. Nakamoto verschickte im Herbst 2008 an Gleichgesinnte ein Weisspapier. Was er da zeigte, war in der Szene nicht völlig neu. Doch er kombinierte geschickt zu einem grossen Wurf, was Programmierer in den letzten Jahrzehnten ausgeheckt hatten.

Revolutionärer Kniff

Der Zeitpunkt war kaum ein Zufall: Die Finanzkrise lähmte die Welt. Anhänger des Libertarismus, zu denen Nakamoto vermutlich gezählt werden muss, nutzten den Moment, um ihre Sicht zu propagieren: Um einen solchen Schlamassel künftig zu verhindern, braucht es Geld, das nicht manipuliert und beliebig vermehrt werden kann. Geld, dessen Wert einzig und allein der Markt bestimmt, Geld ohne Nationalbanken.

Nakamoto skizzierte im Bitcoin-Protokoll, wie der libertäre Traum realisiert und gleichzeitig das Problem mehrfacher Ausgaben umgangen werden kann. Der revolutionäre Kniff heisst Block-Chain. Sie ist die Kette aller Bitcoin-Transaktionen, die seit Anfang 2009, dem Start der Software, getätigt wurden. Die Block-Chain hält fest, wer wem wie viel Geld überweist. Und wie viel danach auf den Konten noch drauf ist. Jeder Bitcoin-Miner speichert die Block-Chain auf seiner Festplatte. Die Computer tauschen sich ständig aus. Schummeleien fliegen da sofort auf.

Bitcoin-Miner wie Martin Ammann und Roger Widmer, respektive ihre Computer, sammeln und überprüfen die neusten Zahlungen, fassen sie zusammen und hängen sie an die Block-Chain an. Die beiden sprechen über ihre rund um die Uhr rechnenden Maschinen im Estrich, als wären sie Gastarbeiter, sie reden von ihren «Amerikanern» («waren mal die besten»), «Schweden» («leisten noch immer gute Dienste») und «Chinesen» («viel verdient mit ihnen»).

Die Rätsel, die ihre Computer lösen, um Transaktionen abzuschliessen, haben nichts mit echten mathematischen Fragestellungen zu tun. Damit alle Beteiligten die Chance erhalten, Rätsel zu lösen, funktioniert das Ganze wie ein Glücksspiel, bei dem man seinem Glück allerdings etwas nachhelfen kann. Die Spieler sind die Schürfer, der Croupier ist die Software. Der Einsatz besteht in Hardware und Strom: Wer mehr investiert, knackt öfter ein Rätsel.

Software direkt im Computerchip

Und wer ein Rätsel löst, erhält 25 Bitcoins. Alle zehn Minuten wird das Spiel wiederholt mit neuen Transaktionen, die eingereiht werden müssen. So entsteht Geld. Es kommt aus den Tiefen des Internets, wo die Software jedem einzelnen Bitcoin eine digitale Signatur zuweist. Ammann und Widmer haben schon lange aufgehört, mit konventionellen PC zu «schürfen» «Lohnt sich nicht mehr», sagt Ammann, der wie Widmer im Aargau aufgewachsen ist, aber nach der Ausbildung zehn Jahre lang Verpackungsanlagen rund um die Welt gebaut hat. So lange, dass er nun am liebsten daheim ist bei seiner Frau und seiner Katze.

Ammann und Widmer benutzen sogenannte Asics, Hardware, bei der die Software direkt in den Computerchip eingebrannt ist. Das macht sie superschnell bei geringerem Stromverbrauch. Die Teufelsmaschinen sind eigens fürs Bitcoin-Mining geschaffen worden. Ammann und Widmers Bitcoin-Abenteuer gewann an Spannung, als sie diese Asics kauften. Das war im Juni 2012. Sie hatten auf Bitcointalk.org über den Bau solcher Computer gelesen. «Wir mussten schnell entscheiden», sagt Roger Widmer, «die Anzahl war limitiert.» Für zwei «Libyer» haben er und Ammann einem Hersteller Bitcoins überwiesen. Gekommen ist aus Libyen nie etwas. Auch nach China haben sie Bitcoins geschickt. Das Geld hatten sie schon abgeschrieben, als die Post eintraf: fünf Computer, wahre Geldmaschinen. Ammann und Widmer gehörten zu den Ersten, welche die schwer erhältlichen Maschinen besassen.

Martin Ammann benutzte Widmers Estrich schon eine Weile als Computer-Ersatzteillager, als er in einer PC-Zeitschrift von Bitcoin las. Und weil er Prozessoren rumstehen hatte, dachte er sich, er könnte ja mal die Mining-Software darauf laufen lassen. Bald hatte er ein paar Hundert Bitcoins zusammen. Den Gewinn investierte er in neue Hardware. Und er kaufte auch andere Dinge bei Anbietern, die Bitcoin akzeptierten. «USB-Sticks, Redbull-Kopien, solches Zeugs.» Ihm gefiel die Idee eines Bezahlsystems, das keine Kreditkartenfirma und keine Bank reich macht. Die Bitcoin-Transaktionen sind gratis. Ammann steckte Widmer mit dem Enthusiasmus an. Und der Bitcoin-Kurs stieg und stieg.

Anonymer Zahlungsverkehr

Es geht plötzlich um so viel Geld, dass auch die Behörden nicht mehr wegschauen. Ein Ausschuss des US-Senats hat im November erstmals Fachleute angehört. Bitcoin, erklärten diese, hätten durchaus eine Existenzberechtigung (nachdem sie zugegeben hatten, dass es «hard work» gewesen sei, den Mechanismus zu verstehen). Bisher war der Bitcoin für Washington die Währung von Schattengestalten. Diese profitieren davon, dass Zahlungen mit Bitcoin anonym abgewickelt werden – für den Bitcoin ein Reputationsproblem, für Entwickler Nakamoto eine Notwendigkeit. Wie sonst könnte er in einem öffentlich zugänglichen System die User schützen?

Auch die Chinesen tolerieren neuerdings Bitcoin. Das könnte sich aber schnell wieder ändern. Die Deutschen haben Bitcoin als «privates Geld» legalisiert. Und die Kanadier akzeptieren Bitcoin gar als Währung, was mit Auflagen für Bitcoin-Dienstleister verbunden ist. Die positiven Reaktionen wichtiger Volkswirtschaften erklären den rapiden Kursanstieg zumindest teilweise. Denn auch für den Bitcoin gilt: Wenn niemand daran glaubt, ist das Geld nichts wert.

Demnächst wird sich auch der Bundesrat mit Bitcoin beschäftigen. Es gibt einiges zu klären: Wie versteuert man Bitcoin-Gewinne? Was ist mit Mehrwertsteuer? Darf ein Anlagefonds Bitcoins halten? Die Rechtsunsicherheit ist ein Problem für Martin Ammann und Roger Widmer. Sie verhandeln gerade mit der Steuerbehörde, wie sie die Investitionen und Gewinne ihrer GmbH abrechnen müssen. Alle sind etwas überfordert.

Fundamentaler Denkfehler?

Rund 12 Millionen Bitcoins sind seit 2009 geschürft worden, diese sind heute 10 Milliarden Franken wert. Um 2040 dürften 21 Millionen Bitcoins im Umlauf sein. So sieht es die Software vor. Die meisten Ökonomen halten das deflationäre Konzept für einen Denkfehler: Niemand gibt gerne aus, was morgen mehr wert sein könnte. Bitcoin mache sich so als Währung selber überflüssig und sei längerfristig höchstens als Wertaufbewahrung, digitales Gold, von Nutzen. Das sehen die Enthusiasten anders, die weltweit für den Bitcoin lobbyieren. In Zürich ist soeben der erste Bitcoin-Verein der Schweiz gegründet worden. Beim ersten Treffen hatte es zu wenige Stühle, so viele kamen ins Certo beim Stauffacher, unter ihnen auch Martin Ammann. Und einer, der den ersten Bitcoin-Geldautomaten Zürichs bestellt hat.

Viele hier glauben, dass Bitcoin das Finanzsystem demokratisieren wird. Einige reden gar davon, dass Bitcoin für die Finanzindustrie das sein könnte, was die Musiktauschbörse Napster für die Musikindustrie war: der Anfang vom Ende. Es tönt abgefahren. Aber bereits schreiben auch in der Schweiz Leute Businesspläne für Finanzprodukte, die auf Bitcoin basieren: In der Szene spricht man von «colored coins», einzelnen Bitcoins, die Geschäfte absichern oder das ganze Aktienkapital einer Firma repräsentieren.

Letzten März hat Martin Ammann im Gotthard ein Bitcoin-Bezahlsystem auf einem iPad eingerichtet. Das Gotthard wird damit vermutlich in die Geschichte eingehen: als erster Ort, wo man in der Schweiz mit Bitcoin bezahlen konnte. Lange war Martin der Einzige, der hier seine Bitcoins ausgab. Nun kommen langsam andere Bitcoin-Fans. Weltweit akzeptieren täglich immer mehr Lokale und Internetshops das digitale Geld.

Die Schweizer Szene ist noch klein im Vergleich mit Vancouver, wo der erste Bitcoin-Geldautomat steht. Da können echte kanadische Dollars vom Bitcoin-Konto abgehoben werden. Das machen aber nur wenige. Der Bitcoin ist Spekulationsgut geworden. Auf steigende Kurse wird gewettet, und solange es nur aufwärtsgeht, ruhen die meisten Bitcoins auf den Konten ihrer Besitzer. Dass die Blase platzt, ist für die meisten Ökonomen nur eine Frage der Zeit. Aber auch wenn der Bitcoin abstürzen sollte, werden Programmierer das Konzept weiterentwickeln. Und vielleicht entsteht daraus etwas noch Verrückteres als das, was auf dem Estrich in Brugg vor sich geht.

Erstellt: 16.01.2014, 18:10 Uhr

Die Entwicklung des Wechselkurs der Bitcoin-Währung in den vergangenen Monaten. (Bild: TA-Grafik)

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