«Laien können Bots in einer Viertelstunde programmieren»

Stefan Gürtler hat herausgefunden, dass Twitter-Bots die No-Billag-Abstimmung manipuliert haben. Im Interview erklärt er, wie das geht.

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Von 200'000 Tweets zur No-Billag-Abstimmung war die Hälfte von automatisierten Programmen gesteuert. Das hat Stefan Gürtler, Professor an der Fachhochschule Nordwestschweiz, in einer Analyse mit seinem Kollegen Oliver Bendel herausgefunden. Die beiden Professoren haben Wortmeldungen von 26'000 Konten in den 8 Wochen vor der Abstimmung untersucht. 50 dieser «Nutzer» setzten dabei 200 bis 1000 Nachrichten pro Tag ab und beantworteten Nachrichten teilweise in einer Zehntelsekunde. Sie waren für über die Hälfte aller Tweets zum Thema verantwortlich.

Gürtler nennt diese Konten Cyborgs. Diese funktionieren nicht wie Bots völlig automatisiert, sondern werden von Menschen gesteuert. Es sind ebenfalls kleine Programme, die automatisiert Tweets absetzen oder auf Nachrichten reagieren, nur funktionieren sie nicht völlig alleine, sondern unterstützen den realen Twitterer bei der Bewältigung der Aufgaben.

Als Beispiel ein Tweet eines Hochfrequenz-Accounts / Cyborgs: Er ist gemäss Gürtler ein typisches Beispiel einer bestimmten Form von Manipulation – nämlich der Weiterverbreitung von Medienschlagzeilen mit Reichweitenoptimierung durch automatisiertes Mentioning (@-Erwähnungen und #-Hashtags»):

Von den 26'000 untersuchten Konten äusserten sich 20 Prozent für die Abschaffung der Gebühren, 80 Prozent waren gegen die Initiative. Das Verhältnis der Tweets lag jedoch bei 35:65, die Befürworter setzten also pro Konto mehr Nachrichten ab. Diese Diskrepanz ist zum Teil mit den automatisierten Programmen erklärbar: 19 der 50 von Gürtler entlarvten Cyborgs stammten aus dem Pro-Lager. 31 waren gegen die No-Billag-Initiative – das entspricht einem Verhältnis von 38:62.

Herr Gürtler, weshalb haben Sie dieses Thema untersucht?
Anlass für die Untersuchung war die heftige Twitterdebatte, die – für eine Abstimmung ungewöhnlich früh – ab September geführt wurde. Die Medien haben ja von der «Twitter-Armada» geschrieben, die in Marsch gesetzt wurde, und «Online-Warriors» kämen zum Einsatz. Eine Schlagzeile lautete: «Auf Twitter tobt der No-Billag-Kampf». Da ist es natürlich angezeigt, entsprechende Daten zu sammeln.

Wie konnten Sie diese Datenmenge überhaupt bewältigen?
Die Datenmenge war – im Gegensatz zu amerikanischen Verhältnissen – überschaubar. Twitter hat in der Schweiz nicht die gleiche prominente Bedeutung in der politischen Kommunikation. Wir haben uns nur auf die letzten acht sogenannt heissen Wochen vor der Abstimmung konzentriert, was die Datenmengen natürlich weiter reduziert hat. Sie bleiben natürlich so gross, dass sie nicht mehr von Hand analysiert werden. Dazu müssen Computeralgorithmen eingesetzt werden, denen man – Stichwort «überwachtes Lernen» – zuerst beibringt, Tweets zur Abstimmung von Tweets zu unterscheiden, die nichts mit der Abstimmung zu tun haben. Ebenso müssen sie lernen, befürwortende von ablehnenden Tweets zu unterscheiden. Danach übernehmen sie das Sortieren und Analysieren der Daten.

Wie können solche Bots und Cyborgs programmiert werden?
Entsprechende Programme können in einschlägigen Communitys (z.B. Github) zu Hunderten heruntergeladen und an die eigenen Bedürfnisse angepasst werden. Man kann Automatisierungstools auch käuflich erwerben – diese machen durchaus Sinn, beispielsweise für schnelle Ereignisinformation von Nachrichtenportalen oder Kundendiensten. Mit bereits rudimentären Kenntnissen lassen sich solche Tools auch selber programmieren. Es gibt Anweisungen, die Botprogrammierung in einer Viertelstunde versprechen – das ist nicht einmal übertrieben. Automatisierungstools kommen bei Vieltwitterern häufig zum Einsatz. Das ist nicht verboten – und auch plausibel. Es lassen sich so beispielsweise auch Meldungen terminieren, Follower verwalten oder Diskussionen verfolgen.

Was sind die Grenzen solcher Programme, um Wahlen, Meinungen zu beeinflussen?
Die aktuell grösste Limitierung ist die begrenzte Nutzung von Twitter in der politischen Kommunikation der Schweiz. Twitter oder Facebook gewinnen durchaus an Bedeutung, diese liegt aber – um es etwas plakativ zu sagen – etwa bei jener einer überregionalen Tageszeitung. Also durchaus einflussreich, aber in den Grenzen der eigenen Reichweite, die nur einen Bruchteil der Abstimmenden umfasst. Solange die Meinungsverbreitung nicht mit raffinierteren Methoden mengenmässig manipuliert wird – zu denken etwa an grosse Botfarmen, d.h. automatische Accounts, die aus dem Hintergrund gesteuert werden und jeder für sich ein unauffälliges Twitter-Verhalten zeigen –, sind solche Aktivitäten auch für Nutzer erkenn- und blockierbar.

Wie könnten sich diese verändern, um noch manipulativer auf die Menschen einzuwirken?
Die erwähnte «Account-Koordination» wird schon heute betrieben, beispielsweise bei den südkoreanischen Präsidentschaftswahlen. Es braucht dazu natürlich mehr Know-how, mehr Aufwand, eine recht lange Anlaufzeit, damit solche automatisierten Accounts sich vernetzen können – und ganz bestimmte politische Absichten.

Müssten solche Programme nicht verboten werden?
Automatisierung in der Kommunikation ist, wie gesagt, nicht illegal und durchaus sinnvoll – beispielsweise im Zusammenhang mit Ereignismitteilungen. Ein Verbot ist natürlich immer ein Notausstieg aus einem Problem, das man besser anders löst. Sinnvolle Anwendungen sollen ja nicht diskriminiert werden. Zudem ist es in der politischen Kommunikation ja an der Tagesordnung, dass Initianten oder Exponenten viel mehr Zeit, Geld und Energie und damit Menge in die Kommunikation stecken können als ihre Gegnerschaft. Wichtig erscheint mir in diesem Zusammenhang die Transparenz. Die Öffentlichkeit muss informiert darüber sein, wie Meinungen zustande kommen. Twitter versucht übrigens selbst, mit Automatisierungsrichtlinien den Einsatz von entsprechenden Tools zu regeln. Wie Twitter die vorliegenden Fälle beurteilt, kann ich aber nicht sagen. (anf/sda)

Erstellt: 09.04.2018, 19:06 Uhr

Schweigespirale

In der Schweiz noch kein Thema

Gürtler rechnet wegen Cyborgs mit ernsthaften Auswirkungen auf den politischen Diskurs. Wenn die manipulativen Aktivitäten im Netz zunehmen würden, bestehe die Gefahr einer Schweigespirale. Dies bedeute, dass Leute, deren Meinung von der lautstark und manipulativ geäusserten Meinung abweiche, sich nicht mehr zu Wort melden würden, weil sie glaubten, in der Minderheit zu sein. In der Schweiz informierten sich die meisten Leute aber aus verschiedenen Quellen, relativierte Gürtler. Sie seien darum nicht so leicht zu manipulieren.

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