«Likes» ersetzen fehlende Belohnung bei Jugendlichen

Fast 80 Prozent der 12- bis 19-jährigen Schweizer surfen vernünftig. Bei suchtgefährdeten Jugendlichen könnten Eltern mit gutem Beispiel vorangehen.

Je mehr internetfähige Geräte in einem Haushalt rumliegen, desto grösser ist die Suchtgefahr: Jugendliche mit ihren Mobiltelefonen auf dem Zürcher Turbinenplatz. (Archiv)

Je mehr internetfähige Geräte in einem Haushalt rumliegen, desto grösser ist die Suchtgefahr: Jugendliche mit ihren Mobiltelefonen auf dem Zürcher Turbinenplatz. (Archiv) Bild: Christian Beutler/Keystone

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Ein Grossteil der Schweizer Kinder und Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren hat einen guten Umgang mit dem Internet. Jeder Zehnte zeigt aber ein problematisches Suchtverhalten, wie der JAMESfocus-Bericht der ZHAW und der Swisscom zeigt.

Obwohl mit Smartphones und Tablets immer mehr digitale Inhalte konsumiert würden, nutzten fast 80 Prozent der Jugendlichen in der Schweiz das Internet «unproblematisch», heisst es im heute veröffentlichten Bericht der Forschenden der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).

Interview mit Prof. Dr. Daniel Süss zu JAMESfocus

Zwölf Prozent zeigen ein «risikohaftes» Verhalten und bei neun Prozent ist die Internetnutzung sogar «problematisch». Dies bedeutet etwa, dass sie Entzugserscheinungen haben, wenn sie kein Gerät zur Verfügung haben, Familienmitglieder täuschen oder auch ab und zu die Kontrolle verlieren, während sie im Internet surfen.

Zudem zeigt der Bericht, dass Jugendliche mit einem problematischen Verhalten das Internet häufiger zur Unterhaltung nutzen, mehr fernsehen oder auch öfter Videogames spielen. Sie verbreiten überdies auch eher mediale Gewalt – oder sind selber schon Opfer von Cybermobbing geworden.

Offline lernen mit Konflikten umzugehen

Interessanterweise zeigt die Studie aber auch, dass suchtgefährdete Jugendliche bei den nonmedialen Freizeitaktivitäten nicht signifikant abfallen. Auch sie treffen sich mit Freunden und treiben Sport. Wichtig sei aber, diese Kinder vor problematischem Onlineverhalten zu schützen, schreiben die Forschenden.

Als Beispiele für solche «schützenden Faktoren» werden Musizieren, Basteln, Malen, Haustiere betreuen oder auch Tageszeitungen und Zeitschriften lesen genannt. Eltern sollten Aktivitäten fördern, bei denen sich die Jugendlichen als kompetent erleben, Anerkennung erhalten und Erfolge erleben, schreiben die Forschenden.

Besonders wenn es im «richtigen Leben» nicht so gut läuft, seien für Jugendliche «Likes» in sozialen Netzwerken oder erreichte Punkte in Games besonders anziehend, heisst es weiter. Mit Offline-Aktivitäten könnten die Kinder lernen, mit vorübergehenden Misserfolgen souverän umzugehen und schlechte Gefühle nicht mit medialem Konsum zu kompensieren.

Eltern als schlechte Vorbilder

Der Bericht zeigt auch auf, dass die Anzahl der verfügbaren Medien einen grossen Einfluss auf das Onlineverhalten haben: Je mehr internetfähige Geräte in einem Haushalt rumliegen, desto grösser ist die Suchtgefahr. Betroffen sind vor allem Jugendliche, die oft mit ihrem Handy Filme schauen, fotografieren oder selber filmen. Die Experten raten deshalb den Eltern, mit den Kindern immer Regeln zu erstellen, wie mit den verfügbaren Geräten umgegangen werden soll – und zwar schon vor der Anschaffung eines eigenen Smartphones oder Tablets.

Einmal mehr weisen die Forschenden zudem darauf hin, wie wichtig die Vorbildfunktion der Eltern sei. Kinder und Jugendliche schauten sich viel mehr von ihren Eltern ab, als diesen bewusst sei, heisst es. Es lohne sich deshalb, das eigene Medienverhalten zu reflektieren oder die Einschätzung der Kinder diesbezüglich einzuholen.

Die ZHAW befragt seit 2010 alle zwei Jahre im Auftrag der Swisscom über 1000 Jugendliche in den drei Sprachregionen der Schweiz zu ihrem Medienverhalten für die JAMES-Studie. Für den nun veröffentlichten Bericht nutzten die Forschenden Daten der Studie von 2016 und analysierten vertieft einzelne Aspekte. (nag/sda)

Erstellt: 11.07.2017, 11:16 Uhr

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