Wie Facebook in Davos Politiker um den Finger wickelte

Geleakte E-Mails zeigen, wie Sheryl Sandbergs Team am WEF Politiker beeinflusste, den Datenschutz zu lockern und das Mindestalter zu senken.

«I love you»: Facebook-Chefin Sheryl Sandberg zum Vorschlag, das Mindestalter des sozialen Netzwerks auf 6 Jahre zu senken. Foto: Keystone

«I love you»: Facebook-Chefin Sheryl Sandberg zum Vorschlag, das Mindestalter des sozialen Netzwerks auf 6 Jahre zu senken. Foto: Keystone Bild: Keystone

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Im Rahmen des World Economic Forum (WEF) fand Ende Dezember 2013 in einem Davoser Hotelzimmer ein Meeting statt. Unter den Teilnehmenden befanden sich der damalige irische Premierminister Enda Kenny und Vertreter von Facebook, darunter Marne Levine, die rechte Hand von Geschäftsführerin Sheryl Sandberg.

Das Treffen entwickelte eine erstaunlich intime Komponente: Kenny habe nicht damit aufhören können, die gekrausten Haare ihres Kollegen zu berühren. Das steht in einem vertraulichen Bericht, den Facebook-Managerin Levine an Kollegen mailte.

«Wir übten Druck auf ihn aus

Auf den fünfzehn A4-Seiten beschreibt sie weiter, wer am World Economic Forum in Davos ein «Facebook-Freund» sei – und wer nicht. Das geleakte Schreiben ist Teil einer Sammlung vertraulicher Facebook-Korrespondenz, die der britische «Observer» und das Branchenmagazin «Computer Weekly» kürzlich publiziert haben.

Die E-Mails geben einen raren Einblick in das Innenleben des jährlichen Treffens der Wirtschaftselite mit der Politik in Davos. Und sie zeigen, wie Firmen wie Facebook den Anlass für ihre Zwecke ausnutzen. Das Ziel des sozialen Netzwerks: mit allen Tipps und Tricks die nationalen Datenschutzbestimmungen lockern, gerade in Europa.

Zu den 2013 in den Schweizer Bergen neu gemachten Facebook-Freunden zählte Marne Levine Politiker aus der ganzen Welt: Argentinien, Indien, Vietnam oder Brasilien. In Europa waren es der damalige Schatzkanzler Grossbritanniens, George Osborne, und der eingangs erwähnte irische Premierminister Enda Kenny. Irland stand bei diesem Treffen kurz davor, für sechs Monate die Präsidentschaft des EU-Rates zu übernehmen.

Ein Mitarbeiter der damaligen EU-Kommissarin für die Digitale Agenda bemerkte, dass er sich eine neue Alterslimite von sechs Jahren für Facebook Lite vorstellen könne. Sandberg dazu: «Ich liebe dich.»

Levine schreibt zu Mittel und Ziel ihrer Einflussnahme auf Kenny: «Wir übten Druck auf ihn aus. Irland soll während der Ratspräsidentschaft dieser Zeit die Datenschutzgesetze in der EU zur Priorität machen.» Der europäische Hauptsitz von Facebook befindet sich in der irischen Hauptstadt. Das Unternehmen hat Tausende von Stellen in Dublin geschaffen. «Der Premierminister versicherte uns», schreibt sie weiter, «er könne während der sechsmonatigen irischen Ratsherrschaft viel Einfluss ausüben.» Danach sei sie mit der gesamten irischen Delegation essen gegangen.

Sie machte auch der Schweizer Polizei Beine: Marne Levine, Policy-Managerin bei Facebook. Foto: Instagram

Ein Ziel von Facebook war dabei offensichtlich die Senkung des Mindestalters von heute 13 Jahren für ein Profil im sozialen Netzwerk. Mit Neelie Kroes, der damaligen EU-Kommissarin für die Digitale Agenda, pflegte man hierbei ein besonders gutes Verhältnis. «Sie scheint offen für eine Facebook-Lite-Version für 10- bis 13-Jährige», schreibt Marne Levine. Ein Mitarbeiter von Neelie Kroes bemerkte sogar, dass er sich eine neue Alterslimite von sechs Jahren für Facebook Lite vorstellen könne. Die Reaktion von Facebook-Topmanagerin Sandberg dazu: «Ich liebe dich.»

Mehrere Politiker hätten Levine am WEF gesagt, ihre Kinder wünschten sich endlich ein Facebook-Konto. Doch nicht bei allen kam Facebook in Davos so gut an: am wenigsten bei Viviane Reding, EU-Kommissarin für Justiz, Grundrechte und Bürgerschaft. «Wir haben einige Fortschritte gemacht, doch generell haben wir zu ihr ein schwieriges Verhältnis», schreibt Levine. Reding war die Autorin des neuen EU-Datenschutzes.

Und sie war gegenüber den Datenschutzpraktiken von Facebook skeptisch. «Sie mochte zwar das Essen mit uns, an dem wir über Sheryls Buch ‹Lean In› geredet haben, aber sie meinte, es vertrete eine sehr amerikanische Optik auf den Frauenmangel in Führungsetagen», schreibt Levine. Sheryl Sandbergs Buch von 2013 befasste sich mit der Förderung von Frauen am Arbeitsplatz. Die Art, wie Levine über «Lean In» spricht, suggeriert, dass sie das Buch primär als Mittel benutzte, um mit Politikerinnen ins Gespräch zu kommen. Im Falle von Reding misslang diese Taktik offenbar. Sie schreibt: «Das ging nach hinten los!»

«Wie mit Facebook Wahlen gewonnen werden können»

Die geleakte Korrespondenz verrät auch, wie früh sich Facebook für seinen Einfluss auf Politkampagnen und Wahlen interessierte. So ist in einer E-Mail auch die Rede von einem Treffen mit dem britischen Thinktank Demos. Levine schreibt, Demos habe einige sehr interessante Experimente gemacht: «Die Organisation hat kürzlich auf Facebook mit einer Werbekampagne Mitglieder der rechten Flügelpartei EDL über ihre politische Meinung befragt.» Bei der EDL handelt es sich um die Englisch Defence League, eine homophobe und islamophobe Organisation, die Muslime als inkompatibel mit westlicher Kultur betrachtet.

Der Thinktank Demos habe viel darüber gelernt, wie er künftig Sympathisanten bestimmter politischer Parteien auf Facebook erreichen könne. «Als Nächstes will sich Demos mit Hassreden in den sozialen Medien beschäftigen und mit der Frage, wie mit Facebook Wahlen gewonnen werden können», schreibt Levine. Das sind dieselben Fragen, die Politbeobachter in Grossbritannien und in den USA beschäftigen: Wurden das Brexit-Referendum oder die US-Präsidentschaftswahlen durch Profiling von Facebook-Nutzern und Fake News gewonnen?

Grundsätzlich bucht Levine das WEF im Jahr 2013 trotz Gegenwind von EU-Datenschützern als vollen Erfolg ab. Selbst der Schweizer Polizei habe man einheizen können. Ein Mitglied der Facebook-Delegation sei bei der Ankunft in Davos nicht korrekt registriert gewesen. In der Regel dauere es mit den «trägen oder besonders genauen» Schweizer Behörden Wochen, um solche Probleme zu lösen. Levine schreibt: «Uns gelang das in vier Stunden.»


Die E-Mails werden bis Ende Woche unter dieser URL publiziert. Sie sind Bestandteil einer Klage der App-Entwickler-Firma Six4Three gegen Facebook. Der Fall wurde vor wenigen Wochen an einem kalifornischen Gericht verhandelt. Eingereicht wurden sie am California Superior Court von Facebook selber. Die Dokumente wurden erstmals vom Branchenmagazin «Computer Weekly» , vom Investigativ-Journalisten Duncan Campbell und vom britischen «Observer» publiziert.

Erstellt: 05.03.2019, 21:16 Uhr

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