Bücherlesen à discrétion

Readfy will eine kostenlose Bücher-Flatrate anbieten. Die Gründer zielen damit auf einen radikalen Kulturwandel.

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Streamingdienste wie Spotify oder Rdio haben seit ihrem Start die Musikbranche ordentlich durchgeschüttelt. Angesichts von Piraterieängsten und dem Aus-der-Mode-Kommen der CD war man offen für Innovationen, mittlerweile ist ein Grossteil der weltweiten Musikkataloge per Flatrate verfügbar. Im monatlichen Abo oder kostenlos und mit Werbeeinblendungen: Clou des Modells ist, dass der Nutzer so viel Musik hören kann, wie er will.

In der Buchbranche ist dieser Umbruch noch nicht angekommen. Das deutsche Jungunternehmen Readfy will ihn aber herbeiführen. Ziel ist eine Onlinebibliothek zum Lesen à discrétion. Heute will man testweise starten. Die Idee ist dieselbe wie bei Spotify und Co. Der Nutzer liest so viel er will und bezahlt dafür entweder via Werbung oder mit einer Abogebühr, je nach Modell fünf oder zehn Euro pro Monat.

Werbung beim Umblättern

Laut den Gründern des Dienstes hat Readfy Grosses vor, nämlich als Marktführer für kostenloses Lesen den Buchmarkt zu verändern. Man beginnt allerdings bescheiden. Zu Beginn sollen nur 5000 Nutzer in den Genuss des Dienstes kommen, der als Android-App verfügbar ist. Mit ihnen will Readfy herausfinden, wie gross die Bereitschaft ist, sich beim Lesen Werbung anzuschauen. Die Einführung der Bezahlangebote ist erst für den Sommer geplant. Bis dahin sehen alle Nutzer beim Lesen Reklame, die am unteren Bildschirmrand erscheint.

Technisch macht die App, die vom Benutzer derzeit noch manuell installiert wird, einen soliden Eindruck. Design und Bedienung sind gelungen. Eines erstaunt dabei aber: Zum Start bietet Readfy seinen Lesern lediglich einen Katalog von 15'000 Titeln. Eine Buchhandlung kann heute dagegen auf über eine Million lieferbarer Bücher zurückgreifen. Wie attraktiv der Readfy-Katalog ist und ob er gefragte Titel und Bestseller bietet, muss sich denn auch noch zeigen. Auf den ersten Blick handelt es sich bei einem grossen Teil des jetzigen Angebots um lizenzfreie ältere Texte oder wenig bekannte Autoren.

Offene Fragen zur Rentabilität

Damit Readfy sein Angebot ausbauen kann, muss es Autoren und Verlage für das neue Modell begeistern. Wie gut das gelingt, hängt davon ab, ob Readfy für diese finanziell attraktiv wird. Da lohnt der Blick auf die Musikindustrie, die hier bereits Erfahrungen gesammelt hat. Der Musikstreamingdienst Spotify steht regelmässig in der Kritik, Künstler schlecht zu entlöhnen. Dieses Problem könnte auch bei Readfy zum Thema werden. Fliesst zu wenig Geld von Readfy an die Urheber, werden diese kein Interesse haben, sich dem Flatratemodell zu öffnen. Dani Landolf, Geschäftsführer beim Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verband, kann nicht sagen, ob sich Readfy für Schweizer Verlage lohnt. «Das hängt von den Verträgen ab, die Verlage mit Readfy abschliessen.» Unabhängig davon, wie sich der junge Dienst entwickelt: Landolf sieht darin aber keine Bedrohung für das gedruckte Buch. «Das E-Book ist eine gute Ergänzung zum gedruckten Buch, aber keineswegs dessen Ende, wie viele sogenannte Experten in den letzten Jahren immer wieder herausposaunt haben.»

Erstellt: 07.02.2014, 12:55 Uhr

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