Porträt

Der Verrückte mit dem weltbekannten Namen

«Wired»-Reporter Joshua Davis hat ein E-Book über den flüchtigen John McAfee geschrieben, den Gründer der Antivirussoftware McAfee. Es geht um Drogen, Minderjährige, eine Privatarmee und Antibiotika.

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Seit Tagen wird der Gründer der Antivirensoftware McAfee von der Polizei in Belize gesucht. John McAfee soll zu einem Mord an seinem Nachbarn befragt werden. Er gilt als Hauptverdächtiger. Der Millionär wittert allerdings eine Verschwörung und ist deshalb untergetaucht (Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete).

Wie kam es überhaupt so weit? Und stimmen die Geschichten, die in den Medien über McAfee verbreitet werden? Vermutlich schon. Sie sind möglicherweise noch zu harmlos. Keiner pflegte in den letzten Monaten einen so engen Kontakt zu John McAfee wie der «Wired»-Journalist Joshua Davis. Aus den Gesprächen, die der junge Reporter mit McAfee in den letzten Tagen und Monaten führte, hat Davis nun ein E-Book geschrieben. Der Titel: «John McAfees Last Stand».

«Wie wärs, wenn Sie die Knarre jetzt weglegen?»

13 Kapital umfasst das Werk und erzählt die Geschichte einer hochkomplexen und volatilen Persönlichkeit. Dies wird gleich zu Beginn der Lektüre klar. Zwölf Wochen vor dem Mord trifft der Journalist des Techmagazins den einstigen IT-Unternehmer auf seinem Anwesen in Belize zu einem Interview. Davis will ergründen, warum die Regierung McAfee verhaftete. Ausserdem erfährt Davis von Gerüchten, wonach McAfee im Dschungel Drogen herstellen würde. Das Gespräch wird zu einer gefährlichen Angelegenheit. McAfee soll mit einem Revolver herumhantiert haben. Davis: «Wie wärs, wenn Sie die Knarre jetzt weglegen?»

Was Davis von McAfee erfährt, ist eine abenteuerliche Story. Im Grunde ein Drehbuch für einen Hollywood-Kassenschlager. Es ist die Geschichte eines Mannes, der mit einer Software in den Club der Superreichen aufsteigt, ein Leben im absoluten Luxus führt, der aber wegen der Finanzkrise den Grossteil seines Vermögens verliert, im Rentenalter nochmals neu starten will, aber auf die schiefe Bahn gerät.

Neues Leben in Belize

Mit den wenigen Millionen, die McAfee nach der Finanzkrise bleiben, versucht er, im zentralamerikanischen Kleinstaat Belize ein neues Leben zu beginnen. Er baut verschiedene Anwesen, eines gar mitten im Dschungel. Er versucht, wirtschaftlich wieder Tritt zu fassen, gründet eine Zigarrenmanufaktur, startet einen Kaffeevertrieb und investiert in ein Taxibusiness. Er baut sogar ein Labor auf, um an einer neuen Methode zur Herstellung von Antibiotika zu forschen. Das Projekt ist vielversprechend. In der internationalen Presse zeigt er sich überzeugt, Antibiotika herzustellen, die die Welt verändern würden.

Doch die Erfolge bleiben aus. McAfee lässt weiter forschen und zieht sich in den Urwald zurück. Das richtige Leben sei im Dschungel. Es beginnt eine schrille Zeit. Wie «Wired»-Journalist Davis schreibt, soll McAfee seine Tage in der Stadt Orange Walk Town verbracht haben. Fast ein Jahr lang verbringt der Millionär am «schlimmsten Ort der Welt», wo Ganoven, Prostituierte und die Armut das Strassenbild prägen. McAfee stürzt sich auf Drogen, zahlt für Sex mit jungen Frauen und lässt sich gehen.

Überhaupt kann Davis aufzeigen, wie sich Drogen wie ein roter Faden durch das Leben von McAfee ziehen. Als junger Ingenieur in den 80er-Jahren ist McAfee bereits süchtig nach Kokain, experimentiert mit verschiedenen Halluzinogene und kommt auch gelegentlich mit dem Gesetzt in Konflikt.

Minderjährige Freundin mit Ansprüchen

2011 fängt sich McAfee. Er kehrt auf sein Anwesen auf der Insel Ambergris Caye zurück, im Schlepptau eine 17-jährige Frau. Er beendet die Beziehung mit seiner langjährigen Freundin und verkracht sich mit seinen Geschäftspartnern. Und die Probleme beginnen erst. Im Schlaf will ihn seine neue junge Liebe erschiessen. Er baut ihr darauf im 1200-Seelen-Dorf Carmelita ein Haus und muss bald feststellen, dass der Ort ein wichtiger Drogenumschlagplatz ist. Das Dorf gilt als Tor zu Mexiko, wo die Drogen aus Südamerika nach Mittelamerika gelangen. «Ich realisierte, dass zwei Meilen entfernt das korrupteste Dorf der Welt liegt», zitiert Davis den erzählenden McAfee.

Kommt hinzu, dass seine Freundin ihn mit schwer erfüllbaren Wünschen unter Druck setzt. Sie will, dass er alle Männer tötet, die sie in der Vergangenheit schlecht behandelten. Aus Angst, seiner Freundin könne etwas zustossen, weil Banden die Region kontrollieren, rüstet McAfee die örtliche Polizei mit Waffen aus. Sie wird schliesslich zu McAfees privater Armee. Er versucht, die Probleme der Region zu lösen, und wird bald als John Wayne bezeichnet.

Er unterstützt Schulen, Behörden und die Polizei finanziell, was der Regierung nicht verborgen bleibt. Auch die Drogenbanden registrieren McAfees Gebaren. Davis beschreibt einen Mann, der mit Schrotflinte bewaffnet in seinem Pick-up durchs Land fährt und sich als Lokalpatron aufspielt. Aus Angst, es könne ihm was zustossen, rüstet McAfee sich für einen Kleinkrieg. 10 Bodyguards soll er beschäftigt haben. McAfees Aktivitäten führen schliesslich dazu, dass die Behörden Touristen warnen müssen.

Auftragskiller und ein Kopfgeld

Geschäftlich läuft es nicht. Seiner Geschäftspartnerin im Antibiotikaprojekt wird es zu viel. Es kommt zum Zerwürfnis, sie flüchtet. Dramatisch wird McAfees Geschichte an dem Punkt, als noch ein Auftragskiller auftaucht. McAfee sitzt plötzlich mit Gangstern am Tisch, macht ein Gegenangebot und setzt ein Kopfgeld von 560'000 Dollar auf den Auftragskiller aus, sollte er getötet werden.

Die Geschichte spricht sich herum, und der Sicherheitsminister wird aktiv. Weil McAfee mit Gangstern verhandelt, die eigentlich in Drogengeschäften mittun, wird er verdächtigt, ebenfalls mit Drogen zu handeln. McAfee gilt plötzlich als Mitglied der Unterwelt. Schliesslich kommt es zum Schlüsselerlebnis im April (Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete), als eine Eliteeinheit der Polizei sein Anwesen stürmt und Waffen und ein Chemielager findet. Ausserdem liegt eine minderjährige Frau in seinem Bett.

Der Rest ist bekannt. Anfang November wird McAfees Nachbar erschossen, und seither ist der verrückte Rentner auf der Flucht. Inzwischen meldet sich McAfee nicht mehr beim «Wired»-Reporter Davis, wie er das noch vor Tagen tat. Er greift selbst in die Tasten und schreibt den Blog The Hinterland. In seinem Tagebuch bezieht der Gesuchte Stellung zu den Vorfällen und erklärt seine Sicht der Dinge. Er stellt die Motive der Polizei infrage, sieht sich zu Unrecht verfolgt und verspricht denjenigen eine Prämie von 25'000 Dollar, die die wahren Mörder finden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.11.2012, 15:27 Uhr

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