Analyse

Die Masse am Drücker

Der Siegeszug der Camera-Phones definiert nicht nur die Art und Weise, wie wir fotografieren, völlig neu. Er bedroht vielmehr die Kamera-Industrie in ihrer Existenz.

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Das Fotografieren ist uns heute so geläufig wie das Sehen selbst. Und welche Massen von Bildern die Amateurfotografie, vom französischen Soziologen Pierre Bourdieu einst die «illegitime Kunst» genannt, produziert, dokumentiert mit erschlagender Evidenz das Internet, das bildmächtigste Medium, welches der Mensch erschaffen hat. Allein auf die Fotoplattform Flickr werden täglich 3,5 Millionen Amateurfotos hochgeladen, in einem Jahr also über eine Milliarde. Und Facebook vermeldete unlängst ein Gesamtinventar von 230 Milliarden Fotografien.

Das sind monströse Zahlen. Dermassen gross, dass man sich mitunter fragt, ob das Fotografieren das Sehen nicht schon abgelöst hat. Erkannte Bourdieu Mitte der 60er-Jahre in der Amateurfotografie noch ein Mittel zur «Weltabbildung» (Reisefotos, Familienbilder, Landschaftsaufnahmen), so zeigen die digitalen Bilder in den global-sozialen Netzwerken immer und immer wieder eines: den Fotografen selbst. Es sind Selfies, Selbstporträts, aufgenommen mit einer auf Armeslänge gehaltenen Kamera oder in einem Spiegel. Diese neue soziale Gebrauchsweise der Fotografie dokumentiert eine Abkehr von der Welt, sie hat letztlich weniger mit Sehen als mit Selbstbespiegelung zu tun.

Die andere Ironie der Geschichte von der Digitalisierung der Fotografie besteht darin, dass all die mit Kameras ausgerüsteten Smartphones die Fotoindustrie in ihrer Existenz bedrohen. Wer braucht noch eine Kamera, wenn jedes Mobiltelefon Bilder schiesst? Wer kauft noch einen richtigen Fotoapparat, wenn er mit dem wasserdichten Telefon gar unter Wasser knipsen kann?

An den Rand gedrängt

Die Lage der Industrie ist ernst. 2013 brach der Absatz von Kameras weltweit um 18 Prozent ein, bei den günstigen Kompaktkameras gar um 24 Prozent. «Es ist damit zu rechnen, dass längerfristig nur Canon, Nikon, Sony und Samsung im Kamerageschäft verbleiben und andere wie Leica und Fujifilm allenfalls in Nischen überleben werden», sagt der Fachjournalist Markus Zitt, Redaktor bei der Website fotointern.ch.

Sogar die Königsklasse mit den digitalen Spiegelreflexkameras gerät in Bedrängnis, ihre Umsätze sind weltweit rückläufig. «Spiegelreflexapparate werden sich zu einem Nischenprodukt entwickeln», sagt Foto-Experte Zitt, «zu einem Angebot für Liebhaber und Profis. An ihre Stelle treten die spiegellosen kompakten Systemkameras.»

Die zu Bildermaschinen mutierten Smartphones sind Spiegelreflexkameras sogar in mancher Hinsicht überlegen. Diese sind zumeist schwer und sperrig und dadurch für Schnappschüsse zu unhandlich. Smartphones hingegen sind wie geschaffen für Knipsaufnahmen und Spiegel-Selfies. Und vor allem garantieren sie die Vernetztheit mit dem globalen Bilderbuch, dem Internet. So schnell wie geknipst sind die Bilder über Facebook, Whatsapp oder via MMS geteilt. Mit der Verbreitung des mobilen Internets und dem Siegeszug der Smartphones gewinnt die Fotografie eine neue Funktion: Sie ist Medium der Alltagskommunikation.

Mehrwert wird zum Muss

Angesichts dieses Umbruchs sind die Ingenieure der traditionellen Kameramarken gut beraten, sich etwas einfallen zu lassen. Jetzt schon lässt sich erkennen, auf welche Trends die Industrie 2014 setzt. Die eine Strategie zielt auf eine immer üppigere Ausstattung der Kameras. Bereits rund ein Drittel der aktuellen Modelle ist mit einer WiFi-Schnittstelle ausgerüstet. Sie verbindet unterwegs die Kamera mit dem Smartphone und damit mit dem Web, dem Kosmos der Social Photography.

Zu den neuen Funktionen gehören auch Apps, die das Betriebssystem der Digitalgeräte ergänzen und beispielsweise Bildeffekte oder Bildbearbeitungsprozesse erlauben, wie sie vom iPhone oder anderen Smartphones bekannt sind. Diese Annäherung an die Funktionalität von Smartphones geht so weit, dass Samsung als erster Hersteller 2011 ein Modell mit dem Mobil-Betriebssystem Android ausstattete und an der soeben zu Ende gegangenen Consumer Electronics Show in Las Vegas bereits die dritte Android-Kamera vorstellte. Die zweite Strategie zielt in die andere Richtung, auf die Hardware der Apparate. Im mittleren und oberen Preissegment werden immer grössere Bildsensoren und immer bessere Objektive verbaut; sie zeichnen sich durch einen grossen Zoombereich oder hohe Lichtstärke aus. Diese garantiert einen Qualitätsvorsprung gegenüber den Mobiltelefon-Kameras.

Exemplarisch steht für diesen Trend die Sony Alpha A7 (24 Megapixel, rund 1500 Franken), auf den Markt gebracht Ende 2013. In der Systemkamera mit Wechseloptik steckt ein Vollformatsensor, wie er sonst nur in teuren Spiegelreflexmodellen verbaut wird. In der Variante Alpha A7R (rund 2200 Franken) wird dem Fotografen gar eine Auflösung von 36 Megapixeln offeriert – eine so extreme Kombination aus kleinem Gehäuse und grossem Sensor ist neu. Dementsprechend euphorisch reagierte die Fachpresse, von einem «Meilenstein der Fototechnologie» war die Rede, und «für die Konkurrenten von Sony dürfte die Präsentation der Alpha A7 und A7R ein Schock gewesen sein», wie es fotointern.ch-Redaktor Zitt formuliert.

Tatsächlich fühlt sich dieses Zukunftsversprechen für die Kameraindustrie gut an. Mit dem leichtesten Objektiv wiegt die Sony A7 knapp 600 Gramm, weniger als das nackte Gehäuse vergleichbarer Apparate. Die A7 ist kompakt genug, um sie auch längere Zeit in der Hand zu halten und spontan zu fotografieren – mit den grösseren Spiegel­reflexkameras geht das nicht.

Labortests der Fachzeitschriften attestieren der Alpha 7 eine überragende Bildqualität; sie wird sogar verglichen mir derjenigen der rund viermal teureren Leica M 240. Und tatsächlich bestätigt sich im Alltagstest eine hervorragende Abbildungsleistung.

Das Beste beider Welten

Die A7 verfügt über einen hochauflösenden elektronischen Sucher, einen der besten auf dem Markt. Puristen allerdings werden eine Hybridlösung mit zusätzlichem optischem Sucher vermissen, wie sie etwa die Fujifilm X100S anbietet. Der kompakten Bauweise fiel ein integrierter Blitz zum Opfer, allerdings ermöglicht der ausgezeichnete Bildsensor auch bei schlechter Beleuchtung vorzügliche Aufnahmen. Selbstverständlich ist auch die Sony A7 mit einer WiFi-Schnittstelle ausgerüstet, sie kann mit dem Smartphone gekoppelt werden – zum direkten Hochladen von Bildern ins Netz.

Kompakt, leicht, vernetzt, spiegellos, aber trotzdem mit brillanter Bildqualität – ist dies das Zukunftskonzept für die angeschlagenen Kamerabauer? Wir werden sehen. Zum Jahresende jedenfalls musste die Fotoindustrie wiederum schlechte Nachrichten melden: Die Bestellungen von Printabzügen aus Farblabors gingen auch 2013 teils massiv zurück – obwohl die Menschheit heute, im offiziell 175. Jahr der Geschichte der Fotografie, immer mehr und mehr Bilder produziert. Doch diese werden geshart, gepostet, vertwittert und via SMS verschickt, finden aber immer seltener den Weg aufs Papier.

Erstellt: 13.01.2014, 07:46 Uhr

Das Smartphone, die mächtigste Bildermaschine in Menschenhand: US-Präsident Obama, Anhänger. (Bild: Reuters Yuri Gripas )

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