Hintergrund

Jobs, die es bisher nicht gab

Wem sagt schon Seeding-Spezialist oder Word-of-mouth-Manager etwas. Aber genau das sind sie, die Berufe der Zukunft. Und weil die Schweiz hier noch hinterherhinkt, kommt der Nachwuchs aus Deutschland.

Digitale Socializer: Ramona Leis, Moritz Capelle und Kate Schmitt (v.l.n.r).

Digitale Socializer: Ramona Leis, Moritz Capelle und Kate Schmitt (v.l.n.r).

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Es gibt sie also doch: Jobs, bei denen man ununterbrochen auf Facebook surfen, Status-Updates verfassen und Freundschaften pflegen darf. Ramona Leis, Kate Schmitt und Moritz Capelle sind Vertreter einer solchen Berufsgruppe.

Die drei sind Social-Media-Profis. Sie kommen alle drei aus Deutschland und arbeiten erst seit wenigen Wochen in der Schweiz. Obwohl mehr als 300 Millionen Menschen täglich Facebook nutzen und die Handhabung im Prinzip kinderleicht ist, beherrschen die drei ein Handwerk, das im Moment nur sehr wenige können.

Im Unterschied zu den normalen Usern wissen Leis, Schmitt und Capelle, wie Communitys tatsächlich funktionieren, wie man Menschen auf Plattformen wie Facebook beeinflusst und damit letztlich Geld verdient. Ihr Arbeitgeber, eine deutsche Werbeagentur mit dem Namen Webguerillas, wittert in der Schweiz das grosse Geschäft. Dass der Social-Media-Sektor boomt, zeigt das schnelle Wachstum der Agentur. Die erst kürzlich eröffnete Filiale in Zürich zählt bald 20 Mitarbeiter. Das Kundenportfolio ist erstklassig: So setzen Schweizer Traditionsmarken wie Migros, Mammut oder Ricola auf die kreative Power der Webguerillas.

Die Nachfrage nach Spezialisten ist extrem hoch, denn obwohl die meisten Unternehmen in der Theorie eine Strategie haben, haperts in der Praxis. Die neuen Kommunikationskanäle sind äusserst komplex, technisch wie sozial. Während eine Facebook-Seite anzulegen noch einfach ist, wirds bei intelligenten Apps oder Onlinegames schon komplizierter.

Leis, Schmitt und Capelle sind Spezialisten, wenn es darum geht, mehr als nur lustige Status-Updates zu veröffentlichen oder Links zu setzen. Die drei sind Experten in Viral Marketing, Seeding, Word-of-Mouth oder Channel Planning. Die Welt von Social Media ist geprägt von vielen solchen Anglizismen. Jeder Bereich steht für eine eigene Disziplin, die in der Sache ihre eigenen Mechanismen hat und nicht an Kursen oder Schulen erlernt werden kann. Und so hat die Berufsgruppe dieser Social-Media-Profis im Moment Hochkonjunktur. Tagesanzeiger.ch/Newsnet stellt ein paar dieser neuen Jobs vor:

Social Media Manager

Das Profil des Social Media Managers ist im Grunde nicht eng definiert. Er steht aber für Facebook-Junkies mit dem Hang zu schreiben. Social Media Manager betreuen Netzwerke, Fan-Seiten oder Blogs. Sie sind im Moment gefragt wie nie, denn Unternehmen setzen stärker auf den direkten Dialog mit ihren Kunden. «Man muss Geschichten erzählen können», meint Kate Schmitt, die seit mehr als neun Jahren in dieser Funktion arbeitet. Eine authentische Idee, Offenheit und Mut zeichnen eine gute Geschichte aus, die in Social Media Beachtung findet, meint Schmitt. Der Job als Social Media Manager erfordert die Bereitschaft, rund um die Uhr auf allen Kanälen präsent zu sein. Wer aber denkt, man sei ununterbrochen auf Facebook, der irrt. Wer in diesem Business tätig ist, muss sich auch mit regulatorischen und rechtlichen Fragen, Buchungen, Zahlen und einer Menge Statistiken auseinandersetzen. «Und viel lesen», meint Schmitt.

Der Social Media Editor

Immer öfters rekrutieren Werbe- und Digitalagenturen den sogenannten Social Media Editor. Er ist ein Allrounder, der sich beim Umgang mit alternativen Werbeformen wohlfühlt. Gefragt ist eine gewisse Leidenschaft für neue Technologien, eine kreative Denkweise und die Fähigkeit, Nutzer zu überraschen. Eine gute Grundlage sind Studiengänge im Bereich Kommunikation.

Der Word-of-Mouth-Manager

«Word of mouth» heisst Mundpropaganda. Dieser Typ Manager heisst jedoch nur auf der Businesskarte so. Umgangssprachlich nennen sie sich Wom-Spezialisten oder Empfehlungsmarketer. Sie betreuen Kampagnen, die auf Empfehlungen von Bekannten und Freunden aufbauen. Es sind Spielmacher, die sich zwischen Masse und Opinionleader bewegen. Sie haben das Wissen, Leute subtil zu beeinflussen, weil sie jeden Trick der Meinungsforschung kennen. Es sind zudem Trendbewusste mit dem Gespür für «the next big thing». Ramona Leis sagt: «Kenntnisse, wie man Spannung erzeugt, und ein Flair für Netzwerke sind extrem wichtig.»

Viral Marekting Manager

Arbeitet nicht für die Grippe-Industrie, sondern ist Spezialist, wenn es um die epidemische Verbreitung von Informationen und Botschaften über soziale Netzwerke geht. Virales Marketing macht sich dabei alle Techniken und Vorgehensweisen zunutze, die Personen dazu bewegen, Produkte und Dienstleistungen eines Unternehmens an andere weiterzuempfehlen. Wobei die Werbebotschaft nicht immer ersichtlich, also getarnt ist. Dieser Managertyp muss kreativ sein. Er denkt sich witzige Botschaften aus, die User dann im Freundeskreis weiterleiten. Der Beruf eignet sich für Kreative, die strategisch denken und handeln können.

Creative Technologist

«Wichtig ist das Gefühl für Trends», sagt Moritz Capelle. Neben einer hohen Online-Affinität sind aber auch Berater- und Grafikerfähigkeiten gefragt. Der Creative Technologist unterstützt Kreativteams in der Konzeption technologisch anspruchsvoller Lösungen. Solide Programmierkenntnisse und hohes Trendbewusstsein im Interactive-Bereich sind obligatorisch.

Corporate Blogger

Eine Berufsgruppe, die sich auf das Verfassen von Blog-Beiträgen für Unternehmen spezialisiert hat. Blogs kennen einen eigenen Stil, leben von Diskussionen und sind in der Blogosphäre gut vernetzt. Das Führen eines eigenen Blogs ist daher Pflicht. Eine gezielte Ausbildung gibt es nicht. Ein sicherer Schreibstil ist absolutes Muss. Und viel Übung. Die Nachfrage nach Corporate Bloggers ist sehr hoch.

Seeding-Spezialist

Er platziert Werbebotschaften im Internet. Um Streuverluste zu vermeiden, analysiert der Seeding-Spezialist Plattformen wie Youtube, Facebook und Foren. Fundierte Social-Media-Kenntnisse sind absolute Pflicht. Ein Netzwerk von Bloggern ebenso. Wie bei den meisten Berufsbildern gibt es aktuell keine klassische Ausbildung.

Channel Planner

Der Channel Planner kennt die Onlinekanäle aus dem Effeff und sorgt dafür, dass Botschaften und Werbe-Massnahmen dort geschaltet werden, wo sich die Zielgruppe aufhält. Tracking- und Statistiktools gehören zum Werkzeug von Channel Plannern. Es sind visionäre Geister, oft mit einem Hang zu Google-Begeisterung. Der Channel Planner sollte ein ausgeprägtes Interesse an Social Media und eine hohe Affinität zur Werbung haben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.11.2011, 11:48 Uhr

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