Wie Satya Nadella Microsoft auf die Überholspur brachte

Microsoft fordert Apple als wertvollstes Unternehmen der Welt heraus. Hinter dem Erfolg stehen der neue Chef und die Lehren aus den früheren Skandalen.

Er tritt bescheiden auf – und hat aus vergangenen Fehlern gelernt: Microsoft-Chef Satya Nadella.

Er tritt bescheiden auf – und hat aus vergangenen Fehlern gelernt: Microsoft-Chef Satya Nadella. Bild: Reuters

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Amazon weckt mit den unersättlichen Expansionsplänen Ängste. Facebook und Google wecken mit ihren Datenmissbräuchen grossen Argwohn, und das Kerngeschäft von Apple mit dem iPhone stösst an Grenzen. Doch da ist Microsoft. Der Software-Konzern hat unter der Führung von Satya Nadella einen bemerkenswerten Kurswechsel vollzogen und ist zu so etwas wie dem moralischen Gewissen der Tech-Industrie geworden. Microsoft konnte die Kontroversen und Führungsschwächen der anderen weitgehend vermeiden, was die Anleger mit einer starken Aufwertung belohnt haben.

Zum ersten Mal seit dem 3. November 2003 ist Microsoft drauf und dran, wieder die Spitze an der Börse übernehmen und das seit 2011 führende Apple abzulösen. Microsoft überholte Apple diese Woche bereits für einige Stunden als höchst bewertetes Unternehmen, bevor die beiden Konzerne nun bei rund 850 Milliarden Dollar auf Haaresbreite zusammengerückt sind. Das hat zunächst mit der deutlichen Abwertung von Apple zu tun, nachdem mehrere Zulieferfirmen vor tieferen Bestellungen für Bestandteile des iPhone gewarnt haben und der Konzern in Japan sogar teurere iPhone-Modelle subventionieren musste.

Gerade weil Nadella den Anschluss an die Social-Media-Plattformen nicht suchte und aus dem Geschäft mit den Smartphones verdrängt wurde, konnte er Microsoft aus den Datenskandalen heraushalten.

Noch vor einem Monat war Apple 250 Milliarden Dollar mehr wert als Microsoft. Doch anders als alle anderen Tech-Riesen erwies sich der Software-Konzern in den jüngsten Börsenturbulenzen als sicherer Hort für die Anleger. Er verlor nur etwa zehn Prozent, bevor er diese Woche die Einbusse fast ganz wettmachte. Diese Stabilität ist mit den letzten Quartalszahlen zu erklären. Sie bestätigten, dass Satya Nadella die Neuausrichtung des Konzerns vollauf gelungen war. Die Umsätze und Gewinne mit dem Geschäft der Datenspeicherung und -aufbereitung in der Internet-Cloud übertrafen selbst die optimistischen Prognosen der Analysten. Microsoft hat sich neben Amazon definitiv als führender Anbieter dieser lukrativen Dienstleistungen etabliert.

Ballmer war der Polterer, Nadella tritt bescheiden auf

Damit ist Microsoft Apple um einen grossen Schritt voraus. Noch immer erwirtschaftet Apple zwei Drittel des Gewinns mit dem iPhone, und ist darüber hinaus vom chinesischen Markt abhängig, der aber von den Trump’schen Rachegelüsten bedroht ist. Diesen Fokus auf ein Produkt sehen Anleger und Analysten zunehmend als Risiko. «Microsoft hat den Wechsel zum Dienstleistungsgeschäft bereits geschafft», sagt Vermögensverwalter James Armstrong, der fast 15 Prozent der verwalteten Mittel in Microsoft investiert hat. Wie schnell Apple diesen nötigen Kurswechsel abschliessen könne, sei aber völlig offen.

Satya Nadella erklärt die Bedeutung des Cloud-Geschäfts für den Konzern. Video: Youtube/CNBC

Bemerkenswert am Comeback von Microsoft ist, dass es jenem Unternehmenschef zu verdanken ist, der von allen Topshots der Branche am wenigsten auffällt. Der 51-jährige, im indischen Hyderabad gross gewordene Nadella löste 2014 Steve Ballmer ab; in jeder Hinsicht das exakte Gegenteil von ihm. Ballmer war der Polterer und der Bulle, der mit seinem konfrontativen Stil aneckte und das Image des Konzerns belastete. Nadella tritt bescheiden auf, spricht leise und überlegt. Er sprich auch über seine persönlichen Sorgen. Sein Sohn wurde mit zerebralen Bewegungsstörungen geboren; und dieses Gebrechen machte ihn nachdenklich. «Satya ist eine einzigartige, eine fürsorgliche Person», sagt Tim O’Reilly, ein führender Tech-Publizist und Konferenzorganisator im Silicon Valley. «Er hat begriffen, dass Microsoft auch den Kunden helfen muss, Erfolg zu haben.» Microsoft-Präsident Brad Smith fügt an, dass Nadella durch die bitter-bösen Erfahrungen aus den langjährigen Prozessen gegen das Windows-Monopol geprägt wurde. «Die Erfahrungen war tief verstörend. Sie habe Microsoft zu einem besseren, verantwortungsbewussteren Unternehmen gemacht».

Ein Beispiel: Als Facebook die Datenmissbräuche kleinzureden versuchte, zog Microsoft die US-Regierung vor Gericht, um deren Zugriff auf die Kundendaten ausserhalb der USA zu stoppen. Dieses Jahr lancierte Nadella ein Forschungsprogramm von 25 Millionen Dollar, um die künstliche Intelligenz für die Arbeit mit Behinderten zu fördern. Anders als Tim Cook rüffelt er die Facebook- und Google-Führung nie direkt. Seine Kritik ist indirekt, aber ebenso deutlich mit Verweisen auf George Orwell (1984) und Aldous Huxley (Brave New World).

Die Ironie ist offensichtlich. Gerade weil Nadella den Anschluss an die Social-Media-Plattformen nicht suchte und aus dem Geschäft mit den Smartphones verdrängt wurde, konnte er Microsoft aus den Datenskandalen heraushalten. Er konnte den Konzern als verlässlichen Software- und Cloud-Anbieter neu aufstellen und zu so etwas wie dem moralischen Gewissen der Industrie werden, ohne sich sonderlich anstrengen zu müssen. Die Fehltritte der anderen hat Microsoft bereits hinter sich.


Im Video: Das kann Office 2019

Erstellt: 30.11.2018, 21:14 Uhr

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