Die Musik wird automatisiert

Programme komponieren zwar noch keine Nummer-1-Hits, doch Musik aus dem Computer ist längst Realität.

The Beatles werden dieser Tage vom Computer wiederbelebt. Ob es für Gold reicht, ist allerdings fraglich.

The Beatles werden dieser Tage vom Computer wiederbelebt. Ob es für Gold reicht, ist allerdings fraglich. Bild: Enrique Marcarian/Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wann wird der erste Song in der Hitparade auftauchen, der von einem Computer geschrieben wurde? Wohl nicht so bald, prognostizierte Ed Newton-Rex vor ein paar Tagen im «Guardian». Der Mann ist Chef des Londoner Start-ups Jukedeck.com. Dieses entwickelt Algorithmen, die ihrerseits Musik erschaffen.

Dass deren Werke zum Chartstürmer werden, ist aber gar nicht das Ziel. Die Software erschafft das, was man Gebrauchsmusik nennen könnte: Tracks, die bei Youtube-Videos im Hintergrund laufen, eine Firmenpräsentation untermalen oder als Untermalung in einem Videospiel dienen.

Per Knopfdruck ein Höhepunkt

Wie das funktioniert, kann man bei Jukedeck.com nach dem Anlegen eines kostenlosen Kontos selbst ausprobieren. Die Software benötigt drei Haupt-Parameter, nämlich Genre, Stimmung und Tempo. Ob schnelle, melancholische Klaviermusik, wütender Rock mit 120 bpm oder Synthie-Pop mit einer Tropical-Note – die Software liefert prompt und nimmt als Verfeinerung auch Vorgaben zur Instrumentierung entgegen.

Die Länge ist auf die Sekunde genau einstellbar. Der Song lässt sich somit exakt an das Video anpassen, für das er gedacht ist. Nicht nur das: Die Option «Climax» positioniert wiederum sekundengenau einen Höhepunkt im Stück, der zum Beispiel als dramatischer Akkord ausgeführt wird. Ein Videoproduzent kann jene Stelle in seinem Clip akustisch akzentuieren, die der Betrachter besonders würdigen soll. Das ist das Prinzip der Filmmusik, aber zum Schnäppchenpreis. Die Jukedeck-Stücke sind, je nach Lizenzart, für 99 Cent oder 22 US-Dollar zu erwerben.

Umfrage

Werden Computer und Software dereinst Hits liefern?




Andere sind durchaus dabei, das Hitparadenpotenzial der künstlich generierten Musik auszuloten. Letztes Jahr hat Reuters über die Experimente des Sony Computer Science Laboratory in Paris geschrieben: Dort entwickeln Wissenschaftler ein System, das existierende Aufnahmen zur Kreation neuer Songs in der gleichen Machart heranzieht. Der Algorithmus analysiert statistisch Rhythmus, Melodie und Harmonien und baut aus diesen Erkenntnissen neue Stücke.

Die Beatles wiederbelebt

Aus 45 Beatles-Songs ist so das Stück «Daddy’s Car» entstanden, das man auf Youtube anhören kann. Das Projekt heisst «Flow Machines», und auf der dazugehörenden Website (flow-machines.com) bekommt man auch Choräle im Stil von Johann Sebastian Bach zu hören.

Die Stücke sind keine rein maschinellen Produkte. Bei «Daddy’s Car» stammen die Melodie und die Akkorde von der Software. Der französische Komponist Benoît Carré hat den Song arrangiert, produziert und die Texte geschrieben. Er erinnere zwar an die «Fab Four», sei aber weder originell noch bahnbrechend, urteilt der Autor des New Yorker Kulturmagazins «Complex».

«Flow Machines» ist bis dato kein Ersatz für menschliche Komponisten, sondern ein spannendes Hilfsmittel für experimentierfreudige Musiker. Mit den 13'000 Songs in der Datenbank lassen sich Stile und Interpreten kombinieren und als Bausteine für die Popmusik der nächsten Generation verwenden: Mixen, remixen und sampeln war gestern – heute findet der musikalische Rückbezug mithilfe der künstlichen Intelligenz statt.

Nebenbei: Der langjährige Chef des Pariser Sony Computer Science Laboratory arbeitet seit kurzem für Spotify – was bereits zur Befürchtung Anlass gab, der Streamingdienst wolle sich durch ein Repertoire von «künstlicher» Musik künftig die Tantiemenzahlungen an die Künstler sparen. Spotify hat dem in einem Statement gegenüber crackmagazine.net vehement widersprochen.

Eine Milliarde Songs

Wie Musik klingt, wenn kein Mensch eingreift, lässt sich auf Melomics.com anhören. Hier erzeugen die Algorithmen die Musik komplett autonom – und sie sind enorm produktiv. Mehr als eine Milliarde Songs haben sie erzeugt, nach einem Prinzip, das an der Universität Málaga entwickelt wurde. Es sei an die biologische Evolution angelegt, beschreiben es die Forscher. Durch die Beurteilung von professionellen Komponisten soll sich eine Art «natürliche Auslese» ergeben, bei der sich zunehmend komplexe, anspruchsvolle Werke herausbilden.

Die @life-App von Melomics (für Android, demnächst auch fürs iPhone) erzeugt eine adaptive Musikkulisse, die sich den Tätigkeiten anpasst: Der Nutzer wählt ein Szenario, und die App passt die Musik entsprechend an: Beim Autofahren beispielsweise wirken sich Geschwindigkeit und Fahrweise auf die Musik aus. Im dichten Verkehr wird der Sound entspannend. Bei einer monotonen Fahrt über die Autobahn werden die Klänge belebend.

Wohin diese Reise führt, ist absehbar: Statt statischer Wiedergabelisten werden uns die Streamingdienste bald den Soundtrack spielen, der unser Leben perfekt untermalt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.08.2017, 16:48 Uhr

Artikel zum Thema

Vernetzen bis zur totalen Erschöpfung

Das Internet der Dinge breitet sich aus. 2017 wird sich zeigen, ob die smarten Geräte das Leben erleichtern oder vor allem ein Risiko sind. Mehr...

Wie Sie trotz Geosperren jedes Video sehen

Video Auch im Netz gibt es Landesgrenzen – die lästige Meldung «Dieses Video ist in Ihrem Land nicht verfügbar» kennen Sie sicher. Wir zeigen, wie Sie sie umgehen. Mehr...

Ein Lautsprecher, der schwebt

Bei dieser Musikanlage hebt der Hochtöner ab. Doch lohnt sich dieses Gimmick wirklich? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Kurz, bündig, übersichtlich

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Schmucke Brille: Ein Model führt in Mailand die neusten Kreationen von Dolce und Gabbana vor. (24. September 2017)
(Bild: Antonio Calanni/AP) Mehr...