Interview

«Alles andere als ein Volltreffer»

Am 29. Februar erscheint die öffentliche Windows-8-Testversion, im Sommer lanciert Apple sein neues Betriebssystem Mountain Lion. Wer hat im Kampf der Systeme die besseren Karten?

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Markus Grimm, Apple hat kurz vor der Lancierung der öffentlichen Windows-8-Betaversion sein neues OS angekündigt – ein Indiz dafür, dass der iPhone-Hersteller sich von Microsoft unter Druck gesetzt fühlt?
Die Ankündigung von Mountain Lion zu diesem Zeitpunkt ist ganz klar eine Reaktion auf Windows 8. Doch Apple steht weniger unter Druck, sondern wittert eine Chance: Microsoft landet mit Windows 8 voraussichtlich alles andere als einen Volltreffer – gerade im Desktop-Bereich. Nutzer, die mit dem neuen Windows nicht warm werden und den Vista-Flop miterlebt haben, greifen möglicherweise schneller zur Apple-Konkurrenz als je zuvor.

Mit dem neuen Mac-OS werden Computer dem iPhone und dem Tabletcomputer iPad immer ähnlicher. Wann verschwinden die Macintosh-Computer?
Nicht in absehbarer Zeit. Auch wenn Tablets den Desktop-PCs fleissig Marktanteile abknöpfen, werden die klassischen Rechner sowohl zu Hause als auch in Firmen weiterhin benötigt. Dass die Produktpalette aber zumindest schnell ausgedünnt werden kann, hat Apple mit dem Fallenlassen des weissen Macbook bewiesen.

Sowohl Apple als auch Microsoft nehmen für ihre neuen Computerbetriebssysteme Anleihen bei ihren Mobilfunkbetriebssystemen. Sehen Sie bei dieser Strategie auch Gefahren?
Gegen eine technische Basis ist grundsätzlich nichts einzuwenden – schliesslich sollen die Mobilgeräte künftig noch mehr Aufgaben des PC übernehmen. Ein einheitlicher Unterbau kann dann dafür sorgen, dass das System nur noch einmal eingerichtet und mit Programmen ausgestattet werden muss. Doch alles steht und fällt mit der Bedienung: Einen 30-Zoll-Bildschirm möchte ich anders steuern als einen 4 Zoll grossen Handy-Screen. Bietet ein Anbieter dabei lediglich einen Kompromiss aus beiden Welten, wird das Betriebssystem weder auf dem Smartphone noch auf dem Desktop-Rechner Erfolg haben.

Kann Mountain Lion Microsoft – respektive Windows – in absehbarer Zeit gefährlich werden?
Apple wird Microsoft auf dem Desktop auch in den nächsten Jahren nicht gefährlich. Denn Windows ist nicht nur ohnehin schon das am weitesten verbreitete System, sondern harmoniert auch mit den meisten Programmen. Das eingeschränkte Software-Angebot und die teureren Preise haben Mac OS diesen Status verwehrt.

Die Frage ist nur, wie lange der Desktop-Markt überhaupt noch eine Rolle spielt.
Richtig. Selbst wenn der klassische PC in den nächsten fünf Jahren nicht ausstirbt, könnte der Tablet-Markt zumindest auf eine ähnliche Grösse – oder darüber hinaus – wachsen. Und Apple hat mit dem iPad eine hervorragende Ausgangslage, um auch dann die Nummer 1 zu sein.

Microsoft versucht, mit Windows 8 nicht nur die PC-Markt-Dominanz auszubauen, sondern mit Macht in den Markt der Tablets vorzustossen. Ist es dafür vielleicht schon zu spät?
Zu spät ist es noch nicht. Denn auch wenn Apple den Tablet-Markt dominiert, hat sich die grosse Masse der Nutzer noch keinen Schiefertafelcomputer zugelegt.

Vielleicht gerade darum, weil Microsoft in diesem Bereich inexistent ist.
Das kann durchaus sein. Die einzigartige Fähigkeit von Windows 8, auch herkömmliche Programme auf dem Tablet ausführen zu können, dürfte nicht wenige Interessenten ansprechen. Allerdings vergrössert Apple das eigene Produkt-Universum weiter und erschwert so den Ausstieg. Wer sich einmal mit iPhone, iPad und kostenpflichtigen Apps eingedeckt hat, investiert das Gleiche nicht von heute auf morgen in die Konkurrenz – selbst wenn diese in einigen Bereichen mehr bietet.

Ein erster Test von Tagesanzeiger.ch/Newsnet zeigt: Bei bestimmten Anwendungen landet man von der neuen Metro-Oberfläche plötzlich in der alten Desktop-Ansicht. Hat Microsoft Angst vor dem eigenen Mut?
Windows 8 soll auf Tablets, Notebooks und dem Desktop-PC zum Einsatz kommen. Damit bisherige Programme wie Photoshop oder Office reibungslos weiterlaufen, ist der herkömmliche Desktop unverzichtbar. Die Umsetzung kann man aber in der Tat kritisieren: Die Grenzen zwischen Metro-Screen und Desktop sind nicht immer klar. Ausserdem gibt es keine Möglichkeit, nur die Metro-Oberfläche oder nur den Desktop zu verwenden. Diese Tatsache dürfte Microsoft viele Umsteiger von Windows 7 kosten.

Und was gefällt Ihnen an Windows 8?
Microsoft betritt den modernen Tablet-Markt als Letzter, setzt aber dennoch auf ein überraschend gewagtes Design. Das funktioniert gerade auf Tablets noch besser als auf Windows Phones und gleicht sich mit allen anderen Geräten ab. Und meines Wissens kann jedes herkömmliche Programm über die Desktop-App ausgeführt werden. So weit die Theorie. Letztgenannte Funktion geht nämlich nur im Zusammenspiel mit Intels x86-Prozessoren, was zumindest für bisherige Tablet-Prototypen laute Lüfter und ein höheres Gewicht zur Folge hat. Die sparsamere ARM-Architektur, die auch im iPad steckt, kann Desktop-Programme hingegen nicht ohne weiteres ausführen. Grösstes Manko jedoch ist, dass auf grossen, nicht touchfähigen Bildschirmen die Kachel-Oberfläche nicht zu gebrauchen ist und sich nur per Umweg abschalten lässt. Was dann von Windows 8 übrig bleibt, ist nicht mehr als ein marginal aufgewertetes Windows 7.

Wenn man Sie so reden hört, bekommt man den Eindruck, dass Microsoft wenig aus dem Windows-Vista-Debakel gelernt hat.
Mit Sicherheit war es keine leichte Entscheidung, einem bewährten Betriebssystem wie Windows 7 so schnell einen Nachfolger zu verpassen. Wo das hinführt, hat Vista eindrucksvoll bewiesen. Doch Microsoft weiss auch, dass der Tablet-Markt dem hauseigenen Steckenpferd Desktop gefährlich wird – und setzt deshalb neue Prioritäten. Eine konkurrenzfähige Plattform muss so schnell wie möglich her, auch wenn sie die Desktop-User nicht zufriedenstellt. Und elementare Nachteile wie zu Vista-Zeiten entstehen dem Windows-8-Käufer nicht: Mit Treiberproblemen ist ebenso wenig zu rechnen wie mit gesteigerten Hardware-Anforderungen.

Wir haben noch gar nicht über den dritten grossen Player im Markt gesprochen. Google könnte Gerüchten zufolge Android 5 lancieren, bevor dies Microsoft mit Windows 8 tut. Das Google-Betriebssystem könnte sogar den Sprung auf den Desktop schaffen. Was trauen Sie dem Suchmaschinenriesen zu?
Android hat sich trotz Apples Vorsprung mit iOS ganz schnell als Nummer 1 im Smartphone-Markt etabliert und wird sich auch langfristig dort halten. Trotzdem krempelt Google das komplette System regelmässig um und verhindert so Stillstand bei Design oder Technik.

Das bedeutet auch, dass die jeweils aktuellste Android-Version lange Zeit nur auf einem Bruchteil der Geräte läuft ...
...und folglich wird Android 5 zwar die ersten Monate als Flaggschiff der Smartphone-Technik gelten, aber erst lange nach dem Start einen nennenswerten Marktanteil erreichen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.02.2012, 10:03 Uhr

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Softwareexperte Markus Grimm ist Redaktor bei «Chip online» und dort für die Schwerpunkte Windows, Browser, Sicherheit und Linux zuständig.

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