Alles wird wolkig

Die digitale Welt kommt ohne Wolke, neudeutsch Cloud genannt, nicht mehr aus. Hinter dem Begriff steckt das Versprechen, dass die Arbeit am Computer billiger, schneller und benutzerfreundlicher wird.

Neues Paradigma in der Informationstechnologie: Lichtinstallation zum sogenannten Cloud-Computing an der Messe in Hannover im März 2009.

Neues Paradigma in der Informationstechnologie: Lichtinstallation zum sogenannten Cloud-Computing an der Messe in Hannover im März 2009. Bild: Keystone

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Wenn irgendwo Wolken aufziehen, ist das selten ein gutes Omen. Ihre Sichtung am Himmel der IT-Industrie hingegen sorgt für Freude. Mehr noch: Alles scheint geradezu zur sogenannten Cloud zu drängen. Nachrichten, in denen sie auftaucht, sind überwiegend gute Nachrichten.

Intel, der weltgrösste Hersteller von Computerchips, hat seinen Umsatz um 25 Prozent gesteigert, eine der treibenden Kräfte hinter dem Wachstum sei die Cloud. Microsoft will in den kommenden Jahren nicht weniger als 90 Prozent der Ausgaben für Forschung und Entwicklung der Cloud widmen. Amazon hat vor kurzem in den USA den Musikdienst Cloud-Drive gestartet, mit dem Nutzer ihre Songs in der Cloud hinterlegen und von überall her mit dem Cloud- Player anhören können. Der weltgrösste PC-Hersteller HP kündigt ebenfalls eine eigene Cloud-Lösung an.2010 hat die Branche mit der Cloud bereits 70 Milliarden Dollar Umsatz gemacht, in drei Jahren sollen das 150 Milliarden sein. Rien ne va plus ohne die Wolke.

Ein neues Paradigma

Wem das alles etwas nebulös vorkommt, darf beruhigt sein. In dieser Wolke verbirgt sich für einmal kein digitaler Hagelsturm, der unser Leben weiter verkompliziert, und schon gar kein Cäsium-137. Der Begriff steht für ein neues Paradigma in der Informationstechnologie.

Im klassischen uns allen vertrauten Fall befinden sich unsere Daten auf unserem Computer, und wir bearbeiten sie mittels Software, die ebenfalls auf unserem PC oder Mac läuft. Beim Cloud-Computing hingegen lagern wir diese Aufgaben ins Internet aus und beziehen sie von dort als Dienste. Wer möchte, kann seine Daten auf sogenannte Webspace, Speicherplatz im Internet, ablegen. Bearbeiten lassen sich diese mit Software, die nicht direkt auf dem eigenen Computer läuft, sondern als Browserapplikation aus dem Netz bezogen wird – aus der Cloud.Wer braucht das überhaupt? Wir alle, und zwar täglich. Es ist wie in der berühmten Werbung aus den 70er-Jahren, in der eine Frau von der Kosmetikerin darauf hingewiesen wird, dass sie ihre Hände gerade in Abwaschmittel badet, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Das Beispiel Facebook

Zu den gängigsten Beispielen von Cloud-Anwendungen, die längst alltäglich sind, zählen etwa Web-Mail-Dienste wie G-Mail oder GMX, aber auch Office-Suite oder Kartendienste von Google. Millionen von Nutzern legen ihre Dokumente auf Diensten wie Dropbox ab und haben so von überall her Zugriff. Die prominenteste Anwendung ist sicherlich Facebook. Auf das soziale Netzwerk greift man ausschliesslich via App oder Webbrowser zu, alle Daten liegen bei Facebook. Im weitesten Sinn wäre auch E-Banking zu nennen – niemand hat sein Bankkonto zu Hause auf dem PC gespeichert.

Der technische Begriff Cloud ist schon relativ alt. Einst beschrieben Telefongesellschaften damit jenen Teil ihrer Infrastruktur, die für den Endanwender unsichtbar bleibt, für den er auch nicht zuständig ist, um den er sich nicht zu kümmern braucht. Seit den 90er-Jahren taucht die Wolke in unzähligen Darstellungen von vernetzten Computern auf und stellt dort ein Netzwerk oder schlicht das Internet dar.Dennoch ist die heutige Cloud nicht einfach mit dem Internet gleichzusetzen, sondern mit dem beschriebenen noch jungen Paradigma, das vor allem in der Geschäftswelt seine Bedeutung hat (siehe Kasten).

Neue Abhängigkeiten

Firmen müssen sich je länger, desto weniger teure, eigene IT-Infrastruktur leisten.Anstelle des eigenen Serverraumes wird – so versprechen es die Anbieter zumindest – einfach alles Nötige (Speicherplatz für Daten, Anwendungen für Office, Personalmanagement, Entwicklung und Testen von Software) von einem externen Datencenter bezogen. Dies geschieht je nach Bedarf. Anstelle grosser Investitionen kann man nun IT-Dienste im sogenannten «Pay as you go»-Verfahren einkaufen, wie das beispielsweise bei IBM heisst. Das senkt die Kosten und stellt sicher, dass alle im Unternehmen mit denselben Daten und Anwendungen arbeiten. Diese sind zudem immer aktuell, und aufwendige Updates auf allen Arbeitsplatzrechnern entfallen. Zu den wichtigsten Anbietern von Cloud-Diensten zählen Amazon, IBM, Microsoft, Salesforce, Cisco oder VM-Ware, je nach Art der Cloud-Dienste gibt es noch weitere.

Mit dem Auslagern der IT entstehen aber auch neue Abhängigkeiten: Vor allem die sichere und ununterbrochene Verfügbarkeit der «IT aus der Steckdose» muss gewährleistet sein. Hat der Cloud-Anbieter einen Ausfall – jüngst etwa fiel Amazons Cloud-Dienst gleich mehrere Tage aus –, hat das für die ihr angeschlossenen Firmen gravierende Folgen. Der Fall zeigt auch, dass die Realität noch nicht ganz den Verkaufsversprechen der Cloud-Anbieter entspricht. Für Privatanwender sind die Abhängigkeiten weniger gross. Die meisten nutzen die Cloud-Dienste als Zusatz- oder Back-up-Lösung zum eigenen PC. Allerdings muss man damit leben, dass die Anbieter theoretisch alle Dokumente einsehen können, die man in ihrer Cloud hinterlegt. Das gilt insbesondere für Google, aber auch für Dropbox und andere. Wem dabei unwohl ist, der sollte seine Dokumente vorab verschlüsseln, wann immer dies möglich ist.

Was plant Apple?

Für Endanwender interessant sind multimediale Anwendungen in der Wolke. Filme oder Musik können von dort aus bezogen werden. Amazon bietet das in den USA bereits an, andere werden bald folgen. In der Folge müssen die Endgeräte nicht mehr länger allesamt ausgewachsene PCs sein. Man kommt auch mit weniger Rechenleistung und Speicher durch. Ein Gerät, dass davon bereits profitiert, ist das iPad.

Dessen Hersteller Apple, in der Regel an vorderster Front aller Trends, hat bisher wenig Aufsehen um die Cloud gemacht. Bekannt ist allerdings, dass Apple in den vergangenen zwei Jahren in North Carolina ein gigantisches, milliardenteures Rechenzentrum aufgebaut hat. Dessen genauer Zweck ist noch geheim – vermutet wird eine Cloud-Version von iTunes – und soll im Lauf des Jahres enthüllt werden. Eines ist aber klar: Das Datacenter wird im Zentrum von Apples Cloud-Strategie stehen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.05.2011, 20:56 Uhr

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