Als die Mac-Welt in der Krise war

Ein Auftritt von 1997 zeigt einen untypischen Apple-Chef – und man kann nachvollziehen, warum er von vielen als grosser Visionär gesehen wird.

Schon damals von Apps gesprochen: Steve Jobs


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Von Steve Jobs gibt es unzählige Videos im Netz. Legendär ist etwa seine Präsentation des Macintosh 1984, des ersten iMacs 1998 oder des iPhones 2007. Doch am eindrücklichsten ist ein relativ unbekanntes Video eines Auftritts aus dem Jahr 1997. Darin sieht man gleichzeitig einen untypischen Jobs und kann nachvollziehen, warum er von vielen als grosser Visionär gesehen wird.

Mac-Welt in der Depression

Die Mac-Welt war damals in einer tiefen Depression versunken. Apple hatte jahrelang alle verwirrt und gegen sich aufgebracht: die Entwickler mit stets neuen Strategien und Technologien, die Kunden mit einem völlig unübersichtlichen und ausufernden Produktpalette, die Investoren mit Rekordverlusten.

Vor diesem Hintergrund tritt ein frisch von Next zu Apple zurück gekehrter Steve Jobs vor die Versammelten Entwickler. Und statt, wie man das von später von ihm kennt, sie zuzutexten und ihnen Produkte schmackhaft zu machen, stellt sich Jobs über eine Stunde lang deren Fragen. So zugänglich und offen hat man ihn später nie mehr öffentlich erlebt.

Jobs: «Fokus entsteht, wenn man Nein sagt»

Es gibt einige Momente in diesem Video, die aus heutiger Sicht tatsächlich visionär wirken. Jobs erklärt zu Beginn, warum er sich von diversen damals aktuellen Produkten und Technologien trennt (Open Doc, Newton, etc.) «Fokus entsteht, wenn man 'Nein' sagt. Das Resultat dieses Fokus werden ein paar Produkte sein, die viel besser sind, als die Summe der bisherigen Projekte.»

An Apples PDA Newton missfällt ihm, dass er nicht drahtlos mit anderen Geräten kommunizieren kann. So lange PDAs nicht mit dem Internet verbunden sind, interessiert ihn so ein «Kritzel-Ding» nicht.

Computer als Kommunikationsgeräte erkannt

Jobs beanstandet, dass Macs in Sachen Computer-Netzwerken der Konkurrenz völlig hinterherhinkt. Er plädiert dafür, dass Apple auf Industrie-Standards setzt (kurze Zeit später setzt Apple u.a. auf USB statt eigene Schnittstellen, ein paar Jahre später wechselt Apple von IBM-Chips auf Intel-Prozessoren). Er sieht Computer fortan vor allem als Kommunikationsgeräte. Und er erzählt, was er sich von Next damals sein Jahren gewohnt ist: Er kann von überall her auf seine Daten zugreifen, von jedem Computer aus - das tönt auffällig nach iCloud, einem Dienst, den Apple nächste Woche, also 14 Jahre später einführt.

«Wir sind nicht darauf angewiesen, dass es Microsoft schlecht geht, um selber erfolgreich zu sein», sagt Jobs später. Sein vielleicht wichtigste Botschaft an die Mac-Gemeinde damals: Hoffnung. Dass Apple Hard- und Software selber macht, sieht er als grössten Vorteil gegenüber der Konkurrenz. «Wir werden neue Dinge fünf bis zehn Jahre vor allen anderen anbieten können.» Witzig nebenbei, dass Jobs schon damals von Software als «Apps» redet.

Des weiteren spricht er sich gegen teure Werbekampagnen aus - lieber hätte er, wenn Journalisten wieder etwas positives über Apple zu berichten hätten.

Faszinierend nicht zuletzt seine Antwort auf einen persönlichen Angriff - Was haben sie denn die letzten sieben Jahre gemacht? - aus dem Publikum: «You can please some of the people some of the time» sagt er, nachdem der bekennende Buddhist sich für einen Moment schweigend sammelt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.10.2011, 20:38 Uhr

Artikel zum Thema

«Wer hat mehr Menschen inspiriert? Der Papst oder Steve?»

Im Netz wird um Steve Jobs getrauert. Der Apple-Visionär ist das dominierende Thema auf Facebook und Twitter. Mehr...

Apple soll weiterwachsen

Steve Jobs hat bei Apple eine Kultur der Innovation installiert. Auch nach seinem Tod wird die von ihm gegründete und zum Weltkonzern aufgebaute Firma weiterwachsen, so die Meinung vieler Analysten. Mehr...

Steve Jobs' legendärste Auftritte

Ob erster Macintosh oder iPhone-Premiere: Der Apple-Mitbegründer sorgte mit seinen Präsentationen immer wieder für Aufsehen. Mehr...

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Fakelträger: Junge Ungaren ziehen in Erinnerung an die Studentenproteste von 1956 durch die Strassen von Budapest. (22. Oktober 2018)
(Bild: Szilard Koszticsak) Mehr...