Am Handy Mondrian, Mangas und Monet perfekt kopieren

Mittels neuronaler Netzwerke imitieren Foto-Apps den Stil diverser Maler. Die Datenschutzregeln sind aber hochverdächtig.

«D Chueh am Waldrand» – so wie die Dreamify-App sie sieht.

«D Chueh am Waldrand» – so wie die Dreamify-App sie sieht. Bild: Matthias Schüssler

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie fluten derzeit das Internet: Selfies oder Ferienfotos, die aussehen, als hätte sie Kandinsky oder Monet persönlich gemalt. Dabei wurden die Schnappschüsse einfach durch den Prisma-Filter gejagt. Es ist nicht die erste Foto-App, die Bilder zu Kunstwerken machen kann – aber die beste.

Denn anders als andere Apps, die Fotos in Gemälde verwandeln können, liefert Prisma das Resultat prompt. Man nimmt ein Foto aus der Handy-Galerie, wählt einen der 40 verfügbaren Stile, etwa Mondrian, Mangas oder Monet – und wenige Sekunden später hat man die Verfremdung auf dem Bildschirm.

Dass man sie direkt versenden oder auf Instagram und Facebook teilen kann, ist ein weiterer Punkt, der zum Prisma-Erfolg beiträgt. Nachdem die russischen Entwickler bereits im Juni die App-Charts im Heimmarkt gestürmt haben, liegt die App nun auch im hiesigen Apple-App-Store auf Platz 3.

Die Kunstimitate geraten verblüffend gut. Anders als bei anderen Apps, die Bilder verschönern können, werden dabei nicht einfach Filter übers Foto gelegt, sondern es kommen neuronale Netzwerke und Algorithmen zum Einsatz, mit welchen man versucht, die menschliche Wahrnehmung zu imitieren.

Dazu wird der Stil eines Kunstwerks extrahiert und dann das Foto entsprechend angepasst. Dabei wird das Resultat mit einem Algorithmus quasi auf der weissen Leinwand neu aufgebaut. Der Prozess braucht enorme Rechenkraft, die das beste Smartphone nicht leisten kann. Deshalb werden die Fotos auf Server des Anbieters geschickt, wo sie von den neuronalen Netzen verarbeitet und wieder zurückgeschickt werden.

Was Prisma macht, ist nicht neu. Schon seit Jahrzehnten wird daran geforscht, mit neuronalen Netzwerken Inhalte zu verarbeiten, und gerade in letzter Zeit wurden darin dank stärkerer Rechenkraft und Cloud Computing grosse Fortschritte erzielt.

Foto-Filter-App von ETH-Forschern aus Lausanne

Einen ersten Hype gab es vor einem Jahr, als Google-Forscher mit Deep Dream ein System entwickelten, das aus Fotos surrealistische Traumbilder produzierte, und den Quellcode ins Netz stellten. In der Folge machten sich etliche Entwickler diese Technologie zu eigen und erstellten eigene Apps (siehe Kasten).

Forscher der ETH Lausanne und Uni Tübingen starteten im April die Onlineplattform Deepart.io. Via Browser kann man dort Bilder hochladen und sein Kunstwerk auch als Poster drucken oder aufziehen lassen. Leider dauert es, wie bei allen Prisma-Alternativen, bis zu mehreren Minuten, bis das Kunstwerk geschaffen ist. Neidisch auf den Erfolg der russischen Kollegen sind die Jungunternehmer indes nicht: «Es zeigt nur, dass der Markt für computergenerierte Kunst wächst», schreibt Mitgründer Lukasz Kidzinski im E-Mail.

Vergangene Woche bekam Prisma in den deutschen Medien als «Privatsphären-Albtraum» (Curved) aber auch gehörig Fett weg. «Bild» wähnte gar den russischen Geheimdienst FSB hinter der von Alexei Moiseenkow entwickelten App. Dieser arbeitete gemäss Venturebeat zuvor beim russischen Internetkonzern mail.ru/my.com, Hauptinvestor von Prisma.

Das Problem ist der Upload der Fotos in die Cloud. In den Datenschutzbestimmungen behält sich Prisma vor, Nutzerdaten mit Drittanbietern für Werbezwecke zu teilen. Auf der Privacy-Seite des Unternehmens steht auch, dass, wer Bilder hochlädt, Urheber und Besitzer bleibt, Nutzungsrechte aber an Prisma abtritt. Die Firma könnte die Kunst-Fakes auch weiterverwerten.

Es gibt bereits eine App für die Bearbeitung von Videos

Mit den Datenschutzbestimmungen und Nutzungsregeln ist Prisma nicht allein. Sie sind fast wortwörtlich auch in den AGB von Instagram und anderen sozialen Netzwerken zu finden. Nur scheint es, dass die russische Herkunft diese App besonders verdächtig macht.

Dass es in jedem Fall problematisch ist, seine Bilder auf Firmenserver hochzuladen, sollte heute allen klar sein. Gegenüber dem Tech-Blog Techcrunch hielt Moiseenkow jedenfalls fest, dass Prisma die Originale nicht behalte: «Wir speichern die Fotos nicht. Wir wissen nicht, wer sie uns geschickt hat, wir kennen das Foto nicht, weil es in einem Format vorliegt, das für uns nicht lesbar ist. Wir speichern das Resultat nur für eine gewisse Zeit, damit wir das Bild nachschicken könnten, falls die Internetverbindung sehr schlecht ist.»

Zurzeit können nur iPhone-Besitzer die bunten Kunstbilder kreieren, eine Android-Version soll unterwegs sein, ebenso eine Variante für Videos. Wie das aussehen könnte, zeigt Deepart.io. Die haben bereits eine solche Web-App für Videos aufgeschaltet. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.07.2016, 16:41 Uhr

Prisma und Alternativen

Apps, die aus Fotos Kunstwerke machen.

Prisma Erstellt prompt aus Fotos Kunstwerke, 38 Filter, Share-Option. Für iPhone, gratis.

MLVCH Alternative für Android und iOS. Beste Qualität, kostenpflichtig. Langsam.

Dreamify basiert auf Deep Dream, (Google), surreale Traumbilder. Gratis, Android, iOS.

Dreamscope basiert auf Deep Dream. Zig Filter, 30 Sekunden fürs Resultat, Gratis, iOS.

Artikel zum Thema

Die aggressive Foto-App von Facebook

Analyse Facebook und Google kämpfen um die Vorherrschaft über Bilder im Netz. Mit Innovationen, die extrem praktisch, aber auch unheimlich gruselig sind. Mehr...

Die Foto-Bevormundung beenden!

Video Das heutige Video liefert Lösungen für das ärgerlichste Multimediaproblem überhaupt. Plus Tipps für die gekonnte Bilderpräsentation. Mehr...

Rechtsklick und lebendige Fotos: Der erste Eindruck vom iPhone 6S

Heute kommt das neue Apple-Smartphone in den Handel. Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat es ausprobiert. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Vergleichsdienst

Finden Sie mit unserem unabhängigen Abovergleich das optimale Handyabo.
Jetzt vergleichen.

Blogs

Mamablog Erstklassig unterwegs als Schwangere

Sweet Home Best of: Die 10 Gebote der Kochkunst

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Andocken: Ein F-22 Kampfjet der US-Luftwaffe tankt während eines Trainings in Norwegen mitten im Flug. (15. August 2018)
(Bild: Andrea Shalal) Mehr...