«Darauf war Steve Jobs immer scharf»

«Das letzte visionäre Apple-Produkt wird voraussichtlich der HDTV-Fernseher sein», sagt der renommierte Techautor und Apple-Experte Stewart Wolpin vor der Präsentation der Quartalszahlen am 24. April.

«Er war vielleicht ein Visionär, aber seine visionären Produkte waren immer viel zu teuer»: Verstorbener Apple-Gründer Steve Jobs.

«Er war vielleicht ein Visionär, aber seine visionären Produkte waren immer viel zu teuer»: Verstorbener Apple-Gründer Steve Jobs. Bild: Reuters

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Stewart Wolpin, wann kommt das Mini-iPad?
Hier in den USA gehen die Experten von einem Marktstart im August aus. Die bisherigen Modelle verfügen über eine Diagonale von 9,7 Zoll, die kleinere Variante soll nur noch 7,85 Zoll gross sein.

Wie realistisch ist eine solche «Schrumpfkur»?
Steve Jobs würde diesen Plänen sicher nicht zustimmen. Aus gutem Grund: Ein iPad in dieser Grösse taugt als E-Reader und zum Mailschreiben, aber sonst? Wer auf einem solchen Gerät surfen möchte, müsste dauernd scrollen – und der Nutzer scrollt nicht gerne. Ausserdem passt ein 7,85-Zoll-Gerät nicht in die Hosen- oder Jackettasche. Wenn schon, müsste man das iPad noch mehr schrumpfen, auf 7 Zoll.

Wie erklären Sie sich den Erfolg des iPads?
Als das iPad vor zwei Jahren lanciert wurde, überwog bei vielen Experten die Skepsis. Sie bemängelten, dass ein Tablet keinen spezifischen Zweck erfüllt oder einen bestimmten Kundenkreis anspricht. Alles, was ein Tablet kann, kann ein anderes Gerät besser – mit einem Laptop kann man besser arbeiten, mit einem Smartphone besser kommunizieren. Überspitzt formuliert sind Tablets zu allem und nichts zu gebrauchen. Aber das spielt überhaupt keine Rolle. Der Käufer muss kein iPad haben, es genügt, dass er es haben
w i l l.

Das hat die Konkurrenz mittlerweile auch begriffen.
Ja, aber die Konkurrenz beackert nur einen Markt, den Apple geschaffen hat. Und wie tut sie das? Sie umgarnt den Kunden mit Technikspezifikationen, vergisst dem Kunden aber zu erklären, was er mit einem Tablet alles tun kann. Apple macht das ganz anders: Die iPad-Werbung dreht sich nur um die Funktionalität und lässt – mit Ausnahme des Retina-Displays – die Technikdetails aussen vor.

Ein Tablet, welches das iPad ernsthaft gefährden kann, ist der Kindle Fire. Warum?
Amazon ist sehr clever. Es bezeichnet den Kindle Fire nicht als Tablet, sondern als LCD-E-Book-Reader, das Gerät hat also einen klaren Verwendungszweck. Ausserdem ist es mit 199 Dollar recht günstig – jeder andere 7-Zoll-Flachcomputer kostet über 200 Dollar. Und nicht zu vergessen: Amazon verkaufte schon vorher E-Reader, das Unternehmen verfügte deshalb schon über eine Kundenbasis. Andere Hersteller müssen erst einen Käuferstamm aufbauen.

Google scheint mit seinen Tabletplänen hinterherzuhinken.
In Bezug auf die Hardware schon. Aber mit seinem Betriebssystem Android war Google im Tabletmarkt schneller als im Smartphonesegment. Aber das Android-Modell – diverse Modelle von mehreren Herstellern – lässt sich nicht 1:1 auf die Tablet-Branche kopieren. Wenn Google also ein Tablet mit dem Google-Brand verkaufen will, wird das Unternehmen dies via neuem, eigenen Online-Shop tun müssen.

Apple ist sowohl online als auch mit seinen Apple Stores ein kaum zu schlagender Händler.
Das ist so. Neueren Untersuchungen zufolge wird in einem Apple Store pro Quadratmeter Verkaufsfläche ein Umsatz von etwa 60'000 Dollar erwirtschaftet. Der Umsatz ist damit 17-mal höher als der Durchschnitt aller anderen US-Retailer. Sogar der Schmuckhändler Tiffany & Co. kommt nur auf einen halb so grossen Umsatz pro Quadratmeter Verkaufsfläche.

Apple ist fast 600 Milliarden Dollar schwer und hat 100 Milliarden Dollar Bargeld. Nicht nur der iPad-Erfolg ist dafür verantwortlich, sondern auch das iPhone. Was wissen Sie über die kommende Smartphone-Generation?
Ich bin ziemlich sicher, dass sie im September oder Oktober erhältlich sein wird, den Mobilfunkstandard 4G (LTE) unterstützt und einen A5X-Chip erhält. Möglich, dass der Bildschirm grösser wird – gerüchtehalber ist von bis zu 4,6 Zoll die Rede.

Ist auch ein Apple-Fernseher nur eine Frage der Zeit?
Ja, er wird sicher kommen. Wahrscheinlich Mitte November und wenn nicht dieses Jahr, dann nach der Consumer Electronics Show (CES) 2013 in Las Vegas. Offenbar hat Apple bereits Sharp-Displays bestellt. Den Apple-Fernseher wird der Nutzer via iPhone und iPad bedienen können.

Was könnte den Start verzögern?
Jedenfalls nicht die Technik. Das Problem sind die Inhalte. Apple verfolgt hier einen Ansatz wie bei iTunes, der Konsument soll die Möglichkeit erhalten, Shows herauspicken zu können. Es würde mich sehr überraschen, wenn Apple den traditionellen Ansatz mit von Sendern vorgegeben Kanälen verfolgen würde. Die Studios sträuben sich gegen dieses Vorhaben. Es wird interessant sein zu verfolgen, wie Apple dieses Problem löst.

Was trauen Sie dem Steve-Jobs-Nachfolger Tim Cook zu?
Der Grund für den Erfolg von Apple hat einen Namen: Tim Cook.

Nicht Steve Jobs?
Jobs war vielleicht ein Visionär, aber seine visionären Produkte waren immer viel zu teuer. Cook ist das Genie der Lieferkette – sein von ihm als Chief Operating Officer geschaffene Versorgungssystem sorgte für reibungslose Lieferungen, Effizienzsteigerungen und wettbewerbsfähige Produktpreise. Ein netter Nebeneffekt für Apple: Diese Maschinerie läuft so gut, dass die Zulieferer gar nicht dazu kommen, für die iPhone- und iPad-Konkurrenz zu produzieren.

Egal also, welche Quartalszahlen Apple am 24. April publiziert: Der Konzern bleibt Ihrer Ansicht nach auf der Erfolgsspur. Aber bleibt er auch visionär?
Apple kann an Visionen verlieren, dafür wird der Konzern längerfristig stabil bleiben. Das letzte visionäre Produkt, das wir von Apple zu sehen bekommen, wird voraussichtlich der HDTV-Fernseher sein. Auf diesen war Jobs immer scharf. Und dieses Produkt erschreckt die traditionellen Fernsehhersteller schon heute zu Tode.

Erstellt: 23.04.2012, 12:34 Uhr

Der New Yorker IT-Experte Stewart Wolpin arbeitet seit über 25 Jahren als Techautor, unter anderem für «NBC Universal», «Popular Science», «Consumers Digest» und Digiteltrends.com. (Bild: Reto Knobel)

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Apple hatte Berufung gegen die Entscheidung einer unteren Instanz eingelegt, die den Antrag auf Übertragung der iPad-Rechte in China zurückgewiesen hatte. Apple hat erklärt, Proview die weltweiten Markenrechte 2009 abgekauft zu haben. (DAPD)

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