Das Leben ist ein Datenstrom

Die digitale Selbstdokumentation wird dank Sensoren und tragbaren Computern immer einfacher – und sie nimmt manchmal bizarre Züge an.

Der Vorläufer von Google Glass: Thad Starner (rechts) und Forscher-Kollege Bradley Rhodes. Foto: Sam Ogden (Keystone)

Der Vorläufer von Google Glass: Thad Starner (rechts) und Forscher-Kollege Bradley Rhodes. Foto: Sam Ogden (Keystone)

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Unter einem tragbaren Computer verstand Thad Starner schon vor 21 Jahren eine Maschine, die man sich überziehen kann. Der MIT-Absolvent ist der laut­stärkste Befürworter des «Wearable Computing». Er trägt seit 1993 Informationstechnologie. Zuerst die «Lizzy»: einen auf einem 286-Prozessor basierenden PC, der in einer Umhängetasche steckte und von einer Motorradbatterie gespeist wurde. Bedienen liess er sich über den Twiddler, eine auf die einhändige Bedienung ausgelegte Tastatur. ­ Die Anzeige erfolgte über das klobige «Private Eye». Das war ein Display, das ­direkt vor dem rechten Auge sass.

«Lizzy» sieht aus wie eine archaische Version von Google Glass, der umstrittenen Datenbrille des Suchmaschinenkonzerns. Das kommt nicht von ungefähr. Starner hat bei Google sein Projekt vorgestellt. Der Wearables-Pionier ist heute technischer Manager beim Project Glass.

Das Wearable Computing war bis vor kurzem abgefahrene Science-Fiction. Intelligente Kleidung, die als Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine dient. Sie assistiert bei alltäglichen Tätigkeiten und ebnet den Weg zur Verschmelzung von Technik mit dem User. Thad Starner wäre schon Anfang der 1990er-Jahre gerne zum Cyborg mutiert und zur technisch verbesserten Lebensform geworden. Durch die Computerbrille sehend, hat er den Begriff der «Augmented Reality» geprägt. Er bezeichnet die computergestützte Erweiterung der menschlichen Wahrnehmung.

Gelebte Realität

Heute ist das Wearable Computing dank immer kleinerer, leistungsfähigerer Komponenten gelebte Realität. Es gibt immer mehr Technologie, die ihren Dienst direkt auf dem Körper ihres Trägers verrichtet. Während Googles Datenbrille allein aus Datenschutzgründen auf Vorbehalte stösst, gehören smarte Armbänder und Uhren zur Standardausrüstung der technikaffinen Bevölkerungsschicht. Die Gadgets sammeln Daten über das Bewegungsverhalten und den nächtlichen Schlaf, steuern das Smartphone und geben Fitnesstipps. Ein Wachstumsmarkt: Eine Ende April von «Business Insider» veröffentlichte Studie besagt, dass der Handelswert der Wearables von gut 5 Milliarden US-Dollar im Jahr 2014 auf 12,6 Milliarden für 2018 ansteigen wird.

Nebst den Armbändern und Brillen gibt es tragbare Gadgets für fast jede Körperstelle. Das Start-up Logbar hat erfolgreich ein Crowdfinanzierungsprojekt lanciert, das man sich auf den Finger steckt. Mit dem Ring, der die Gesten des Trägers erkennt, lassen sich Haushaltsgeräte steuern oder Kurznachrichten in die Luft schreiben.

Intelligente Socken und BHs

Heapsylon, ein Unternehmen aus Redmond, Washington, stellt intelligente T-Shirts, BHs und Socken her. Die Oberbekleidung ist in der Lage, den Herzschlag zu messen. Die Socken zählen mittels druckempfindlichem Stoff nicht nur die Schritte, sondern stellen auch fest, wie ein Läufer auftritt. Daraus sollen sich Erkenntnisse gewinnen lassen, mit denen sich nicht nur die Technik verbessern, sondern auch die Verletzungsgefahr verringern lässt. Das finnische Unternehmen Myontec seinerseits will mit seinen Mbody-Shorts die Aktivitäten der Beinmuskeln messen und Athleten so per App trainingsrelevante Daten liefern. Selbst Haustiere werden demnächst wohl mit intelligenten Halsbändern ausgestattet.

Die tragbare Hochtechnologie füttert drahtlos Apps mit Daten. Sie stellt das her, was Wearables-Pionier Thad Starner als «Context Awareness» bezeichnete. Die Systeme operieren nicht wie ein alter PC in blinder Unkenntnis über ihre Umgebung. Sie sind in der Lage, sich selbst mittels Sensoren und GPS in der Welt zu verorten und selbsttätig Informationen über den Kontext zu sammeln, in dem sie zum Einsatz kommen.

Sie liefern einen stetigen Datenstrom, der dem Träger Selbsterkenntnis und im Idealfall mehr Lebensqualität ermöglicht. Nicht nur mehr Bewegung und Fitness, sondern Gesundheitsvorsorge. Der französische Hersteller Withings überwacht mit seinen Gadgets den Blutdruck und das Gewicht, und Google arbeitet an einer Kontaktlinse, die den Blutzuckerspiegel von Diabetikern überwacht. Auch für eine Kontaktlinse mit Kamera für Sehbehinderte hat Google einen Patentantrag eingereicht. Die kalifornische Künstlerin Tanya Vlach hat bereits 2011 auf Kickstarter ein Projekt für die Entwicklung eines Glasauges mit eingebauter Kamera finanziert. Vlach verlor 2005 bei einem Autounfall ein Auge.

Daten für alle Lebenslagen. Die Pioniere der Wearables sind darauf aus, ihr ganzes Leben lückenlos zu dokumentieren. Narrative Clip ist eine ansteckbare Kamera mit 36 auf 36 Millimeter Kantenlänge, die alle 30 Sekunden ein Bild macht. Fotos zum Lifelog – was im Nerd-Jargon das digitale Abbild des Lebens darstellt. Der erste Lifelogger war Steve Mann. Er war nebst Thad Starner der zweite Pionier des Wearable Computing. Er loggt sein Leben seit 1994.

Microsoft betreibt ein Forschungsprojekt namens My Life Bits. Gordon Bell hat dafür sein Leben dokumentiert und im Buch «Total Recall» seine Erfahrungen beschrieben. Für ihn führt die Nonstop-Selbstdokumentation geradewegs zur digitalen Unsterblichkeit.

Erstellt: 19.05.2014, 02:23 Uhr

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