Der Einkaufszettel, der nie verloren geht

Die Zürcher Entwickler Marco Cerqui und Sandro Strebel haben die Bring!-App entwickelt. Sie macht das Einkaufen leichter.

Aus dem Einkaufsfrust wurde ein Start-up: Die Bring!-Gründer Sandro Strebel (l.) und Marco Cerqui.

Aus dem Einkaufsfrust wurde ein Start-up: Die Bring!-Gründer Sandro Strebel (l.) und Marco Cerqui. Bild: Nicola Pitaro

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Ohne Einkaufszettel geht kaum ein Konsument in den Supermarkt. Laut Studien aus den USA und den Niederlanden haben rund 70 Prozent der Leute eine Merkhilfe dabei, wenn sie Besorgungen machen. Vom Post-it über Couvert-Rückseiten bis hin zum abgenutzten Zeitschriftenausriss kommt alles zum Einsatz, was sich bekritzeln lässt. Der unverwüstliche Klassiker ist der Einkaufszettel. Er darf auch mal nass werden und erfüllt auch zerknüllt noch seinen Zweck.

Auch Marco Cerqui (32) und Sandro Strebel (29) aus Zürich – zwei Softwarespezialisten – gehen nicht ohne Gedächtnisstütze los. Seit einem Jahr verzichten sie jedoch auf den Einkaufszettel aus Papier. Sie bereiten sich mit ihrer eigenen App Bring! auf den Gang in den Supermarkt vor. Sie ist im Dezember 2012 im deutschsprachigen Raum fürs iPhone erschienen (2  Franken) und wurde seitdem über 35'000-mal heruntergeladen. Dieser Tage erscheint ein Update mit neuen Funktionen. «Auf die Idee kamen wir beim Einkaufen. Es klappte wieder einmal nicht alles so, wie es sollte», sagt Marco Cerqui. Er hatte den Zettel zu Hause zwar schön vorbereitet, dann aber liegen gelassen. «Meine Freundin hat mir ein Bild des Zettels aufs Handy geschickt. Was nicht sehr praktisch war.» In diesem Moment war die Idee geboren, die Einkaufsplanung aufs Smartphone zu verlagern.

Vernetzt einkaufen

Der mit Kollege Sandro Strebel entwickelte digitale Einkaufszettel setzt dort an, wo die Papierversion an ihre Grenzen stösst. Da man das Smartphone heute wie das Portemonnaie überall auf sich trägt, ist das Problem, ohne Zettelchen im Supermarkt vor den Regalen zu stehen, gelöst. Die App will auch unvollständigen Einkäufen vorbeugen – und zwar ohne dass man sich umständlich per SMS und Telefon absprechen müsste. Bring! – mit einem App-Award ausgezeichnet – erleichtert die gemeinsame Planung, indem man seine Listen in der App mit mehreren Nutzern führt. «Einkaufen ist selten eine Solo-Angelegenheit. Die Kommunikation ist wichtig», erläutert Sandro Strebel.

Wie das funktioniert, zeigt das Beispiel einer WG: Max trägt in der App die fehlende Milch ein. Susi erinnert sich daran, dass die Chips für die Party nicht aufgeführt sind, und Peter fällt die Aufgabe zu, in den Laden zu gehen und den Einkauf nach Hause zu schleppen.

In diesen Tagen erscheint ein Update der App, die den Abstimmungsprozess noch erweitert. Bring!-Nutzer können nun Mitteilungen verschicken, die sofort bei den anderen Teilnehmern angezeigt werden. Die Mitbewohner erhalten dann zum Beispiel die Info, dass Peter einkaufen geht und die letzte Chance für Ergänzungen der Liste besteht. Last-Minute-Produkte werden hervorgehoben. Und der Aktualisierer kann den Einkäufer per Push-Meldung informieren, dass die abzuarbeitende Liste gerade um ein Produkt länger wurde.

Sobald Peter mit den Tragtaschen den Laden verlässt, teilt er allen mit, dass der Einkauf erledigt ist. Dumm nur, wenn ein Update für weitere Artikel gerade in diesem Moment eintrifft. «Das kann passieren, die Wahrscheinlichkeit dafür ist aber klein», sagt Sandro Strebel: «Wir werden nie alle Umstände managen können, sonst wäre die App wieder viel zu kompliziert.» Vermeiden liesse sich diese Panne mit einer Push-Meldung wie «Gehe in 30 Minuten einkaufen».

Reduziert und einfach

Neben der Teilen-Funktion und der Möglichkeit, Statusmeldungen zu verschicken, ist es der simple Aufbau und die intuitive Bedienung der App, die uns zum Selbstversuch motiviert haben. Bring! hebt sich von anderen getesteten Einkaufszettelhelfern ab. Eine Kachel mit einem Symbol steht für ein einzukaufendes Produkt – optisch erinnert das an Windows Phone 8. Über ein Eingabefeld sucht man nach Artikeln und fügt sie durch Antippen der Einkaufsliste hinzu. Zudem kann man in elf vorgefertigten Kategorien wie Früchte, Gemüse, Gewürze, Milch und Käse stöbern.

Die Liste enthält bisher rund 280 Standardartikel. «Damit decken wir 80 Prozent der Artikel ab, die am häufigsten eingekauft werden», sagt Sandro Strebel, der sämtliche Logos für die Waren gezeichnet hat. Fehlt ein Artikel, fügt man ihn einfach hinzu. Für die im deutschsprachigen Raum lancierte App hat das Bring!-Duo sogar auf die sprachlichen Besonderheiten unserer Nachbarn geachtet. Ein Gipfeli heisst in der deutschen Liste Croissant. In Österreich ist eine Aprikose korrekt eine Marille. In den Einstellungen wechselt man zwischen den drei Sprachregionen.

Im Laden trägt man die Liste auf simple Weise ab. Liegt das Brot im Einkaufskorb, tippt man in der App auf das entsprechende Symbol – und die Brotkachel verschwindet aus der Einkaufsliste. Trotzdem – wäre es für viele Konsumenten nicht einfacher, mit dem zerknüllten Zettelchen durch die Regale zu streifen, als ständig das Smartphone in der Hand halten zu müssen, das zudem ständig in den Ruhezustand wechselt? Marco Cerqui: «Ja, der Zettel ist genau in diesem Moment einfach zu ‹bedienen›. Aber er ist oft nicht auf dem neusten Stand, und es ist umständlicher, Artikel abzuhaken.» Es sei auch eine Funktion geplant, die das iPhone im Laden ausreichend lang wachhält. Als weiterer Pluspunkt des Smartphones erwähnen die Erfinder die Möglichkeit, wiederkehrende Einkäufe zu managen.

Bananen im Überfluss

Nach der Lancierung der App haben Cerqui und Strebel eine Feldforschung mit verschiedenen Einkaufstypen in Auftrag gegeben. «Wir wollten wissen, wie Versuchspersonen die App im Alltag nutzen, was sie bei der Vorbereitung und im Laden stört und welche Funktion ihnen fehlt. Aufgrund dieser realistischen Szenarien können wir die App stetig anpassen», sagt Cerqui. Während der Entwicklung war die App auch bei ihren Freundinnen im Einsatz. «Da kam es schon mal vor, dass wir aus Testgründen 1 Kilogramm Bananen auf die Liste gesetzt haben – und die haben sie tatsächlich eingekauft. So haben wir uns in den nächsten Tagen davon ernährt», erinnert sich Cerqui.

Neben der Androidversion ist eine Lancierung in den USA, in Australien, Grossbritannien und Japan geplant. «Auch dort werden wir das Sortiment den Gegebenheiten anpassen. Neben der Sprache sind dort ganz andere Produkte gefragt. Wir erstellen in Absprache mit lokalen Partnern eine Liste», sagt Strebel. Auch für die weitere Zukunft hat das Start-up Ideen. «Der Einkaufszettel spielt nur eine kleine Rolle in der ganzen Einkaufsplanung. Zurzeit machen wir uns viele Gedanken darüber, wie man zum richtigen Zeitpunkt das passende Rezept findet und es dann ganz einfach auf die Einkaufsliste bekommt», sagt Cerqui. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.08.2013, 17:35 Uhr

Bildstrecke

Bring! Die Einkaufszettel-App

Bring! Die Einkaufszettel-App Mit der Schweizer iPhone-App kann man Einkaufslisten mit Freunden teilen.

Köche und Entwickler

Die Gründer von Bring! sind Sandro Strebel (1984) und Marco Cerqui (1981). Die beiden ehemaligen Software Consultants und Hobbyköche hatten die Idee zum digitalen Einkaufszettel auf einer Einkaufstour. Von der Produktzeichnung (auf Papier) bis zur Programmierung haben sie alles komplett selber erarbeitet. Sie haben ihre bisherigen Jobs an den Nagel gehängt und sind seit März 2013 selbstständig. (ah)

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