Die Jagd nach Plagiaten

Plagiate wie Karl-Theodor zu Guttenbergs Dissertation könnten durch Softwareprogramme einfach entlarvt werden. Trotzdem zögern Hochschulen, sie einzusetzen.

Qualität und Nutzen von Plagiatssoftware sind umstritten: Screenshot von Turnitin, einem auch an Schweizer Universitäten verwendeten Programm.

Qualität und Nutzen von Plagiatssoftware sind umstritten: Screenshot von Turnitin, einem auch an Schweizer Universitäten verwendeten Programm.

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Dass manche Studierenden es mit dem Zitieren nicht so eng sehen, weiss man an Universitäten schon lang. Bis vor kurzem war die Überprüfung von Arbeiten jedoch mühsam und zeitraubend: Die betreuenden Dozenten mussten Buch um Buch aus der Bibliothek holen und durchkämmen – in der Hoffnung, die verdächtige Stelle aus der eingereichten Arbeit im Buchtext aufzufinden.

Heute genügen für diese Arbeit wenige Klicks. Mit einer speziellen Plagiatssoftware, die auf globale Medien- und Forschungsdatenbanken zugreift, können elektronisch eingereichte Arbeiten vollautomatisch kontrolliert werden. Die Programme vergleichen die Wortfolgen in der eingereichten Arbeit mit denjenigen in der Datenbank und liefern als Output einen «Ähnlichkeitsindex», der über die Wahrscheinlichkeit eines Plagiats Aufschluss gibt.

Kaum mehr Probleme mit Plagiaten

An der Universität St. Gallen setzt man seit vier Jahren systematisch Plagiatssoftware ein. Sämtliche Bachelor-, Master und Doktorarbeiten unterliegen dem elektronischen Check, bei den Seminararbeiten werden stichprobenartig Kontrollen durchgeführt. Spuckt das Programm einen Alarm aus, so wird die Arbeit von Hand überprüft. Das Programm hilft dem Prüfer dabei, indem es verdächtige Passagen farbig markiert und entsprechende Originalstellen aus den Quellen einblendet.

Erhärtet sich ein Plagiatsverdacht, so wird der Autor mit dem Vorwurf konfrontiert. Handelt es sich um einen Studienanfänger, so belässt man es meist bei einem Verweis und verlangt die Neufassung der Arbeit. Anders bei höhersemestrigen Studierenden: Hier droht das Disziplinarverfahren und als schlimmstes Strafmass der Studienausschluss.

Zu dieser Eskalationsstufe sei es in den letzten Jahren jedoch nur einmal gekommen, sagt Klaus Edel, der Verantwortliche für die Plagiatsüberprüfung an der Hochschule St. Gallen. Seitdem die Software eingesetzt werde, habe man kaum mehr Probleme mit Plagiaten. Von den gescannten Arbeiten blieben jeweils ein bis zwei Prozent im Filter hängen, die grosse Mehrheit der inkriminierten Passagen stelle sich aber als harmlos heraus.

Von den Studierenden wird dieses Vorgehen offenbar begrüsst. «Arbeiten systematisch zu kontrollieren, ist sinnvoll, denn es besteht ein hoher Anreiz zum Schummeln», meint Marcel S., ein Student im volkswirtschaftlichen Masterprogramm der HSG. Wer seine Arbeit im Copy-Paste-Modus zusammenschustere, habe mehr Zeit, um die übrigen Prüfungen vorzubereiten. Weitreichende Konsequenzen habe das Abschreiben nicht, denn das spätere Berufsleben habe selten etwas mit der Bachelor- oder Masterarbeit zu tun.

Vertrauen statt Kontrolle

Anders schätzt man die Problematik an der Universität Zürich ein. Zwar steht den Dozenten auch hier Plagiatssoftware zur Verfügung. Der Umgang mit der Software unterliegt jedoch keiner generellen Regel. Wird ein Dozent beim Lesen einer Arbeit stutzig – sei es, weil ihm eine Passage bekannt vorkommt oder aufgrund eines Stilbruchs im Text –, so steht es ihm frei, die Software einzusetzen.

Wird ein Plagiat festgestellt, kommt in Zürich ein ähnlicher Prozess wie in St. Gallen in Gang. Vom persönlichen Gespräch bis zur Einleitung eines Disziplinarverfahrens sei alles möglich, meint Beat Müller, Medienbeauftragter der Universität Zürich. Zu Plagiatsfällen, die in schwerwiegenden Fällen einen zeitweiligen Studienausschluss zur Folge haben können, komme es rund zwei- bis dreimal pro Jahr.

Dem systematischen Einsatz von Plagiatssoftware steht man in Zürich jedoch skeptisch gegenüber: «Die Universität Zürich setzt vor allem auf die Präventions- und Aufklärungsarbeit.» Von einem fortgeschrittenen Studenten sei zu erwarten, dass er die Regeln des wissenschaftlichen Arbeitens kenne und respektiere. Die Betreuung in den Proseminaren biete zum Lernen dieser Regeln ausreichend Gelegenheit.

Dass in Zürich eine Kultur des Vertrauens vorherrscht, wird von Studierenden bestätigt. Eine automatische Überprüfung der Arbeiten brauche es nicht, meint Barbara L., die im siebten Semester Soziologie studiert: «Die Universität hat es nicht nötig, Big Brother zu spielen.» Ohnehin sei es schwierig, selbst formulierte Gedanken von den gängigen Formulierungen in Büchern zu unterscheiden. Eine Plagiatssoftware sei da wenig hilfreich.

Schlechte Programme sind besser als gar keine

Zu diesem Schluss kommt auch die deutsche Fachhochschulprofessorin Debora Weber-Wulff. Ihr Institut an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin führt seit 2004 regelmässig Tests zur Brauchbarkeit von Plagiatssoftware durch. Die am Markt erhältlichen Programme stuft das Institut bestenfalls als «teilweise nützlich» ein. Plagiatssoftware, so das Testergebnis, könne durchaus Kopien erkennen. Doch mit Paraphrasen, bearbeiteten Fassungen eines Textes oder auch mit Übersetzungen haben die Programme Mühe.

Auch die von der Universität St. Gallen eingesetzte Software «Turnitin» überzeugt im Test nicht vollständig. Wie die meisten Systeme meldet sie manche Arbeiten mit ordentlichen Zitaten oder Verweisen als Plagiat, während sie andere, klare Plagiate übersieht. Der vom Programm ausgegebene Ähnlichkeitsindex sei «bestenfalls als Annäherung, schlimmstenfalls als Zufallszahl» zu verstehen, so das Fazit des Tests.

In St. Gallen ist man dennoch überzeugt, dass sich der flächendeckende Einsatz von Plagiatssoftware lohnt. Durch die elektronische Überprüfung würden gleich lange Spiesse für alle Studenten geschaffen; der dabei anfallende Aufwand sei gering. Zudem trage das Wissen, dass die eigene Arbeit auf jeden Fall durchleuchtet wird, zur Verbesserung von deren Qualität bei.

Erstellt: 15.04.2011, 09:47 Uhr

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