Interview

«Die Mitarbeiter vermissten sich»

Yahoo-CEO Marissa Mayer holt die Mitarbeiter vom Homeoffice zurück ins Büro. Microsoft-Schweiz-Chefin Petra Jenner kritisiert diese Strategie und ortet bei Yahoo ein Balanceproblem.

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Frau Jenner, Sie haben vor einem Jahr in einem Interview mit uns gesagt, Sie hätten selbst als Chefin von Microsoft Schweiz kein eigenes Büro. Ist die Arbeitssituation immer noch die gleiche?
Natürlich. Ich nutze die verschiedenen Zonen in unserem Büro – am meisten natürlich die Meetingräume – und arbeite, wenn auch selten, von zu Hause aus. Diese Kombination stimmt für mich. Nach wie vor.

Dann haben Sie in den vergangenen zwölf Monaten Ihre Ansicht über Heimarbeit nicht verändert?
Meine Philosophie ist nach wie vor dieselbe. Ich bin fest davon überzeugt, dass von flexiblen Arbeitsformen alle profitieren: der Mitarbeiter, das Unternehmen und sogar die Umwelt. Mir fällt auf, dass sich momentan viele Unternehmen Gedanken über ihre eigene Arbeitskultur machen und damit verbunden das Interesse an flexiblen Arbeitsformen, wie wir sie leben, so gross ist wie noch nie. Die Diskussion um Yahoo beschleunigt diese Diskussion zusätzlich – wenn auch auf eine sehr provokative Weise.

Sie haben es erwähnt: Yahoo-Chefin Marissa Mayer hat das Homeoffice verboten. Hat Sie diese Nachricht überrascht?
Ja, das hat mich sehr überrascht. Die meisten Technologieunternehmen sind Vorreiter, was flexible Arbeitsformen betrifft. Mir ist es aber sehr wichtig, diesen Entscheid differenziert zu betrachten. Die zugrunde liegende Frage lautet nicht: Ist die Arbeit im Homeoffice gut oder schlecht?

Sondern?
Die Frage muss lauten: Wo liegt das Optimum zwischen physischer Präsenz und virtueller Zusammenarbeit? Mit dem Homeoffice-Verbot signalisiert Marissa Mayer, dass diese Balance nicht mehr stimmt und dass sie entschlossen ist, das zu ändern. Ob nun ein Verbot die richtige Massnahme ist, sei dahingestellt. Mit Blick auf die Schweiz, die punkto flexibler Arbeitsformen noch sehr zurückhaltend ist, kommt die Diskussion rund zehn Jahre zu früh.

Warum das?
Wir haben noch nicht mal einen Bruchteil des Potenzials moderner Arbeitsformen ausgeschöpft, da diskutieren wir bereits über die Konsequenzen, die eventuell eintreten könnten, wenn ein gewisses Ausmass überschritten wird.

Gut möglich, dass der Trend wieder in eine andere Richtung geht: Gearbeitet wird im Büro, Punkt. Was wären die Folgen?
Da bin ich klar anderer Meinung. Flexible Arbeitsformen sind keine Modeerscheinung, sondern sind die Konsequenz von technologischen, gesellschaftlichen und demografischen Entwicklungen. Unternehmen, die bewusst auf die Vorzüge moderner Technologien verzichten und ihren Mitarbeitenden nicht vertrauen, haben langfristig keine Chance im Kampf um die besten Talente und innovativsten Ideen.

Offenbar hat Mayer gute Gründe, misstrauisch zu sein: Sie hat herausgefunden, dass nicht alle, die zu Hause arbeiteten, auch wirklich für das Unternehmen tätig waren.
Für mich ist die zentrale Frage, wie es so weit kommen konnte, dass es bei Yahoo offensichtlich kein Gravitationszentrum mehr gibt. Als wir vor über einem Jahr das Büro komplett umgebaut haben, haben alle Mitarbeiter während dreier Monate fast ausschliesslich im Homeoffice gearbeitet. Wir haben im Team scherzhaft darüber gesprochen, was wohl passieren würde, wenn nach der offiziellen Wiedereröffnung niemand mehr ins Büro zurückkommen würde. Wissen Sie, was tatsächlich passiert ist?

Sagen Sie es uns.
Das Büro war am Anfang komplett überfüllt. Die Mitarbeitenden hatten sich vermisst – die Teams wollten sich wieder physisch sehen und austauschen. Und auch heute noch verbringen unsere Mitarbeitenden deutlich mehr als die Hälfte ihrer Zeit im Büro und dies freiwillig.

Sie reden fast wie ein Google-Manager: Der Arbeitsplatz als Wohlfühloase.
Die meisten Mitarbeitenden suchen die soziale Interaktion mit ihren Arbeitskollegen und wollen aktiv an der Unternehmenskultur teilnehmen. Die Annahme, dass Mitarbeiter, die keine Präsenzpflicht haben, einfach irgendwo verschwinden, ist komplett falsch.

Aber die schwarzen Schafe....
...gibt es. Natürlich. Es wäre aber ein grosser Fehler, aufgrund von Ausnahmeerscheinungen ein Regelwerk zu schaffen, das dann diejenigen bestraft, die mit ihrer Freiheit hervorragend und im Sinne des Unternehmens umgehen.

Hand aufs Herz: Wie viele Mitarbeiter mussten Sie wieder an die kurze Leine nehmen, weil sie ihre Freiheiten missbraucht haben?
Freiheit missbrauchen? Dies suggeriert das Prinzip: Ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse. Dieses Phänomen kennen wir nicht. Wir führen über klare Zielvereinbarungen und nicht über Präsenzpflicht. Wenn ein Mitarbeiter seine persönlichen Ziele nicht erreicht, wird in einem Gespräch nach den Ursachen und möglichen Lösungen gesucht. Bei den Ursachen geht es immer um das Verhalten beider Parteien.

Flexible Arbeitsformen stellen höhere Anforderungen an Führungsverantwortliche als eine reine Präsenzkultur. Richtig?
Richtig. Daher muss auch der Vorgesetzte sein Führungsverhalten laufend reflektieren. Genau das führt dazu, dass sowohl der Mitarbeiter als auch der Chef gefordert ist und beide an einer Herausforderung wachsen können.

Marissa Mayer sagt: «Geschwindigkeit und Qualität leiden oft, wenn wir von zu Hause aus arbeiten.»
Auch hier gilt es zu differenzieren: Es gibt nicht per se geeignete und ungeeignete Orte. Vielmehr ist es so, dass für gewisse Tätigkeiten, etwa ein Team-Brainstorming oder ein Mitarbeitergespräch, der physische Austausch im Büro die geeignetste Form ist und für andere (zum Beispiel, wenn es um hoch konzentrierte Einzelarbeit geht) das Homeoffice das beste Umfeld bietet. Mitarbeiter, die Erfahrung mit flexiblen Arbeitsformen haben, wählen meist intuitiv die beste Lösung zur Erreichung eines Ziels. Nur wenn das nicht der Fall ist oder ein Mitarbeiter sich komplett aus dem Team zurückzieht, sollte der Vorgesetzte eingreifen. Auch hier wird wieder deutlich, dass Regeln für alle wenig Sinn machen. Im Gegenteil: Regeln können sogar höchst demotivierend sein, für Individuen mit starker intrinsischer Motivation und unternehmerischem Denken.

Erstellt: 05.03.2013, 11:56 Uhr

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Petra Jenner ist Chefin von Microsoft Schweiz. Die 48-jährige Deutsche hat über 20 Jahre Erfahrung in der IT-Branche. Jenner ist verheiratet und lebt am Zürichsee. Zu ihren Hobbys zählt sie Reisen, Tanzen, Skifahren und Yoga.

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