Die Software ohne Startknopf, ohne Menüs

Seit 20 Jahren bedienen wir Computer gleich: Mit der Maus klicken wir auf Knöpfe und hangeln uns durch Menüs. Das soll sich ändern, zumindest bei Windows und Ubuntu-Linux. Doch machen die Neuerungen Sinn?

Wo ist der Startknopf und wo sind die Menüs? Mit Windows 8 erwartet die Nutzer ein radikaler Wechsel.

Wo ist der Startknopf und wo sind die Menüs? Mit Windows 8 erwartet die Nutzer ein radikaler Wechsel. Bild: zvg

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Wo ist der Startknopf? Diese Frage stellen sich wohl die meisten Nutzer nach dem ersten Start von Windows 8. Tatsächlich fehlt der Knopf in der neuen Version des Betriebssystems, die im Herbst in den Handel kommen sollte und die derzeit in einer Vorschauversion getestet werden kann.

Auch der altbewährte Desktop ist verschwunden. Stattdessen ist der Bildschirm mit farbenfrohen Kacheln gepflastert. Auf einigen werden Infos und Medien eingeblendet: die Wetterprognosen etwa, ein Foto aus dem Album oder die erste Zeile eines neu eingetrudelten E-Mails. Andere Kacheln dienen bloss dazu, ein Programm zu starten.

Die speziell fürs neue Windows kreierte Software kommt aufgeräumt daher: Beim Internet Explorer oder bei Bing Maps etwa fehlen die herkömmlichen Menüs. Startet man jedoch ein Programm, das nicht fürs neue System optimiert ist, landet man wieder auf der aus Windows 7 vertrauten Nutzeroberfläche.

Windows: Ein System für alles

Das nächste Windows wird also anders bedient als alle bisherigen Versionen des Systems. Um die Konzepte kennen zu lernen, sollte man sich nach dem ersten Start einige Minuten Zeit nehmen und mit der Software spielen.

Doch weshalb forciert Microsoft einen derart fundamentalen Wechsel? Dank der Benutzeroberfläche Metro, die ursprünglich für Smartphones entwickelt worden ist, soll sich Windows sowohl auf normalen Computern als auf den derzeit sehr beliebten Tablets und Smartphones einsetzen lassen. Damit hoffen die Verantwortlichen bei Microsoft, den Rückstand aufzuholen, den sie sich in diesem Bereich auf Apple und Google eingehandelt haben.

Microsofts Versuch ist mutig. Er ist aber auch gefährlich: Sind die Nutzer wirklich zum Umlernen bereit? Bleiben jene, die nicht mitmachen wollen, einfach bei Windows 7, oder springen sie sogar zur Konkurrenz ab?

Ubuntu: Weg mit dem Menü

Die Hersteller anderer Betriebssysteme haben mit ähnlichen Problemen zu kämpfen. Letzte Woche ist die Version 12.04 von Ubuntu erschienen, der am weitesten verbreiteten Linux-Distribution. Auch sie führt ein neues Bedienungskonzept ein: Statt dass man sich durch Menüs hangeln muss, drückt man die Alt-Taste und tippt ein, was man zu tun gedenkt. Soll etwa die Adresse einer Webseite als Lesezeichen abgelegt werden, könnte man tippen: «Lesezeichen hinzufügen». Nach wenigen Anschlägen erscheint der Befehl. «Enter» führt ihn aus. Vorläufig ist es indes weiterhin möglich, das normale Menü zu benutzen. Es wird aber erst eingeblendet, wenn man den Mauszeiger auf die Menüzeile bewegt.

«Das Menü gibt es seit 30 Jahren», schreibt Ubuntu-Vordenker Mark Shuttleworth in seinem Weblog. «Wir haben die bessere Lösung!» Menüs seien ineffizient. Besser sei es, der Software einfach mitzuteilen, was man zu tun gedenke. Bis in zwei Jahren werde dies übrigens auch mündlich möglich sein. Was auf PC und Smartphones eher eine Spielerei ist, könnte sich bei Fernsehgeräten durchsetzen. An der Consumer Electronics Show (CES) haben die Ubuntu-Macher jedenfalls schon gezeigt, wie ihr System auf einem TV aussieht; bislang ist unklar, ob sich aus der Demo Kooperationen mit Herstellern ergeben.

Diskussion um Konzepte

Doch sind solch radikale Wechsel im Nutzerinterface, wie sie nun bei Windows und Ubuntu gemacht werden, wirklich nötig? «Manchmal geht es nicht ohne», sagt Pascal Geronimi, Leiter User Experience beim Berner Software-Unternehmen Puzzle. Das gelte insbesondere für Microsoft: Da die Manager den Trend zu berührungsempfindlichen Geräten lange verschlafen hätten, müssten sie nun ein extrem innovatives Produkt lancieren. Nur damit könne es ihnen gelingen, im Wachstumsmarkt der Smartphones und Tablets noch Fuss zu fassen. «Was Microsoft mit Windows 8 versucht, ist aggressiv innovativ.» Allerdings berge ein solch radikaler Wechsel Risiken, räumt Geronimi ein. «Das neue Interface könnte die normalen Anwender vor den Kopf stossen. Microsoft riskiert, einen Sturm der Entrüstung loszutreten.»

Was Canonical mit Ubuntu versuche, empfinde er hingegen als weniger wegweisend. «Diese Interface-Art eignet sich für den normalen PC, aber nicht für Tablets und Smartphones.» Einzig für die Gruppe der Power-User, die möglichst nicht von der Tastatur auf die Maus wechseln möchten, biete das System grosse Vorteile. Ob es sich bald schon genügend präzise mit Sprache steuern lässt, als dass es zum Einsatz auf dem Fernseher taugt, bezweifelt er: «Die Spracherkennungstechnik ist dafür wohl noch zu wenig weit. Aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren.»

Nur wer wagt, gewinnt. Das trifft auch in der IT-Welt zu. Doch wie kaum irgendwo sonst gilt dort: Wer sich vergaloppiert, verschwindet.

Ausprobieren: Die Windows-Testversion kann von windows.microsoft.com/de-ch/windows-8 heruntergeladen werden, Ubuntu bei www.ubuntu.com.

Erstellt: 01.05.2012, 14:27 Uhr

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