Die private Datenwolke

Wer Dropbox, Google und Apple misstraut, betreibt eine eigene Cloud. Die Hardware ist billig, doch technisches Wissen ist gefragt.

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Die Cloud. Sie ist die ultimative Erfüllung für alle Jäger und Sammler von Bits und Bytes. Der eigene Datenschatz ist dank permanentem Internet immer nur einen Mausklick entfernt. Nutzen und geniessen kann man ihn nicht nur am Computer, sondern auch via Smartphone oder Smart-TV. Aber die Sache hat natürlich einen Haken. Als Nutzer der Cloud macht man sich abhängig von anonymen Diensten. Man gibt Daten ausser Haus und lagert sie auf fremden Rechnern. Das birgt schwer abschätzbare Risiken für die Privatsphäre und den Schutz digitaler Geheimnisse.

Einen Ausweg aus diesem Dilemma verspricht die private Cloud: Das sind selbst betriebene Onlinedienste. Sie bieten den Komfort von Dropbox.com, der iCloud, iTunes Match oder Google Calendar: Die Daten sind jederzeit online zugänglich, doch aus der Hand geben muss man sie nicht.

Geschützt und verschlüsselt

Die eigene Cloud – das verheissen Synology, QNAP und Zyxel. Dies sind Hersteller von Netzwerkfestplatten. Technisch nennt man diese Geräteklasse NAS. Dieses Network Attached Storage (zu Deutsch: Netzwerk-Speichergerät) übernimmt eine Doppelfunktion: Für den internen Gebrauch im lokalen Netz stellt es eine zentrale Speicherungsmöglichkeit zur Verfügung. Die Benutzerverwaltung ermöglicht es, den Anwendern unterschiedliche Ablagen mit massgeschneiderten Zugriffsrechten zur Verfügung zu stellen. Und es gibt Unterstützung für die Datensicherung.

Das NAS öffnet sich zweitens auch gegen aussen: Es fungiert als Internetserver und stellt Blogs, Fotoalben oder ausgewachsene Webseiten bereit – aber nur in kleinem Rahmen. Für grosse Auftritte braucht es eine skalierbare Server-Infrastruktur. Und: Das NAS stellt, geschützt durch Passwörter und Verschlüsselung, auch private Daten via Internet zur Verfügung.

Die Apps für die eigene Cloud

Ein Test mit der Synology Disk Station DS212+ soll Aufschluss geben, wie leicht oder schwer es fällt, eine eigene Datenwolke steigen zu lassen. Das NAS hat Einschübe für zwei Festplatten und speichert maximal 4 Terabyte. Eine Reihe von Diensten ist vorinstalliert. Das NAS kann als Medium für die Datensicherung dienen, wird von Apples Time Machine unterstützt und hat selbst einen Mailserver an Bord. Wer mag und den Konfigurationsaufwand nicht scheut, kann via Mail Station zu seinem eigenen Maildienstleister werden.

Das Leistungsspektrum des NAS lässt sich erweitern. Im «Paketzentrum» stehen Dienste bereit, die man ähnlich einfach wie Smartphone-Apps installiert. Im Angebot ist beispielsweise die Audio Station. Sie stellt die Musiksammlung im Browser zur Verfügung, auch via Internet. Installiert man den iTunes Server, erscheint die auf dem NAS deponierte Musiksammlung bei Windows-PCs und Macs unter den Freigaben. Über DNLA und Airplay werden Inhalte an Multimedia-Geräte geschickt. Per Streaming können entsprechend gerüstete Fernseher, aber auch Set-Top-Boxen oder WLAN-fähige Lautsprecher mit Musik, Fotos und Videos bespielt werden. Die Photo Station stellt die auf dem NAS gespeicherten Bilder im Browser als Fotogalerie dar. Mit dem Surveillance-Modul wird das NAS zur Überwachungszentrale und zeigt bis zu 36 Kamerabilder live: Man behält das traute Heim von überall her im Auge.

Bedienung von der Daten-Dépendance funktioniert

Es gibt diverse Möglichkeiten, via Internet auf das Synology-NAS zuzugreifen. Der User kann sich über den Browser einloggen und über die File Station durch die Verzeichnisse navigieren und Dateien hoch- oder herunterladen. Auch der Zugriff über FTP-Protokoll ist möglich. Den komfortabelsten Weg eröffnet WebDav: Mit diesem Protokoll bindet man das NAS als Laufwerk ein, das im Finder bzw. im Windows-Explorer als normales Laufwerk erscheint. Bei Mac OS X geschieht das über den Befehl «Gehe zu > Mit Server verbinden». Bei Windows-Versionen führt man im Explorer «Netzlaufwerk verbinden» aus.

Und auch der Zugriff vom iPad und iPhone ist vorgesehen. Mit der kostenlosen App DS File transferiert man Dateien von oder zu der eigenen Daten-Dépendance. Fotos von unterwegs auf die Netzwerkfestplatte zu kopieren, klappt ebenso wie das Herunterladen von unterstützten Dokumenten, beispielsweise PDFs, Word- oder iWork-Dateien.

Nach einem halben Tag Arbeit schwebt die persönliche Cloud

Und: WebDav unterstützt (in der Variante CalDav) auch Kalender. Wer Google-Calendar nicht traut, speichert den Kalender auf der eigenen Hardware und greift unter Mac OS X mit iCal bzw. Kalender, mit dem iPhone oder iPad oder mit dem Open-Source-Kalender Sunbird auf seine Termine zu.

Nach einem halben Tag intensiven Studiums von Anleitungen und Supportdokumenten und viel Konfigurationsarbeit funktionieren Datenzugriffe per WebDav und iPad: Die private Cloud hat abgehoben.

Zeit und Lust zum Tüfteln

Doch es reift auch die Erkenntnis, dass die Sache keine so flockig-leichte Angelegenheit ist, wie der Name suggeriert. Man kriegt es mit unzähligen Fachbegriffen zu tun. Man schlägt sich mit WebDav, FTP und HTTP herum, öffnet Ports am Router, muss Datenpakete weiterleiten und einen dynamischen DNS-Dienst einrichten, damit man seine Netzwerkfestplatte im grossen Internet überhaupt wieder findet.

Synology dokumentiert verdienstvollerweise im Detail, wie einzelne Dienste eingerichtet werden. Die grafische Benutzeroberfläche, über die das NAS konfiguriert wird, ist komfortabel und mit einer brauchbaren Hilfe ausgestattet. Dennoch – die Systemsteuerung mit ihren 30 Modulen zu Benutzern, Verbindungsoptionen, Energiesparmodi, Firewall und Sicherheitsoptionen zeigt, wie komplex die Angelegenheit ist. Und eben: Vergessen darf man auf keinen Fall, dass man selbst für die Sicherheit seiner Daten verantwortlich ist. Auch als privater Server-Betreiber ist man nicht gegen Angriffe gefeit. Genügend Nachwuchshacker stürzen sich auf jede Gelegenheit, schlecht geschützte Daten zu plündern.

Das Fazit nach einem Wochenende auf Cloud-Mission: Das ist nur etwas für Technik-Enthusiasten, die massig Zeit und Lust am Tüfteln mitbringen. Wer sich vor allem als Nutzer sieht, sollte sich in den Schoss der grossen Anbieter begeben – und sich weiterhin gut überlegen, welche Daten ins Netz dürfen und welche zu Hause bleiben müssen.

Synology Disk Station DS212+ bei Brack.ch für 329 Franken (ohne Festplatten). (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.08.2012, 19:49 Uhr

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