Ein Humanist der Technologie

Steve Jobs hat dafür gesorgt, dass die Technologie sich dem Menschen annähert und nicht umgekehrt. Ein Porträt.

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«Von Zeit zu Zeit erscheint ein revolutionäres Produkt auf der Bildfläche, das alles verändert. Wer in seinem Leben auch nur an einem derartigen Produkt mitarbeiten kann, darf sich glücklich schätzen. Apple hatte das Glück, bereits zwei davon in die Welt gebracht zu haben: den Macintosh und den iPod. Und heute fügen wir ein weiteres hinzu.»

Talent für Dramatik

Mit diesen Worten kündigte Steve Jobs im Januar 2007 das iPhone an. In ihnen steckt viel über den Mann, der sie ausspricht. Sein Talent für Dramatik, das ihn zum charismatischen Redner und Verkäufer machte. Sein enormes Ego, verquickte er doch geschickt seine Biografie mit der Geschichte von Apple und trieb dezent, aber effektiv die sonnenkönigliche Gleichsetzung «Apple, c’est moi!» voran. Seine Gabe, den Leuten etwas zu geben, von dem sie noch gar nicht wussten, dass sie es wollen, die ihn zum Visionär vom Kaliber eines Henry Ford machte. Und nicht zuletzt seine Mission, die Welt nach seinen Vorstellungen umzugestalten.

Reines Understatement dagegen die Beschreibung seitens der PR-Abteilung von Apple. Zur Person Steven Paul Jobs gibt es zu dessen Lebzeiten gerade mal einen offiziellen Satz: «Steve wuchs in den Aprikosenhainen auf, die später zum Silicon Valley wurden, und hier lebt er immer noch mit seiner Familie.»

Bei HP gearbeitet

Geboren wurde er 1955 in Kalifornien, seine Mutter gab ihn zur Adoption frei, und so wuchs er bei Paul und Clara Jobs in Mountain View südlich von San Francisco auf. Als Kind sei er ein Einzelgänger gewesen. Als Jugendlicher zeigt er Interesse an Technologie, arbeitet bei HP. Später geht er an die Uni, die er aber frühzeitig verlässt, und unternimmt mit 21 eine ausgedehnte Reise nach Indien, wo er sich mit östlichen Religionen befasst. Fortan ist er Buddhist und Vegetarier, isst aber Fisch.Zurück in Mountain View verfolgt er sein Interesse an Elektronik weiter, arbeitet bei Atari und nimmt in seiner Freizeit an Treffen des Homebrew Computer Club teil, dem auch Steve «Woz» Wozniak angehört. Das Zweiergespann aus dem genialen Ingenieur und Tüftler Woz und dem visionären, charismatischen Verkäufer Jobs tut sich 1976 zusammen. Sie gründen ihre eigene Firma und nennen sie, nachdem Jobs den Sommer über auf einer Apfelplantage gejobbt hatte, Apple.

Computer sind für alle da

Jobs verkauft seinen VW-Bus, Woz seinen Taschenrechner, und mit den 1300 Dollar kaufen sie die Bauteile für den ersten PC, den Apple I, den Woz entwirft und baut. Als eigentlicher Startschuss ins PC-Zeitalter gilt der Apple II, der 1977 folgt. Im ersten Jahr machen sie phänomenale 2,7 Millionen Dollar Umsatz, nur drei Jahre später ist Apple 300 Millionen Dollar wert. Jobs Verdienst liegt vor allem darin, dass er als einer der Ersten erkannt hat, dass Computer nichts Elitäres sein müssen, dass jeder und jede von uns sie nutzen und brauchen kann und wird. Immerhin waren damals Computer riesige, raumfüllende Maschinen, nur Grossfirmen, das Militär oder Forschungsinstitute hatten welche.

Wenig aus Privatleben bekannt

Aus dem Privatleben des Jungunternehmers dringt nicht viel an die Öffentlichkeit, es hat aber gewisse Ähnlichkeit mit dem eines Rockstars. Zwei unautorisierte Biografien sagen ihm eine Affäre mit der Folksängerin Joan Baez nach. 1978 wird Jobs erstmals Vater. Der Mutter seiner Tochter, Chrisann Brennan, verweigert er jahrelang die Alimente und anerkennt das Kind erst spät. Als das Magazin «Time» 1982 nicht ihn, sondern «den Computer» zur Person des Jahres kürt, darf sich Jobs damit trösten, Monate zuvor bereits zum ersten Mal die Titelseite des Hefts geziert zu haben.

Diverse Legenden aus dieser Zeit ranken sich um Jobs cholerischen Charakter, etwa jene, dass Apple-Angestellte besser nicht zu ihm in den Lift steigen sollten. Wer nicht sofort eine überzeugende Antwort auf Jobs Frage «Was machen Sie hier?» parat hatte, verliess den Lift angeblich als Ex-Angestellter.

Auch kommerzielle Flops produziert

Jobs bleibt in den frühen Apple-Jahren die treibende Kraft in Sachen Vermarktung, doch längst nicht alles, was er anfasst, wird zu Gold. Der Apple III muss wegen technischer Probleme vorübergehend vom Markt genommen werden. Lisa, der erste Apple-Computer mit Maus und grafischer Oberfläche, floppt. Zudem holt die Konkurrenz rasch auf, allen voran IBM, die 1983 schon den halben PC-Markt erobert hat. Im Folgejahr gelingt es Apple mit dem Macintosh, die Bedienung via Maus doch noch zu popularisieren. Obwohl ein Meilenstein in der Computergeschichte, ist der erste Mac kein kommerzieller Erfolg. Er ist zu teuer, und es gibt anfangs keinen Drucker dafür. Jobs, der das Projekt intern an sich gerissen hatte, gerät erstmals unter Beschuss.

Mitte der Achtziger wird er vom neuen CEO, den er selbst kurz zuvor bei Pepsi mit den Worten «Willst du weiterhin Zuckerwasser verkaufen oder die Welt verändern?» abgeworben hat, nach einem Machtkampf im Topmanagement aus der Firma gedrängt. Ein Tiefpunkt in Jobs’ bisher so erfolgreichem Leben. 1987 verlässt Wozniak das Unternehmen ebenfalls, Jobs und er haben sich schon Jahre zuvor entfremdet.

Ein Schlag in die Magengrube

Die Zäsur des Rauswurfs aus der Firma, die er mitgegründet hatte, geht nicht spurlos an Jobs vorbei. Dem «Playboy» vertraut er 1987 an: «Es war ein harter Schlag in die Magengrube, ich verlor jeglichen Antrieb. Ich war erst 30 und wollte unbedingt weiterhin Neues kreieren. Ich wusste, dass in mir noch mindestens ein weiterer grossartiger Computer schlummerte.» Und der liess nicht lange auf sich warten.

Jobs gründet noch 1985, im Jahr seines unfreiwilligen Abganges, eine neue Firma, Next. Drei Jahre später präsentiert er den NextCube, einen der Konkurrenz technologisch überlegenen PC. 1989 erfindet Tim Berners Lee das World Wide Web – auf einem NextCube. Das Gerät ist aber kommerziell kein Erfolg.Dennoch sind die Jahre bei Next enorm prägend. Zwanzig Jahre später wird er diese Zeit als «eine der kreativsten meines Lebens» bezeichnen, in der «das Gewicht des Erfolgsdrucks von mir fiel und durch die Leichtigkeit, wieder ein Anfänger zu sein», ersetzt worden sei. Er legt grossen Wert auf die Firmenkultur, die er nach seinen Vorstellungen und auf seine Person zugeschnitten ausgestaltet.

Nebenbei kauft Jobs 1986 seinem Bekannten George Lucas für 5 Millionen Dollar dessen defizitäre Computer-Grafik-Firma namens Pixar ab. Doch dieses Geschäft harzt. Jobs ist mehrmals kurz davor, die Firma zu verkaufen, unter anderem interessiert sich Microsoft dafür. Anfang der Neunziger heiratet er Laurene Powell, die beiden haben drei Kinder. Mitte der Neunzigerjahre kehrt der kommerzielle Erfolg zurück. Der grosse Durchbruch gelingt Pixar 1995 mit «Toy Story», der Film spielt sagenhafte 350 Millionen Dollar ein. Anders als bei Next oder Apple, wo Jobs als diktatorischer Kontrollfreak gilt, mischt er sich bei Pixar nie in den kreativen Prozess ein.

Jahresgehalt: 1 Dollar

Ein Jahr später klopft Apple bei ihm an. Apple kauft Jobs ein Betriebssystem seiner Firma Next für 400 Millionen Dollar ab und holt ihn, zunächst als Berater, zurück. Geld ist allerdings kaum, was Jobs reizt – er sei nie daran interessiert gewesen, der reichste Mann auf dem Friedhof zu sein. «Ich war mit 23 Millionär, hatte mit 24 mehr als 10 und mit 25 schon über 100 Millionen Dollar», sagte er damals in einem Interview. «Ich will abends mit dem Gefühl ins Bett gehen, etwas Grossartiges gemacht zu haben.» Jobs arbeitete fortan für ein symbolisches Jahresgehalt von 1 Dollar.

Innert weniger als einem Jahr übernimmt er das Ruder bei Apple. Die Firma steht finanziell am Abgrund, alle Welt rechnet damit, dass das Unternehmen jeden Moment bankrottgeht oder geschluckt wird. Rivale Microsoft und dessen Windows regieren die Welt.Jobs schliesst unrentable Abteilungen und stampft die elektronische Agenda PDA Newton ein. Er holt Tim Cook an Bord, der die dilettantisch operierende Firma zu einer hoch rentablen Organisation umbaut. 1998 schockiert Steve Jobs die Apple-Fans mit einer Partnerschaft mit Microsoft, deren 150-Millionen-Dollar-Finanzspritze Apple kurzfristig am Leben erhält und Investoren das Vertrauen zurückgibt. Über Bill Gates sagt er gleichzeitig in der «New York Times»: «Er ist ein bisschen eng im Geiste. Er wäre wohl etwas vielfältiger, hätte er in seiner Jugend mal LSD genommen oder einen Ashram besucht.»

«Sag tausend Mal Nein»

1998 präsentiert Jobs der Welt den iMac, den «Internet-Mac», wie er damals genannt wird. Die runde Form und das bunte, halbtransparente Gehäuse unterscheiden ihn von allem, was man bis dahin an PCs gesehen hat. Der iMac wird eine Ikone seiner Zeit und macht Apple wieder hip. Apple vor dem Untergang zu bewahren und profitabel zu machen, zählt unbestritten zu den grössten unternehmerischen Leistungen Jobs. Aus dem stürmischen, teils unberechenbaren Jungunternehmer ist ein nicht minder ehrgeiziger, aber äusserst disziplinierter Manager geworden.

2001 stellt der Beatles-Fan einen MP3-Player vor, an dem vor allem die Bedienung via Klickrad neu ist. Kaum jemand ahnt, dass der iPod gemeinsam mit dem zwei Jahre später lancierten iTunes Music Store die Musikindustrie auf den Kopf stellen wird.

Pixar, seine andere Firma, verkauft er 2006 an Disney für 7,4 Milliarden Dollar, Jobs ist nun grösster Einzelaktionär des Unterhaltungskonzerns. Gleichzeitig gibt er weiterhin den Humanisten: «Ich würde alle meine Technologie gegen einen einzigen Nachmittag mit Sokrates eintauschen.»

Apple zum Unterhaltungskonzern umgebaut

In den folgenden Jahren baut Jobs Apple konsequent vom Computerhersteller zum Unterhaltungskonzern um, der unter anderem den grössten Musikladen der Welt betreibt. Mit dem iPhone erweitert er Apple 2007 um einen weiteren Geschäftszweig. Das Smartphone prägt die Telekommunikationsbranche ähnlich nachhaltig wie zuvor der iPod die Musikindustrie. 2011 ist Apple das am höchsten bewertete Technologieunternehmen der Welt.Steve Jobs war nie selbst der grosse Erfinder, doch er drückte Apples Produkten, vom Mac bis zum iPad, deutlich seinen Stempel auf. Ohne sein O.K. wird nichts lanciert. Auf die Frage, wie er es immer wieder schafft, so zielsicher den Publikumsgeschmack zu treffen, sagte er 2010 in einem Interview: «Es kommt unter anderem daher, tausend Mal Nein zu sagen, um sicherzustellen, dass wir nicht auf einen falschen Pfad gelangen oder zu viel machen. Nur so bleiben wir fokussiert auf das Wesentliche.» Er versteht Apple als «Schnittstelle zwischen Kunst und Technologie», für Jobs war immer klar, dass Computer sich dem Menschen annähern müssen und nicht umgekehrt.

Wenn Jobs zur Welt spricht, scheint sie ihm an den Lippen zu hängen. Seine Auftritte im schwarzen Rollkragenpulli (von St. Croix), verwaschenen Jeans (Levis 501) und Turnschuhen (von New Balance) werden von Jahr zu Jahr selbstbewusster und avancieren in den Nullerjahren zu einem Phänomen der Popkultur: Die Komikerin Tina Fey parodiert Jobs iPhone-Präsentation in ihrer TV-Serie «30 Rock», die Trickfilmserie «The Simpsons» zitiert ihn ebenfalls. Er diniert mit Bill Clinton, Al Gore sitzt in Apples Verwaltungsrat, Barack Obama lässt sich von ihm während des Wahlkampfs 2008 in Wirtschaftsfragen beraten. «Forbes» nennt denn Mann, der ein Auto ohne Nummernschild fährt, 2009 den «Manager of the Decade».

Kehrseite der Personifizierung

Überschattet werden seine späten Erfolgsjahre von seinen gesundheitlichen Problemen. 2004 wird bekannt, dass er einen Tumor an der Bauchspeicheldrüse hat, der operativ entfernt werden kann. 2009 muss er sich vorübergehend aus dem operativen Geschäft zurückziehen, erhält eine neue Leber. Bereits 2010 muss er erneut eine Auszeit nehmen. Die Börse reagiert jeweils verunsichert auf seine Abwesenheit – dies ist die Kehrseite seiner Personifizierung Apples. Die Geschäfte laufen aber auch in seiner Abwesenheit auf Hochtouren, Tim Cook führt das Unternehmen mindestens so erfolgreich. Und Jobs bleibt vom Krankenbett aus in die wichtigsten Entscheide eingebunden.

Im Frühjahr 2011 lässt es sich ein magerer Jobs nicht nehmen, die neuste Version des iPads persönlich zu präsentieren. Es wird das letzte grosse Apple-Produkt sein, das er der Welt vorstellt, sein letzter Streich. Im Juni schwört er die Entwickler von iPhone-Apps und Macintosh-Software noch auf Apples Cloud-Computing-Strategie ein, doch bei diesem Auftritt ist er bereits stark abgemagert und wirkt geschwächt. Ende August tritt er als CEO zurück, «der Tag ist gekommen, an dem ich meine Aufgaben nicht mehr erfüllen kann». In der Nacht auf den 5. Oktober ist Jobs seinem Krebsleiden im Kreis seiner Familie erlegen.

Erstellt: 07.10.2011, 12:11 Uhr

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