Emojis sind für Grünschnäbel

Auf WhatsApp mit Smileys um sich werfen kann jeder – doch damit sind die Möglichkeiten nicht ausgeschöpft: Tipps für typografische Geniesser.

Wer noch die «Arial» benutzt, ist selbst schuld. Und auch für die «Comic Sans» gibt es eine gute Alternative.
Video: Matthias Schüssler

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Längst hat die Wissenschaft die Emojis für sich entdeckt: Leute, die ihre Nachrichten gerne mit den schrillen Piktogrammen würzen, hätten mehr Sex, will die eine Studie herausgefunden haben. Eine andere Untersuchung warnt: Wer sie in seine Geschäfts-Mails einfliessen lässt, läuft Gefahr, inkompetent zu wirken.

Die Emojis sind indes nur die grellbunte Spitze des Eisbergs. Als Teil des internationalen Unicode-Standards, der die Schriftzeichen für Computer und Smartphones normiert, gehören sie in den Bereich der digitalen Typografie. Sie sind Teil der neuen Gestaltungsmöglichkeiten, die sich bei der Schriftverwendung in den letzten Jahren aufgetan haben. Es gibt neben den Emojis viele kleine Neuerungen, um die etwas weniger medialer Wind gemacht wird. Und diese Innovationen gefallen vielleicht auch denen, die die Emojis nicht als kommunikative Revolution, sondern als Rückschritt und Gefahr für die Zivilisation betrachten.

Die besten dieser Neuerungen stellen wir im Video vor:

Der riesige Zeichenvorrat. Moderne Schriften enthalten nicht nur das Alphabet, die deutschen Umlaute und die gängigen Satzzeichen, sondern sind für sämtliche gängigen Sprachsysteme gerüstet: Ob tschechisch, polnisch oder isländisch, nie ist man um die passenden Buchstaben verlegen und kann auch Antonín Dvorák, Stanislaw Lem oder Eyþór Guðjónsson mit den richtigen Häkchen, Strichlein und Schleifchen ausstatten.

Allerdings ist es nicht einfach, aus diesem riesigen Fundus die passenden Zeichen hervorzukramen. Da hilft zum einen unicode-table.com: Diese Website listet Zeichen nach der offiziellen Unicode-Kategorisierung auf. Man kann nach Zeichen suchen und sie per Copy-Paste ins passende Programm übernehmen. Wenn es dort nicht angezeigt wird, dann einfach eine besser ausgebaute Schrift auswählen – «Arial Unicode» sollte in vielen Fällen weiterhelfen.

Auf Shapecatcher.com zeichnen Sie die gesuchte Form und erhalten Vorschläge von Zeichen, die dazu passen könnten. Tipps und Tricks zu diesem Webdienst finden Sie hier.

Harmonische Schriftbilder mit Liebe zum Detail. Moderne Computer-Zeichensätze (Stichwort Opentype) können Zeichenvarianten für alle typografischen Finessen enthalten, zum Beispiel unterschiedliche Ziffern für tabellarische Aufstellungen und Fliesstext, besonders verzierte Zeichenvarianten für Titel und Initialen oder extra gestaltete Brüche.

Diese Schrift ist ein wahrer Verwandlungskünstler.

Oder die Ligaturen: Sie lösen das Problem, dass manche Buchstabenkombinationen nicht schön aussehen, weil sich die Zeichen ins Gehege kommen: So neigt bei machen Schriften ein kleines f dazu, mit nachfolgendem l zu überlappen. Die Ligatur vermeidet das, indem für solche Kombinationen extra gestaltete Doppelzeichen zum Einsatz kommen, die auch die Lesbarkeit erhöhen.

Diese typografischen Möglichkeiten werden in vielen Programmen allerdings sträflich vernachlässigt. Hier ist aber erklärt, wie Sie sie nutzen und wie Sie passende Schriften installieren.

Die grosse Auswahl an schönen Gratisschriften. Das Internet war anfänglich eine typografische Einöde: Das lag daran, dass die Browser nur die Schriften verwenden konnten, die auf dem Betriebssystem des Anwenders installiert waren – und da gab es zwischen Windows, Mac, Unix und Linux nur einen kleinen gemeinsamen Nenner. Das hat sich geändert, nicht zuletzt dank Google: Der Suchmaschinenkonzern stellt unter fonts.google.com mehr als 800 Schriften zur Verfügung, die Webdesigner mit sehr wenig Aufwand in ihre Webseiten einbinden können.

Eines der weniger bekannten Verdienste von Google: Die Schriftenvielfalt im Netz, von der auch Privatanwender profitieren können.

Und die Schriftsammlung von Google hat einen weiteren Vorteil: Die Schriften dort sind alle für den freien Gebrauch vorgesehen. Als Nutzer können Sie sie herunterladen und auf Ihrem Windows-PC oder Mac installieren. Daraufhin stehen die Schriften in jeder Anwendung zur Verfügung. Am iPhone oder iPad ist die Verwendung zusätzlicher Schriften allerdings etwas umständlicher. Wie es geht, ist hier beschrieben.

Eine Website mit einem grossen Fundus an Gratisschriften ist dafont.com. Und wenn Sie in einer Zeitung, Zeitschrift oder auf einem Plakat eine Schrift entdecken, die Ihnen gefällt und die Sie gerne benutzen möchten, dann hilft die App What The Font dabei, sie zu identifizieren (gratis für iPhone und Android). Wie die App funktioniert, wird im Video vorgeführt und weitere Tipps gibt es hier.

Mit anderen Worten: Wer noch die «Arial» benutzt, ist selbst schuld. Und auch für die meistgehasste Schrift – die «Comic Sans» – gibt es inzwischen eine gute Alternative.

Die eigene Handschrift als Computerfont. Für Besitzer eines iPads ist es nur eine kleine Geduldsübung, die eigene Handschrift mit iFontMaker (8 Franken) zu digitalisieren. Sobald sie als Computerfont vorliegt, lässt sie sich nicht in Word und jeder beliebigen anderen Text- oder Gestaltungs-App verwenden. Wie genau das geht, beschreibt diese Anleitung.

Die eigene Handschrift in Word? Eine Kleinigkeit!

Einige Dinge bleiben im Video unerwähnt, beispielsweise die noch relativ neue Möglichkeit von farbigen Schriften. Sie wurden vor Kurzem standardisiert und finden ihren Weg so langsam in die Layout-, Textverarbeitungsprogramme und die Internetbrowser. Und natürlich hat auch diese Neuerung etwas mit den Emojis zu tun: Da diese Schriftzeichen, anders als klassische Schriftzeichen nicht bloss aus Umrissen bestehen, sondern eine differenzierte Farbgebung aufweisen, musste der Standard für Computerschriften entsprechend erweitert werden. Es ist somit nur eine Frage der Zeit, bis die klassische Bleiwüste zur Farborgie mutiert. Den einen wird es gefallen, den anderen zu viel des Guten sein. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.03.2018, 10:27 Uhr

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In der Videoreihe «Digitale Patentrezepte» gibt Matthias Schüssler exklusiv für Tagesanzeiger.ch/Newsnet einmal pro Woche praxiserprobte Hilfestellung zur souveränen Bewältigung des digitalen Alltags.

Falls Sie ein Anliegen haben, das sich für die Behandlung in unserer neuen Rubrik eignen würde, dann unterbreiten Sie uns das bitte über die Kommentarfunktion oder schreiben Sie an matthias.schuessler@tages-anzeiger.ch.

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