Interview

«Google würde noch mehr Daten über unser Leben sammeln»

Smartphones und Tablets sind erst der Anfang: Der Suchmaschinenkonzern strebt mit Android die Eroberung der gesamten Techwelt an. Experte Sascha Pallenberg sagt, wie weit das gehen wird.

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Herr Pallenberg, 2005 hat Google Android Inc. gekauft. War das im Rückblick die klügste Investition, die der Suchmaschinenkonzern getätigt hat?
Es war nicht nur eine kluge, sondern eine notwendige Investition! Weit über 90 Prozent des Umsatzes von Google werden mit Werbung erzielt und durch die immensen Wachstumsraten bei den Smartphone-Verkäufen musste sich Google auf diesen Markt einstellen und sich dort positionieren. Das mobile Web ist keine Zukunftsvision, es findet statt und selbstverständlich muss Google dieses Potenzial nutzen. Ich bin mir absolut sicher, dass dies bereits vor sieben Jahren von Google so gesehen wurde.

Wie würden Sie einem Laien die Vorzüge von Android erklären?
Android ist eine Software, welche nicht nur von einem Hersteller eingesetzt wird. Dieses Betriebssystem findet man inzwischen weltweit auf unzähligen Geräten. Im Vergleich zu iOS und Windows Phone, wo der Nutzer nur zwischen einem guten Dutzend Plattformen wählen kann, sind durch Android individuellere Hardwareplattformen möglich geworden. Vom Einstiegssmartphone für unter 200 Franken bis zum Highend-Gerät für über 800 Franken bietet Android eine grosse Bandbreite.

Offen heisst gefährlich. Sicherheitslücken sind ein Problem.
Prinzipiell bietet ein offenes Betriebssystem einem potenziellen Angreifer oder Programmierer einer Virensoftware weitaus mehr Angriffsfläche, das ist richtig. Denn er kann den Quellcode einsehen. Das Beispiel des Betriebssystems Linux zeigt aber, dass die Community der Entwickler gerade durch diese Offenheit die besagten Lücken weitaus schneller schliessen kann.

Glaubt man dem spanischen Sicherheitsunternehmen S21sec ist Apples Betriebssystem iOS unsicherer als Android. Man mag es kaum glauben.
Diese Studie zu bewerten, ist extrem schwierig, da die Kriterien hier nicht genannt werden. Ob geschlossen oder offen: Für das Angriffspotenzial ist die Verbreitung einer Plattform zentral. Entwickler von Viren und Trojanern interessieren sich nur für marktbeherrschende Plattformen, weil sie hier den grössten Erfolg haben. Deshalb werden Microsofts Windows und Googles Android häufiger attackiert.

Wann wird Google Apple bei den Tablets überholen?
Ein einzelner Hersteller kann Apple nicht gefährlich werden, aber die schiere Masse an Android-Tablets ist der Garant für den Erfolg auf dem Tablet-Markt. Ende 2011 hat Android über 40 Prozent des globalen Tablet-Markts eingenommen, nicht mehr lange und es werden mehr als 50 Prozent sein. Doch das ist für Apple überhaupt kein Beinbruch, mit dem iPad wird Cupertino auch in Zukunft der stärkste Tablet-Hersteller sein.

Es gibt viele Grossfirmen – etwa Samsung, LG oder HTC –, die auf Android setzen. Welches von diesen Unternehmen macht aus der Zusammenarbeit mit Google das Beste?
Ich unterteile den Tablet- und Smartphonemarkt in drei Segmente:

  • Die Geräteklasse unter 200 Franken, die von den sogenannten White-Box-Herstellern (Anbieter ohne Markennamen, Red.) aus China bestimmt wird.
  • Zwischen 200 und 600 Franken finden wir viele Produkte von taiwanesischen Herstellern, aber auch von Firmen wie Samsung, Sony, Motorola und LG.
  • Ab 600 Franken – also im Premiumsegment – bleiben eigentlich nur noch Apple und Samsung übrig.

Angesichts der Breite des Produktportfolios und der Qualität der Hardware, muss ich Samsung herausheben. Der weltweite Erfolg gibt den Koreanern Recht. Das taiwanesische Unternehmen HTC hat 2011 Marktanteile durch eine verfehlte Produktpolitik verloren. Es konsolidiert sich derzeit aber und bietet gut angepasste Android-Versionen an. LG, Sony sowie das von Google erworbene Motorola haben definitiv noch eine ganze Menge Luft nach oben und müssen versuchen, ihr Potenzial auszuschöpfen, um nicht von Firmen wie Huawei und ZTE überholt zu werden.

Was trauen Sie diesen chinesischen Unternehmen zu?
Viele Kunden in westlichen Ländern werden sich noch wundern, wie potent die chinesischen Hersteller sind. ZTE ist nach Nokia, Samsung und Apple bereits jetzt der viertgrösste Mobile-Hersteller der Welt, Huawei liegt auf Platz 6 – und beide schicken sich an, die Top 3 anzugreifen.

Ein kühnes Unterfangen.
Auf dem Mobile World Congress in Barcelona hat man gesehen, dass ZTE und Huawei erstklassig verarbeitete Produkte zu günstigen Preisen anbieten, welche die der Konkurrenz um einiges unterbieten werden. Dies ist letztlich der grosse Vorteil dieser Hersteller.

Android ist im Smartphone- und Tabletmarkt sehr stark. Aber bald wohl nicht mehr nur dort.
Android entstand zwar als mobiles OS, breitet sich aber inzwischen auf völlig neuen Märkten aus und wird in Zukunft auf vielen Plattformen laufen, die zuvor traditionellen Linux-Systemen und Windows Embedded vorbehalten waren. Wir sehen zurzeit diverse Projekte, die mit Smartphones relativ wenig zu tun haben. Etwa Car-PCs und Bordcomputer, Videokonferenzsysteme, Mediaboxen für den TV-Empfang sowie Virtual-Reality-Brillen, die unter Android laufen.

Samsung könnte bald eine Kamera mit Android-OS auf den Markt bringen. Würde Sie das überraschen?
Nein, überhaupt nicht. Das wäre ein logischer Schritt für mich. Wie gesagt: Es gibt kaum Hardware-Limitierungen – auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, dass Android in den nächsten zwei Jahren als Desktop-Betriebssystem für Aufsehen sorgen wird. Der nächste Schritt werden Point-of-Sale-Plattformen sein, also Verkaufsplattformen direkt für diese Software. Aber auch in der Medizin kann ich mir Android als sinnvolle Alternative zu sogenannten embedded (also integrierten, spezialisierten) Versionen von Windows vorstellen.

Konkret?
Möglich, dass wir in naher Zukunft unsere Bahntickets an einem Automaten kaufen, der mit Android läuft. Oder dass Röntgengeräte mit Google-Software ausgeliefert werden.

Vor einem Jahr stellte Google das Projekt Android@Home vor. Damit soll man bald den gesamten Haushalt steuern können. Auch Microsoft propagiert das vernetzte Haus seit längerem. Mehr als Ankündigungen haben den Normalnutzer bislang nicht erreicht.
Es besteht kein Zweifel, dass das vernetzte Haus für Google ein riesiger Zukunftsmarkt ist. Der Staubsaugerroboter kann dann via Android aktiviert werden, wobei die Android-Überwachungskamera die aktuellen Bilder aufs Smartphone sendet und der mit Android laufende digitale Rekorder die aktuellen Nachrichten aufzeichnet.

Dieses Szenario lässt sich auch auf Waschmaschinen, Kühlschränke und Heizungen anwenden.
Ja, Android wird auch auf diesem Markt in den nächsten Jahren erfolgreich sein. Ich frage mich aber, ob dies dann nicht sogar eine eher erschreckende Zukunftsvision ist – zumindest wenn es sich um an Google gebundene Android-Plattformen handelt. Google würde auf diese Art und Weise noch mehr Daten über unser Leben sammeln und extrem detaillierte Profile erstellen können. Dieses Szenario löst selbst bei einem Technikfreak wie mir Übelkeit aus.

Erstellt: 22.03.2012, 15:09 Uhr

Sascha Pallenberg (40) ist Blogger und Consultant, lebt in Taiwan und betreibt die beiden Blogs Netbooknews.de und Netbooknews.com.

2010 erhielt er den Top 20 Smart Mobile Device Pundits Award des texanischen Halbleiterherstellers Freescale und wurde in die Liste der 20 einflussreichsten Mobile-Computing-Experten weltweit gewählt - eine Auszeichnung, welche er 2011 und 2012 als einziger Europäer wieder erhalten hat.

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