Gott bewahre uns vor Gähnsitzungen!

Powerpoint hat die Präsentationskultur über Jahrzehnte geprägt – und auch zu deren Verluderung geführt, wie Kritiker monieren. Nun kommt Wind in die Sache.

Neue Werkzeuge für Referenten: Sway, Pecha Kucha, Bunkr & Co. erleichtern den Vortrag. Foto: Design Pics, Images.de

Neue Werkzeuge für Referenten: Sway, Pecha Kucha, Bunkr & Co. erleichtern den Vortrag. Foto: Design Pics, Images.de

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Der durchschlagende Erfolg von Microsoft Office hat auch Powerpoint zum Mass aller Dinge erhoben. Das Präsentationsprogramm hat die Meeting-Kultur so weit durchdrungen, dass eine Produktvorführung, eine Konzeptschau oder eine Budgetbesprechung ohne eine Folienlawine nicht mehr denkbar ist.

Statt die vielen Möglichkeiten für visuelle Hilfsmittel auszuschöpfen und auf die Wandtafel, das Whiteboard oder den Hellraumprojektor zurückzugreifen, dominiert heute «Slideware» die Sitzungszimmer. Edward Tufte hat das im «Wired»-Magazin schon 2003 in Bausch und Bogen verdammt: «Stellen Sie sich ein verschreibungspflichtiges Medikament vor, das Dummheit herbeiführt, alle in Langweiler verwandelt, Zeit verschwendet und die Qualität und Glaubwürdigkeit von menschlicher Kommunikation entwertet.» Ein solches Medikament würde zurückgezogen. Powerpoint dagegen wird kritiklos geschluckt.

Farblos und langweilig

Dabei fordert das Tool gerade diejenigen Verhaltensweisen, die einer packenden Präsentation abträglich sind. Der Ablauf wird von der Zahl der Folien und deren Bullet Points diktiert. Für Unterhaltung sorgen Animationseffekte, die Cliparts und Videos. Weil der Referent sich selbst entlang der Slides durch den Stoff hangelt, entweicht jedes Leben aus der Show. Die Technik dominiert, nicht die Inhalte oder die Beziehung zwischen Referent und dem Publikum. Das gilt insbesondere, wenn der Beamer streikt, der Ton des (offenbar unverzichtbaren) Videos nicht zu hören ist oder – Gott bewahre! – der USB-Stick mit der PPS-Datei unlesbar ist.

Da gibt es die Präsentatoren, die in winziger Schrift sämtliche Fakten des Referats noch einmal auf die Folien packen. Das Publikum weiss dann nicht, ob es lesen oder zuhören soll. Da gibt es die Vortragenden, die durch ein Schlagwortgewitter oder durch unfassbar komplexe Diagramme beeindrucken, statt auf visuelle Weise den Inhalt dezent zu untermauern. Das Gesagte und Gezeigte klafft meilenweit auseinander, weil die Folien die kommenden 15 Punkte bereits vorwegnehmen. Powerpoint ist zwar nicht komplett nutzlos, aber es wird zu oft falsch eingesetzt.

Jetzt hat selbst Microsoft darüber nachgedacht, wie die Präsentation der Zukunft aussehen müsste. Mit Sway.com bringt das Unternehmen ein Angebot auf den Markt, das die Ambition hat, eine neue Ausdrucksform zu etablieren. Es gibt die Anwendung zwar erst als Vorabversion, doch es ist bereits klar, dass Microsoft sie nicht nur für die Leinwandprojektion, sondern als eine Art universelles Gestaltungs-Tool plant. Präsentationen lassen sich übers Netz anbieten und über Tablets und Smartphones betrachten. Die Gestaltung geht über das starre Powerpoint-typische Gestaltungsraster mit einem bunten Hintergrund, einem Titel und einigen Stichworten hinaus. Die Inhalte werden frei platziert und mit Multimedia-Elementen aufgewertet. Sway kann entsprechend nicht nur referatbegleitend, sondern auch für eigenständige Vorführungen oder interaktive Magazine verwendet werden. So, wie Powerpoint zweckentfremdet wird, um aufbauende oder lustige Bildersammlungen durchs Netz zu mailen. Sway wird erst als Webapp und für iOS erscheinen. Weitere Versionen für Android und Windows sollen folgen.

Jeder Vortrag ein Happening

Einen eigenen Ansatz gegen die Langeweile verfolgt der Webdienst Pecha Kucha (Pechakucha.org). Auf Deutsch heisst der japanische Begriff so viel wie Geplauder. Das Werkzeug diktiert die Präsentation: 20 Bilder laufen automatisch ab. Jedes wird exakt 20 Sekunden lang gezeigt. Eine Präsentation ist immer 6 Minuten und 40 Sekunden lang – egal, worum es geht. Pecha Kucha wurde von Astrid Klein und Mark Dytham erfunden, die in Tokio als Architekten ­arbeiten. Sie haben den Dienst explizit für ihresgleichen entworfen: «Gib einem Architekten ein Mikrofon und ein paar Bilder, und er wird ewig sprechen.» Und sie ergänzen: «Das Gleiche machen ­übrigens auch alle anderen, wenn man ihnen Powerpoint gibt.»

Pecha Kucha befeuert auch kreative Happenings. Bei den Pecha Kucha Nights, die es laut den Erfindern in 680 Städten weltweit gibt, dürfen Themen nach freier Wahl abgehandelt werden: Hauptsache fokussiert und konzentriert. Pecha Kucha Nights werden auch in Bern abgehalten*. Das Pecha-Kucha-Prinzip lässt sich natürlich auch für Powerpoint adaptieren. Man lässt alleine Bilder sprechen und setzt bei «Übergänge» einen fixen Timer von 20 Sekunden. Unzufriedenheit mit der tristen geschäftlichen Präsentationsroutine hat auch zu Prezi (Prezi.com) geführt. Diese Webanwendung arbeitet mit einem riesigen Whiteboard, auf dem die ganze Präsentation Platz findet. Die einzelnen Elemente – Textschnipsel, Bilder, Videos oder Skizzen – werden über einen Pfad verbunden. Während der Präsentation verschiebt man den projizierten Bildausschnitt über dieses Whiteboard. Die Idee hinter Prezi liegt auf der Hand: Das Thema der Präsentation ist gestalterisch eine Einheit, die es zu erschliessen gilt. Die Bestandteile werden im Verlauf des Vortrags dekonstruiert, und der Zuschauer erlebt eine Reise durch eine Art Ideenlandschaft. Diese Methode eignet sich für kreative Gemüter, die ihre Projekte skizzierend oder mit Mindmaps entwickeln. Für Präsentatoren, die Struktur und Gliederung im Vortrag erwarten, ist Prezi definitiv zu zügellos.

Teamwork bei Bunkr

Wer Präsentationen mit Powerpoint gleichsetzt, der hat eine zu enge Sicht auf diese Disziplin. Es gibt längst Alternativen. Zu erwähnen sind auch Keynote von Apple und die offene Alternative Impress aus Libreoffice. Beide Programme arbeiten wie Powerpoint mit Folien. Keynote tut sich durch eine einfachere Bedienung und gefälligere Optik hervor. Mit Bunkr (Bunkr.me) existiert ein weiterer folienbasierter Präsentationshelfer. Er hat sich auf die Teamarbeit spezialisiert. Bilder, Textschnipsel, Notizen und Zitate werden in einer gemeinsamen Inhaltsbibliothek verwaltet. Mehrere Leute dürfen an der gleichen Präsentation arbeiten.

Auch Bunkr will den übermächtigen Dominator vom Sockel stossen: «Bei Bunkr stärken wir täglich unsere Kriegerseele. Da wir einen grossen Gegner angreifen, wird der Kampf lang dauern.» Präsentationen nicht als Einzelkampf, sondern als Teamleistung – auch das durchaus ein Ansatz, der sich vom angestammten Office-Trott unterscheidet.


* Anmeldung für die Pecha-Kucha-­Veranstaltungen in Bern über ­pechakuchanight.ch. In Deutschland gibt es die Events in Köln und in Berlin; die Anmeldung erfolgt via Pechakucha.de. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.10.2014, 17:32 Uhr

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